Cham
Weder Jude, Christ noch Moslem

David

Etwa 1000 vor Christus habe ich das israelitische Reich vollendet. Die 250 Jahre seit Moses waren von Kriegen erfüllt. Die Zeit in der Wüste hatte dazu gedient, aus den wehrfähigen Männern eine geschlossene Truppe zu schmieden. Nach Moses' Tod wurde die Gleichschaltung der Israeliten weiter vorangetrieben. Josua konnte alle Macht an sich reißen und wurde Moses' Nachfolger. Er verlangte bedingungslosen Gehorsam.

Josua 1, 16-18:
Alles, was du uns befiehlst, wollen wir tun...Jeder, der sich deinem Befehl widersetzt...soll sterben.

Josua 14, 9:
...das Land...soll dir...als Erbbesitz zufallen...weil du...völlig gehorsam warst.

Josua richtete die Truppe zwischen Erniedrigung und der Phantasie baldiger Großartigkeit wie eine Lanze aus. Die Forderung nach völligem Gehorsam war erniedrigend. Dem stand die Verheißung gegenüber, dass Gott das "auserwählte Volk" einst über alle Erdenvölker erhöhen wird und Israel als gefürchtetes Haupt der Menschheit die Habe der Völker genießt (5 Moses 28, Isaias 61, 5-6). Diese Aussicht war grandios. Der Führung gelang es, all die Spannung, die ihr Credo durch diesen Widerspruch erzeugte auf ihre Ziele auszurichten; ohne die eigenen Befugnisse durch eine Festlegung auf moralische Inhalte einzuengen. "Gehorsam" beschreibt ein Herrschaftsverhältnis. Er macht den einen zum Werkzeug des anderen. Er ist ein leeres Gefäß, das der Mächtige nach Bedarf füllen kann. Einmal heißt der Inhalt: Du sollst nicht töten! Das andere Mal: ...verflucht, wer sein Schwert zurückhält vom Blut! (Jeremias 48,10) und es töte ein jeder selbst den Bruder, Freund und Nächsten (2 Moses 32, 27). Nachdem der Grenzfluss überschritten war, säuberte Josua die eroberten Gebiete. Er liquidierte alle Gefangenen sowie die Zivilbevölkerung. Jericho wurde ausgelöscht, dann Aj, Libna, Lachis, Eglon, Hebron, Chazor.

Jesus Sirach 46, 2:
Wie herrlich war er (Josua), wenn... er...den Speer schwang wieder eine Stadt!

Josua 6, 21-24:
Sie vollstreckten an allem, was zur Stadt (Jericho) gehörte, den Bann, an Mann und Frau, an Kind und Greis...Die Stadt...steckten sie in Brand;...Gold und Silber...brachte man in den Schatz...des Herrn.

Josua 8, 26:
Josua zog seine Hand...nicht zurück, bis er an allen Bewohnern von Aj den Bann vollzogen hatte.

Josua 10, 28-40:
An jenem Tag nahm Josua Makkeda ein...und vollstreckte den Bann an...allen...Lebewesen... Josua schlug es (Libna) samt allen seinen Bewohnern...Josua nahm es (Lachis) am zweiten Tage ein, schlug es samt allem, was darin lebte...Josua und ganz Israel zogen weiter von Lachis nach Eglon...An allem Lebendigen vollstreckten sie...den Bann...Man...schlug Hebron...samt...allen...Lebewesen darin...Josua schlug das ganze Land...Niemand ließ er entkommen; alles, was Odem hatte, bannte er, wie der Herr, der Gott Israels, befohlen hatte.

Josua 11, 14:
Alle Beute...nahmen die Israeliten. Jedoch alle Leute schlugen sie...bis zu ihrer völligen Vernichtung;

Anfangs war der militärische Erfolg beträchtlich. Das hielt aber nicht an. Teils lag es am Widerstand der Kanaaniter, teils an dem der Hebräer. Der Krieg hatte gezeigt, dass es nicht reichte, sich dem Kult zu unterwerfen, um ohne Verluste Beute zu machen. Im Vorfeld hatte man Phantasien geschürt: Beim Angriff kämen himmlische Heerscharen zu Hilfe. Sie garantierten einen Blitzkrieg. Pustekuchen! Da vom Himmel keine Hilfe kam, wurde die Loyalität an den Rändern brüchig. Die Kampfmoral nahm ab. Befürworter von Kompromisslösungen meldeten sich zu Wort. Sie konnten nur schwer unter Kontrolle gebracht werden.

Josua 15, 63:
Doch die Jebusiter...konnten die Söhne Judas nicht vertreiben. Die Jebusiter blieben also mit den Judäern in Jerusalem wohnen bis heute.

Aufgeschoben war nicht aufgehoben. Die Vorgabe Moses' blieb Maßstab allen Denkens durch Jahrhunderte hindurch. Das Credo gab das Ziel einer vollständigen Besetzung Kanaans niemals auf. Dementsprechend wohnten die Judäer zunächst mit den Jebusitern zusammen. Später löschten sie die Einheimischen aus.

Richter 1, 8:
Die Judäer...nahmen es (Jerusalem) ein, schlugen es mit des Schwertes Schärfe und steckten die Stadt in Brand.

Ähnlich verfuhren die Stämme Manasse und Ephraim. Mit den Kanaanitern der Gebiete, die sie nicht sofort säubern konnten, lebten sie zunächst in einem Gleichgewicht der Macht. Später haben sie die Einheimischen unterjocht.

Josua 16, 10:
Aber die Kanaaniter, die in Geser wohnten, konnten sie nicht vertreiben; sie blieben also bis heute in Ephraims Mitte wohnen, wurden aber Fronknechte.

Josua 17, 12-13:
Doch die Söhne Manasses waren außerstande, diese Städte in Besitz zu nehmen; daher entschlossen sich die Kanaaniter in diesem Land weiter zu wohnen. Als die Israeliten allmählich stärker wurden, machten sie die Kanaaniter fronpflichtig. (Dazu eingehend: Richter 1, 27-36)

Ziel der Politik blieb, den Glauben ebenso rein zu halten wie die ethnische Geschlossenheit des Volkes. Beides erwies sich als schwierig, da sich nur die Judäer und Leviten dem Endziel verschrieben. Die übrigen Stämme waren unzuverlässig. Sie neigten zur Verbrüderung mit Fremdstämmigen und kulturellem Pluralismus.

Josua 23, 1-13:
...Josua war alt und hochbetagt...und sprach zu ihnen:"...ich habe euch als Erbbesitz diese Völker zugeteilt, die noch übrig sind von den Völkern, welche ich vertilgte...Ihr sollt euch nicht...unter jene...Völker mischen...Denn...verschwägert ihr euch mit ihnen und vermischt ihr euch mit ihnen...so...(wird) der Herr...diese Völker nicht mehr...vertreiben.

Israel als heilige Einheit anderen Völkern gegenüber auf Distanz zu halten, war für den Glauben unverzichtbar. Moses hatte sich zur Verwirklichung seiner politischen Träume an ein Volk gewandt; nicht an das Individuum vor Gott. Ein Volk kann aber nur dann das eine auserwählte Volk bleiben, wenn es andere gibt, von denen es sich unterscheidet.

Ezechiel 37, 28:
Dann erkennen die Heidenvölker, dass ich, der Herr, es bin, der Israel heiligt...

Psalm 148, 14:
Seinem Volk verlieh er...Macht. Ein Lobgesang für...Israels Söhne, das Volk, das ihm nahen darf.

Der Kampf um die ethnische Reinheit der Hebräer wurde bis in die mythische Zeit zurückdatierte. Rebekka, der Mutter des Stammvaters Israel, galt die Vermischung ihres Blutes mit fremdem als Gräuel. Sie hätte dann nicht mehr gewusst, wozu sie überhaupt noch leben sollte.

1 Moses 24, 3:
Du sollst für meinen Sohn keine Frau unter den Töchtern der Kanaaniter suchen, in deren Mitte ich wohne!

1 Moses 26, 34 - 27, 46:
Als Esau vierzig Jahre alt geworden war, nahm er sich die Jehudit, die Tochter des Hethiters Beeri, und die Basmat, die Tochter des Hethiters Elon, zu Frauen...Rebekka sprach zu Isaak: "...wenn auch Jakob sich ein solches Weib von den Hethitern aussucht, eine von den Töchtern des Landes, was soll ich dann noch leben?"

1 Moses 28, 1:
Isaak ließ den Jakob rufen...und sprach zu ihm: "Suche dir keine Frau unter den Töchtern Kanaans!"

Rebekkas Sohn Esau vermählte sich mit hethitischen Frauen. Er durchbrach das Prinzip und schied aus dem Stammbaum des auserwählten Volkes aus. Auch sonst haben die Israeliten das Prinzip nicht durchgehalten. Es gab Abweichungen: Moses' erste Frau war fremdstämmig. Die Heirat fand allerdings vor seinem politischen Aufstieg statt. Dann ging er zum Ärger Aarons und Mirjams mit einer Kuschitin ins Bett. Kusch lag in Afrika. Man denke außerdem an die erbeuteten Mädchen Midians, deren Erbgut ins israelitische floss und auch bei späteren Eroberungen hat man nicht immer alle Feinde umgebracht. Man genoss deren Frauen - wie es so schön heißt (5 Moses 20). Schließlich gestand die Staatsraison auch mir die schöne Batseba zu. Batseba war Hethiterin. Trotz dieser Abweichungen war die Trennung zwischen Israeliten und Kanaanitern ein zentrales Thema im Glaubenskampf. Logisch: Dem Endsieg stand es im Wege, mit Völkern verschwägert zu sein, die man noch zu liquidieren plante. Die Trennlinie musste klar bleiben.

1 Moses 25, 23:
"Zwei Völker sind in deinem (Rebekkas) Schoße...die eine Nation (Israel) wird stärker sein als die andere (Esau), die ältere (Esau) wird der jüngeren (Israel) dienen."

Esau galt (1 Moses 36) als Stammvater der Edomiter, eines der ewigen Feindvölker Israels, der im Kosmos der Gefolgschaft Jahwes eine Sklavenrolle zugedacht war und dessen "Bestrafung" Gott angeblich in die rächenden Hände seines Volkes legte (Ezechiel 25, 14).

Das erste Buch Moses heißt "Genesis". Das ist kein Zufall. Die Begriffe "Genetik" und "Genesis" stammen aus derselben Wurzel. Ihr Thema - die Abstammung - hat das Weltbild Europas geprägt. Dafür sind Mythen da: dass sie die Kultur prägen, deren Grundlage sie sind. Ein Mythos, der das nicht schafft, wird schnell vergessen. Wenn eine religiöse Tradition sich auf ein Buch beruft, dessen erstes Kapitel sich mit einer Abstammungslehre befasst, die ein Herrschaftsverhältnis zwischen einem Volk und allen anderen begründet, dann ist das kaum zu unterschätzen. Taucht in der Kultur, die dieser Mythos prägt, dasselbe Thema an anderer Stelle auf, muss man die Weichenstellung der Geschichte sehen. In der Musik ist jedem klar: Der Refrain folgt dem Ansatz. Die Politik verleugnet das.

Josua hatte das eroberte Gebiet in Sektoren aufgeteilt und den Stämmen zugeordnet. Den Leviten fiel kein Stammesgebiet zu. Dafür bekamen sie ein Sonderrecht: den mosaischen Kult liturgisch und ökonomisch zu verwalten.

Ezechiel 44, 28-30:
Einen Erbbesitz dürfen sie nicht haben, denn ihr Erbbesitz bin ich. Auch sollt ihr ihnen kein Eigentum zuteilen in Israel, denn ihr Eigentum bin ich. Das Speise-, Sünd- und Schuldopfer sollen sie essen; alles, was in Israel dem Bann verfallen ist, gehöre ihnen! Das Vorzüglichste von allen Erstlingen...und alle Weihegaben jeder Art...sollen den Priestern gehören...

Nach der Vernichtung des Stammes Benjamin, lag Jerusalem auf dem Gebiet Judas. Man machte es zur Hauptstadt. Die Führung versuchte die Opposition durch eine Konzentration der Macht zu unterdrücken. Deshalb fasste sie das Finanzressort mit dem Justizministerium und der Heeresführung unter dem Primat des religiösen Kults zusammen. Jerusalem war das Zentrum dieser Macht. So verwundert es nicht, dass Juda mit den Leviten koalierte. Es wurde zum Namenspatron jener Religion, die ihm - als dem Kontrolleur der Hauptstadt - nebst den Leviten am meisten nutzte.

5 Moses 14, 22-27:
Den gesamten Ertrag deiner Aussaat...sollst du alljährlich gewissenhaft verzehnten...Nimm das Geld im Beutel mit dir, begib dich nach der Stätte (des Herrn)...dann kaufe alles was dein Herz begehrt, Rinder und Schafe, Wein und Rauschtrank...Aber auch den Leviten, der in deinen Ortschaften wohnt, darfst du nicht im Stich lassen, denn er hat keinen Anteil (an Land) und kein Erbe bei dir.

Je mehr sich die Stämme Israels dem Anspruch Judas beugten, je mehr Opfer sie nach Jerusalem brachten, desto mehr blühte dort das Geschäft. Kriegsbeute galt als unrein, bis sie - in Jerusalem - durch Feuer gereinigt war. Dann ging sie in den Besitz der Führung über. So nutzten die Reinheitsgebote der Kontrolle der Finanzen.

4 Moses 31, 22:
Gold und Silber...überhaupt alles was Feuer verträgt, müsst ihr durch das Feuer hindurchziehen, dann ist es rein.

Ebenso wie das Gebot der ethnischen Reinheit hat die Bibel das Ziel Judas, im Bund mit Levi Macht und Reichtum zu kontrollieren, als göttlichen Auftrag rückdatiert und Jakob in den Mund gelegt:

1 Moses 49, 8-10:
Du, Juda! Preisen werden dich deine Brüder! Deine Hand ruht auf deiner Feinde Genick. Es neigen sich vor dir deines Vaters Söhne. Ein junger Löwe ist Juda. Vom Raub, mein Sohn, bist du emporgestiegen. Nun hat er sich gelagert und hingekauert wie ein Löwe...Wer wird ihn aufscheuchen? Nicht weicht der Herrscherstab von Juda noch der Fürstenstab von seinen Füßen, bis der kommt, dem er gebührt und dem der Völker Gehorsam gehört.

Bis der Anspruch wirklich wurde, vergingen Jahrhunderte. 1004 vor Christus wurde ich König von Juda. 997 konnte ich die Nordstämme in ein Großreich zwingen. Die Macht Judas hielt jedoch nicht solange vor wie der Ausspruch Jakobs es verhieß. Mein Sohn Salomo hat die restliche Gemeinsamkeit der Stämme aufgebraucht. Nach ihm ging die Einheit Israels für alle Zeit verloren.

Apropos Söhne: Vom Schicksal der Söhne Moses' berichtet die Bibel wenig. Ist das nicht merkwürdig? Zippora gebar Gerschom (2 Moses 2, 21) und beschnitt ihn mit einem kantigen Stein (2 Moses 4, 25). Später brachte Großvater Jetro Gerschom und dessen Bruder Elieser zu Moses (2 Moses 18, 2). Die Chronik schreibt, dass die Söhne Moses' den Leviten zugeordnet wurden (1 Chronik 23, 16). Dann erfährt man, dass ein Sohn Gerschoms und Nachkommen Eliesers Schatzmeister gewesen sind. Die Söhne Moses' spielten im Staat keine Rolle. Die Posten der Enkel mögen bequem gewesen sein, politisch waren sie bedeutungslos.

Das war ein Gebot der Staatsraison. Moses hatte mit einer Midianiterin Kinder gezeugt. Schlimmer noch! Seine Frau war die Tochter des midianitischen Baalspriesters Jetro. Er hatte sie geheiratet, als er auf der Flucht vor den Ägyptern Asyl in Midian fand und bevor er sich berufen fühlte, den Israeliten die Vermischung mit Fremdstämmigen zu verbieten. Da die Lehre eine Verschwägerung mit Fremdstämmigen verbot (z. B. Josua 23), hatten wir mit Moses' Söhnen ein Problem: Sie entstammten einer Mesalliance. So sorgten wir dafür, dass sie keine exponierte Stellung bekamen. Später hat Moses die Ehe mit Zippora gewiss bereut, denn Mischehen widersprachen der Gesinnung, mit der er erfolgreich war.

2 Moses 18, 2-6:
Da nahm Jetro, der Schwiegervater des Moses, die Zippora, die Frau des Moses, welche dieser zurückgeschickt hatte, und ihre beiden Söhne...Er ließ dem Moses melden: "Siehe, dein Schwiegervater Jetro ist zu dir gekommen, ferner deine Frau und ihre beiden Söhne!"

Es ist kein Zufall, dass der Text Moses' Söhne nicht als seine bezeichnet, sondern als ihre; zumal er Zippora zuvor an Jetro zurückgeschickt hatte. Was damals auch immer in seinem Herzen vorging, schließlich gab er seinem Schwiegervater das Abschiedsgeleit, und dieser begab sich wieder in sein Land. Im vierten Buch Moses (Kapitel 25) lesen wir dann Erstaunliches: Der Israelit Simri bringt eine Midianiterin zu seinen Volksgenossen. Beide werden von Pinchas umgebracht; eine Tat, die dem Kult als so edel gilt, dass dafür Pinchas und seinen Nachkommen für immerwährende Zeit das Priesteramt vertraglich zugesichert wird. Die Liaison mit einer Midianiterin galt als extrem verwerflich. Kapitel 31 berichtet schließlich vom Vernichtungskrieg, den Moses gegen Midian befahl. Warum tat er das? Wir erfahren es, nachdem die Israeliten mit erbeuteten Kindern und Frauen zu Moses kamen:

4 Moses 31, 15-17:
"Wie? Ihr habt alle Frauen am Leben gelassen?...Gerade sie sind es ja, die die Israeliten...zum Abfall vom Herrn...verführt haben...So tötet nun...von den Frauen jene, die schon mit einem Manne verkehrt haben!"

Da tauchen interessante Fragen auf. Erstens: War Moses' Schwiegervater unter den Ermordeten? Er war doch in sein Land zurückgekehrt. Zweitens: Wurde auch Zippora getötet? Sie war eine von jenen midianitischen Frauen, die schon mit einem Mann verkehrt hatten: mit Moses! Drittens: Hatte Moses' ein persönliches Motiv, Midian bis auf die Beutemädchen auszurotten? Nach dem Vernichtungsbefehl werden Zippora und Jetro jedenfalls nicht mehr erwähnt. Wer sich mit fremdstämmigen Frauen einlässt, wird von ihnen zum Glauben an die falschen Götter verführt. Das war die offizielle Lehre. Erklären Sie da unseren braven Hebräern, warum es bei Moses anders kam. Just an der Seite der Tochter des Baalspriesters Jetro überkam ihn die Berufung zum höchsten Amt, das der wahre Gott je einem Menschen zuteilen kann. Es war doch so! Oder etwa nicht? Oder wird man von rassefremden Frauen doch zum Dienst an falschen Göttern verführt? Fragen über Fragen. Aber Fragen zu stellen, haben wir den Gläubigen ja abgewöhnt...Das allerdings war ein langer Kampf. Nach Josuas Anfangserfolgen kam es vor allem im Norden zur Koexistenz mit überlebenden Kanaanitern, was fatale Folgen für die Linientreue der Israeliten hatte. Sie ließen sich auf eine Vermischung der Kulturen und Völker ein. Statt die Fremden zu verfolgen, nahmen sie an deren Gottesdiensten teil. Das Gespenst der Ökumene schritt durch Israel.

Richter 3, 5-6:
Die Israeliten wohnten...inmitten der Kanaaniter...Sie nahmen sich deren Töchter zu Frauen, gaben ihre Töchter an deren Söhne und verehrten ihre Götter.

Die Führung erließ Gesetze und drohte mit Strafen. Sie verbot jeden Vertrag mit Einheimischen. Sie befahl, alle Kultstätten der Kanaaniter zu zerstören. Trotzdem sickerte die fremde Kultur in israelitische Köpfe. Man hatte ein Land erobert, in dem Milch und Honig floss. Das erwies sich als Fluch; denn wer Milch und Honig zum Fließen bringt, hat Kultur. Die Kultur der Besiegten läuterte die Eroberer.

Richter 10, 6-7:
Die Israeliten taten aufs neue, was dem Herrn missfiel. Sie dienten den Baalen und den Astarten...Da entbrannte der Zorn des Herrn wieder Israel. Er gab sie in die Gewalt der Philister und Ammoniter.

Richter 2, 2-13:
Ihr aber dürft mit den Bewohnern dieses Landes keine Verträge schließen! Ihr müsst ihre Altäre abbrechen! Ihr habt...nicht gehorcht!...sie werden eure Quälgeister, und ihre Götter werden eure Fallstricke sein...Sie verließen den Herrn und verehrten den Baal und die Astarten.

Die Führung fühlte sich bedroht, solange es zum mosaischen Kult Alternativen gab. Judäer und Leviten malten die Eifersucht ihres Gottes in drastischen Farben. Als größte aller Sünden galt der mangelnde Lobpreis ihrer Diktatur. Jedes abweichende Denken war Hochverrat. Gerade der Anspruch Judas auf die Herrschaft über Israel, ist jedoch dafür verantwortlich, dass sich die Nordstämme bei jeder Gelegenheit von der Zentraldoktrin abwandten. Schließlich mussten sie zahlen, was Juda und Levi sich einsteckte. Da war es nicht leicht, gesetzestreu zu bleiben, zumal man dem großen Bruder die Abgaben vor die Haustür zu bringen hatte. Astarte verhieß dagegen ein Verhältnis zum Göttlichen, das ihren Anhängern Kriegsgeschrei ersparte und sogar Lust versprach. Das zog nicht nur Männer, sondern auch Frauen in ihren Bann. Kein Wunder, dass die judäische Partei allen Fanatismus aufbrachte, um der Gefahr zu begegnen.

3 Moses 21, 9:
Entweiht sich eine Priesterstochter durch Unzucht...sie werde...verbrannt.

Alles Drohen und Strafen reichte nicht. Das kriegerische Gesetzeswerk Jahwes konnte sich kaum je auf Dauer über ganz Israel setzen. Das schwächte den Glauben jedoch keineswegs. Im Gegenteil: Gerade diesem Umstand hat er es zu verdanken, dass er sich bis heute nicht zu hinterfragen braucht. Der Pluralismus vieler Israeliten diente den Priestern stets als Erklärung, warum sich die Versprechen Jahwes nicht erfüllten. Nie mussten sie eingestehen, dass ein Auftrag Gottes gar nicht vorlag; wenn das selbsternannte Gottesvolk einmal mehr nicht siegreich war. Stets konnten sie sagen, Gott zürne bloß, weil nicht alle so "gottesfürchtig" sind, wie es die Partei verlangt; und dabei haben sie "Gottesfurcht" bedenkenlos mit der Angst vor Parteijustiz verwechselt. So konnte die Schuld an jedem Scheitern Frevlern zugeschrieben werden, ohne dass man von Fall zu Fall eine logische Erklärung dafür brauchte. Wenn etwas schief ging, dann, weil Jahwe es so wollte und Jahwe wollte es so, weil er durch mangelnden Gehorsam beleidigt war. Siegte Israel, klopfte der Glaube sich auf die Schulter, unterlag es, verfluchte er jeden, dem es an Fanatismus fehlte. Egal was passierte, der Glaube gab sich immer recht. Jeder Mangel an Furcht vor der Zentralmacht rechtfertigte weitere Anstrengungen der Priester, dem Volk das Fürchten beizubringen. Fehler der Führung wurden vertuscht und Oppositionellen in die Schuhe geschoben. Solange es davon genug gab, konnten sich der Glaube gar nicht irren. So war ihm von Anfang an ein Automatismus eingebaut. Alles, was ihn in Frage stellt, gilt ihm zweifelsfrei als "böse". Das machte seinen Kern unverrückbar; besonders, wenn er im Blut des eigenen Volkes schwamm. Nehmen wir den Kampf um Aj:

Josua 7, 1-25:
Die Israeliten...vergriffen sich am Banngut...Achan...nahm sich (bei der Eroberung Jerichos) etwas vom Gebannten...Josua schickte Männer...nach Aj...Die Männer zogen hinauf und kundschafteten Aj aus. Sie...meldeten ihm: "Das gesamte Kriegsvolk braucht nicht hinaufzuziehen, 2000-3000 Mann genügen, um Aj niederzuzwingen"...So zogen vom Volk etwa 3000 Mann hinauf; aber sie mussten vor den Leuten von Aj fliehen...Die Besatzung von Aj erschlug von ihnen etwa 36 Mann...Da verging dem Volk der Mut; er zerrann wie Wasser...Die Kanaaniter...werden davon erfahren, werden uns umzingeln und unseren Namen vertilgen...Der Herr sprach zu Josua:"...Israel hat sich versündigt!...sie nahmen von dem gebannten Gut...und taten es zu ihren eigenen Geräten...die Familie, die der Herr (durch das Los) erfaßt, soll einzeln herantreten...Wer aber im Besitz des Banngutes angetroffen wird, werde verbrannt"...Da nahm Josua Achan (den "entlarvten" Übeltäter)...seine Söhne und Töchter...[Man verbrannte sie und steinigte sie.]

Josua hatte als Führer den Bericht der Kundschafter zu deuten. Er war für die Fehlentscheidung verantwortlich, Aj mit 3000 Mann anzugreifen. Die Niederlage bedrohte den Glauben Israels an seine Unbesiegbarkeit. Josuas Zukunft stand auf dem Spiel. Vor dem misslungenen Angriff auf Aj hatte Israel Jericho eingenommen. Dort vollstreckten sie an allem...den Bann, an Mann und Frau, an Kind und Greis, an Ochsen, Schafen und Eseln...Nur das Gold und Silber...brachte man in den Schatz des Herrn (Josua 6, 21-24). Nach Jericho soll sich Achan an Banngut bereichert haben. Ob er tatsächlich Banngut an sich nahm, spielt keine Rolle. So oder so: Josua brauchte einen Sündenbock. Das Los fiel auf Achan. Josuas Erklärung, die Niederlage sei von Gott herbeigeführt, weil Achan "gesündigt" habe, schützte ihn vor der Verantwortung. Also starb Achan samt seiner Kinder. Kaum hatte sich der Geruch des verbrannten Fleisches verzogen, griff Josua Aj in voller Heeresstärke an.

Josua 8, 1-30:
Der Herr sprach zu Josua: "...Mache dich mit allem Kriegsvolk auf...gegen Aj...Habt ihr die Stadt eingenommen, so steckt sie in Brand!...Man schlug sie, bis niemand übrigblieb, der entfliehen...konnte...alle fielen restlos der Schärfe des Schwertes zum Opfer...An jenem Tag betrug die Anzahl der Gefallenen insgesamt an Männer und Frauen zwölftausend; alles Leute von Aj...Nur das Vieh und die Beute jener Stadt nahmen die Israeliten an sich nach dem Befehl des Herrn, den er Josua gegeben hatte...Den König von Aj hängte er an einem Galgen auf...Damals baute Josua einen Altar für den Herrn, den Gott Israels...

Josua nahm die Stadt ein; nicht weil Gott durch Achans Tod besänftigt war, sondern weil die Übermacht den Widerstand des Gegners brach. Auch Achan starb als Menschenopfer, um einen "erbosten Gott" für die Täter günstig zu stimmen. Der mosaische Kult unterschied sich beim Menschenopfern allerdings von der kanaanitischen Praxis. Das ehrt ihn ebenso, wie es ihm zur Schande gereicht. Kanaan opferte Kinder; ohne ihnen die Verantwortung an der Missgunst der Götter und somit an ihrem Tod zuzuschreiben. Wenn der biblische Kult Menschen opferte, erklärte er sie stets für "schuldig". Bei ihm ist der Tod des Opfers zugleich Strafe. Das Opfer wird vollstreckt und nicht bloß rituell vollzogen. Es ehrt den biblischen Kult, dass ihm die Schuld beim Morden mehr ins Bewusstsein rückte als der kanaanitischen Konkurrenz. Dass er sich sein Gewissen aber erleichtert, indem er das Opfer durch Schuldzuweisung beschmutzt, ist eine Schande.

Nach dem Sieg über Aj nahmen die Israeliten das Vieh und die Beute an sich. Auf Befehl des selben Herrn, der bei Jericho genau davor gewarnt hatte! Weil das Israel selbst in den Bann zu stürzen und unberührbar zu machen droht (Josua 6, 18). Woher der "göttliche" Sinneswandel? Ganz einfach: Nach der Niederlage beim ersten Angriff galt es erst recht, das Volk zum Kampf zu motivieren. Also gestand Josua den Israeliten jetzt das Recht zu, Banngut zu behalten. Wer hätte nach Achans Tod den Mut gehabt, sich gegen göttliche Willkür zu erheben? Wenn jemand dasselbe, was er gestern verbot, heute erlaubt, beweist das bloß, dass er die Macht hat, es zu tun. Auf dem Sterbebett schwor Josua das Volk im Beisein der Oberhäupter, Richter und Aufseher auf den Jahweglauben ein (Josua 24). Es kam die Zeit der Richter. Die "Richter" waren keine Juristen. Es waren Militärkommandanten. Der Eroberungskrieg ging nahtlos weiter. Je nach Verhältnis der militärischen Kräfte gab es Phasen der Ruhe. Gideon war einer jener Richter. Er konnten die Macht lange halten.

Richter 8, 16-17:
Da nahm er (Gideon) die Ältesten von Sukkot und dazu...Stachelruten und zerdrosch damit die Männer von Sukkot...und ließ die Einwohner der Stadt töten.

Richter 8, 28:
Die Midianiter aber wurden von den Israeliten gedemütigt. Sie erhoben ihr Haupt nicht mehr. Das Land hatte unter Gideon vierzig Jahre lang Ruhe.

Moses hatte nicht alle Midianiter erwischt! Selbst lange Zeiten, in denen jahwetreue Militärs das Land beherrschten, reichten nicht aus, um den Glauben an ihren Gott tragend im Volk zu verankern. Die Mehrheit "glaubte" nur, solange die Obrigkeit sie dazu zwang:

Richter 8, 33:
Als aber Gideon tot war, liefen die Israeliten wieder abgöttisch hinter den Baalen her und wählten sich den Bundesbaal zum Gott.

Den Wert eines Gottes maß man daran, wie viele Gegner man unter seiner Fahne beim Raub erschlug. So sprach Richter Jephte zum König der Ammoniter:

Richter 11, 24:
Ist es nicht so: Wen dein Gott Kamosch vertreibt, dessen Besitz trittst du an, wen aber der Herr, unser Gott...vertreibt, dessen Besitz nehmen wir.

Dein Gott Kamosch...Der Kult behauptet die Existenz mehrerer Götter. Wen sollte ein Gott, den es nicht gibt, vertreiben? Der biblische Kult ist nicht monotheistisch. Er ist monopoltheologisch. Das ist ein Unterschied. Monotheismus kennt keinen Krieg. Monopoltheologie ist Krieg; weil Gott nichts zu besiegen hat, ein Götzenbild, das nach einer Monopolstellung greift, die Konkurrenz jedoch besiegen muss. Jephte ließ sich im Kampf ums Monopol dazu hinreißen, Jahwe sein Kind zu opfern; damit er die Ammoniter besiegt und Führer Israels bleibt.

Richter 11, 30-40:
Nun tat Jephte...ein Gelübde...:"Wenn du die Ammoniter in meine Hand auslieferst, so gehöre, wer immer aus der Tür meines Hauses heraus mir entgegenkommt...dem Herrn! Ich bringe ihn als Brandopfer dar!"...Der Herr überlieferte sie (die Ammoniter) seiner Hand...Jephte kehrte zu seinem Haus...zurück;...da kam ihm seine Tochter...entgegen. Sie war sein einziges Kind...Kaum hatte er sie erblickt, da zerriss er seine Kleider und sprach: "Wehe, meine Tochter! Du beugst mich völlig nieder! Dass du es bist, die mich ins Unglück bringt!...Sie entgegnete ihm: "Mein Vater, du hast deinen Mund dem Herrn gegenüber geöffnet, so handele mit mir, wie es aus deinem Munde kam"...er vollzog an ihr das Gelübde...Alljährlich ziehen Israels Töchter hin, die Tochter Jephtes...zu besingen, in jedem Jahr vier Tage lang.

Richter 12, 7:
Jephte richtete Israel sechs Jahre.

Gehorsam ist die einzige moralische Forderung unseres Glaubens, den die Bibel durch kein Beispiel widerruft. Nie wird sie müde, noch mehr Gehorsam einzuklagen, selbst wenn jeder andere Wert dabei den Bach hinunter geht. Zuletzt stehen nur noch solche Regeln unwidersprochen im Raum, die vor allem dazu nütze sind, Gehorsam zu beweisen. Es heißt: Du sollst nicht töten! Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Ochs, Esel und alles, was deinem Nächsten gehört! (2 Moses 20 und 5 Moses 5). Getötet und anderer Leute Hab und Gut geraubt wird von der Obrigkeit jedoch nach festem Plan, ohne dass sie bei Jahwe je in Ungnade fällt. Wehe aber einer hält den Sabbat nicht ein! Das kommt in der ganzen Bibel nicht vor, ohne das zwischen dem, der es tut, und dem, der es lässt, ein Graben klafft. Warum? Weil das Sabbatgebot den kollektiven Gehorsam überprüft. Wenn der Herr ruft: "Sitz!", dann sitzt das Volk und hält still. Dem entspricht die Anekdote um den Tod von Jephtes Tochter. Der Versuchung, das Recht des mosaischen Kults auf unbegrenzten Gehorsam zu betonen, konnte die Propaganda nicht widerstehen. Jephtes Glücksspiel um die Macht und die Ergebenheit seiner Tochter eignen sich so gut als Lehrstück des Gehorsams, dass es die Barriere aller übrigen Empfindungen durchbricht. Um zu betonen, wie teuer man sich die Tugend des Gehorsams zu erkaufen hat, unterstreicht es, dass Jephte nur ein einziges Kind zum Opfern hatte. Selbstverständlich käme ein gutes Kind auch nie auf den Gedanken, dass sein Leben etwas anderem als der Macht der väterlichen Religion zu dienen hat. So macht das Opfer selbst dem Vater klar, dass dessen Zweifel fehl am Platze sind und er es Gott zuliebe töten muss. Die Tugend einer solchen Tochter gilt dann so hoch, dass man sie jedes Jahr vier Tage lang besingt. Trotzdem kippt der Kult auch hier dem Opfer die Schuld für seinen Tod ins Grab. "Wehe, meine Tochter!", sagt der Vater, "du beugst mich völlig nieder! Dass du es bist, die mich ins Unglück bringt! Das Opfer ist selbst schuld. Es kam zur falschen Zeit aus dem Haus. Das hätte es nicht machen sollen. Wie ist der arme Vater zu bedauern, dass er sein Kind für dessen Torheit nun ermorden muss.

Das Volk blieb in religiösen Fragen kaum auf Dauer einig. Bei inneren Konflikten wurden Zigtausend umgebracht. Ethische Regeln, auf die man sich hätte einigen können, fielen der Ideologie zum Opfer. Trotzdem hielt der harte Kern der Jahwetreuen stets zusammen. Die Klammer, die die Gemeinschaft aneinander band, war die Verheißung auf Landbesitz und fremder Leute Reichtum.

Josua 24, 13:
Ich verlieh euch ein Land, um das du dich nicht bemüht hast, Städte, die ihr nicht gebaut habt, aber doch bewohnen dürft. Weinberge und Olivengärten, die ihr nicht gepflanzt, dienen euch zur Nahrung.

Es ist Brauch, den Judaismus "Religion" zu nennen. Er selbst hat mit aller Macht dafür gesorgt! Das gleiche gilt für seine Söhne: das Christentum und den Islam. Betrachtet man die Dinge aber mit der Klarheit, die der Religion als höchster Disziplin des Geistes zusteht, kann man sich der Wortwahl nur noch widerstrebend beugen. Moses berief sich im Interesse nationaler Ziele auf einen göttlichen Auftrag und verfehlte damit alles, was religiös sein kann. Echte Religion fragt nicht, wie ein Volk andere besiegt. Sie fragt überhaupt nach keinen Völkern; weil Völker politische Gebilde sind und Politik ein irdisches Gefüge ist. Politik ist horizontal oder vertikal, je nach dem gesellschaftlichen Rang derer, die sich politisch verbinden. Religion ist anders. Ihr Bezug ist transzendent. Sie fügt keine Individuen in eine irdische Ordnung, sondern erinnert daran, dass die eigentliche Ordnung, in der das Individuum steht, alles Irdische übersteigt. Religion ist daher weder die Beziehung eines Volkes zu Gott noch die eines Laien zum Priester. Sie ist immer nur die Beziehung des Einzelnen zu dem, was unendlich ist. Ein Glaube, der sich auf Gott - als den Einen - bezieht, hat weder an Sieg noch an Wettstreit irgendein Interesse, denn Konkurrenz widerspricht der Einheit eines so gedachten Gottes. Religion ist ein innerer Bezug, dann auch einer zum konkreten Du. Das hat Moses mit seiner Forderung nach Gehorsam unter kollektive Regeln fehlverstanden. Sein Erbe, wie es alle Brüche überstand, ist dort zu finden, wo man im Fahrwasser des Bibelglaubens Gott durch Konkurrenz und Krieg ersetzt. Deshalb spreche ich von "Ideologie": damit ich den Unterschied zwischen politischer "Religion" und Religion bekenne. "Politische Religion" gibt es in Wahrheit nicht.

Wahrer Glaube ist das rechte Verhältnis des Menschen zu Gott. Da der Einzelne nur soweit wahrhaftig sein kann, als er Wahres erkennt, muss er getreu seiner Wahrnehmung entscheiden, was seine rechte Haltung jeweils ist. Tut er das nicht, ist sein Glaube nicht wahr. Er ist aufgesetzt und vorgespielt; so wie jeder Glaube, der sich für verbindlich hält und politische Mittel einsetzt, um sich zu verbreiten. Wahrer Glaube wird durch keinen Akt von Gott vergeben. Er wird vom Einzelnen versucht und immer wieder neu bestimmt. Wie das Leben ist er reine Gegenwart; individuell, vorläufig und wandelbar. Auf einen Grundsatz könnte man sich einigen: Auf den Glauben an die Wirklichkeit des einen Gottes und an das, was der Logik einer solchen Wirklichkeit entspringt. Religiös ist ja nicht der Glaube, dass mir ein Bündnis im Wettstreit mit anderen Vorteile verschafft. Da könnte ich auch meinen, dass der Pharao auf meiner Seite steht, sobald ich zu seinem Lobpreis "Hosianna" rufe. Religiös ist die Ansicht, dass das, was mich betrifft, nicht mit meinem Dasein endet. Es ist der Glaube, dass es jenseits der Grenzen dieses Daseins etwas gibt, das unmittelbarer mit mir zu tun hat, als all das Begrenzte, mit dem ich mittelbar beschäftigt bin. Dieser Gedanke ist erst zu Ende gedacht, wenn ich mir dieses Jenseits nicht seinerseits begrenzt vorstelle. Unbegrenzt kann aber nur ein Gott sein. Mehrere stünden sich logisch im Wege.

In der Bibel sind monotheistische Ansätze zu finden: zum Beispiel die Idee der paradiesischen Harmonie. Sie sind aber von Monopoltheologie überwuchert. Der Bibelgott sagt nicht: Ich bin der eine Gott, der alles umfasst. Er sagt: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben (2 Moses 20, 3). Er sagt nicht: Götter sind Sinnbilder meiner selbst. Er sagt: Der Prophet...der im Namen eines fremden Gottes spricht, muss sterben (5 Moses 18, 20). Es heißt nicht: Hört auf, euch im Namen Gottes zu berauben! Es heißt:...wen...unser Gott...vertreibt, dessen Besitz nehmen wir (Richter 11, 24). Unser Glaube ging auch nach der "Offenbarung" davon aus, dass es andere Götter gibt und dass deren Anhänger zu bekämpfen sind. Monotheistisch im religiösen Sinn dachte er nicht. Monotheismus geht davon aus, dass es jenseits aller Grenzen eine Einheit gibt, die den Wert eines jeden unverlierbar in sich birgt. Er sagt, dass das Heilige keine Grenzen hat und daher allem als unbegrenzte Einheit innewohnt. Diese Einheit erklärt er zu Gott.

Moses' Monopoltheologie war ein politischer Befehl, aber kein religiöser Gedanke. Sein Glaube eint, um zu spalten. Bei ihm ist der "eine Gott" das Banner der Partei, die ihren Vorteil für so wichtig hält, dass sie ihm alle Einheit opfert. Sein Glaube macht untertan und zerteilt die Welt in verfeindete Lager. Daher ist sein Gott auch bloß Person. Daher ist sein Jenseits keine Einheit, sondern die Bühne einer Vielgötterei, in der es schwache und starke, gute und böse Götter, Geister, Engel und Dämonen gibt. Stark und gut ist Jahwe. Ziemlich stark, aber böse ist Beelzebub. Schwach ist Kamosch. Gut, aber schwach sind die meisten Engel. Dämonen trieb 1200 Jahre nach der Offenbarung selbst Jesus noch aus (Lukas 4).

Was eint die Juden? Der Glaube an den einen Gott? Nein! Was sie eint, ist der Glaube an Moses und die Ausrichtung auf dessen Gesetz. Jude zu sein, heißt nicht, an den einen Gott zu glauben. Jude sein, heißt zu glauben, dass Moses wusste, was Gott von ihm will. Gleiches gilt für das Christentum. Auch sein Merkmal ist nicht der Glaube an Gott. Wenn Juden, Christen und Moslems an Gott glaubten, wären sie sich einig. Sind sie aber nicht. Was die Christen eint - und damit von anderen trennt - ist der Glaube an Jesus und das Bild, dass Apostel von dessen vermeintlicher Göttlichkeit machten. Für den wahren Glauben ist es unbedeutend, ob sich der Mensch Gott zuwendet, weil ihn Moses dazu bewegt, Jesus, Mohammed, sonst wer oder niemand. Im Gegenteil: Wer an Gott glaubt, ist weder Jude, Christ noch Moslem. Prophetenglaube ist Bilderkult, weil ein Prophet seine Meinung nur verbreiten kann, wenn er sie als Bild erkennbar macht.

Zurück nach Kanaan! Dort tobte der Krieg. Kein Gott stand den Angreifern zur Seite. Was Israel beim Siegen half, waren Kriegslist, Siegeswille und Gewalt. So lesen wir, wie Aufklärer der Daniten - eines der zwölf Stämme - Lajisch auskundschafteten. Im Anschluss wurde die Stadt erobert und die Bevölkerung liquidiert:

Richter 18, 7-28:
Die fünf Männer...gelangten nach Lajisch. Sie sahen, dass das dortige Volk in Sicherheit wohnte, wie etwa die Sidonier, in Ruhe und Frieden. Es mangelte an nichts im Lande; man war sehr reich...Auf, kommt und nehmt das Land in Besitz!...Sie zogen gegen Lajisch, gegen die ruhigen und sorglosen Leute. Sie schlugen sie mit der Schärfe des Schwertes...Ein Retter fand sich nicht, denn die Entfernung von Sidon war zu groß und man hatte zu Aram keine Beziehungen.

Die Phönizier in Lajisch lebten sorglos wie die Bewohner Sidons an der Küste. Sie lebten in Ruhe, Sicherheit und Frieden. Die israelitische Geschichtsschreibung wusste, dass die Kultur der Beutevölker auch ohne Kenntnis der mosaischen Gesetze höchst positive Merkmale trug. Die Ermordeten betrieben keineswegs bloß eine Schandkultur, in der man sich gegenseitig erschlug, bestahl und betrog. Sie waren mehr als Sodomiten und verruchte Götzendiener, wie es die biblische Propaganda überall dort behauptet, wo sie das Gegenteil nicht zwischen den Zeilen verrät. Hätten die Daniten geglaubt, Lajisch sei von Gott zum Untergang bestimmt, hätten sie im Vorfeld des Massakers nicht überlegt, ob die Stadt Retter zu erwarten hatte. Was den Wolf bei Lajisch hat siegen lassen, war kein Bezug zur Transzendenz. Es war das Kalkül, dass die Beute wehrlos war. Noch ein Beispiel:

1 Chronik 4, 40:
Das Land war überall weithin ausgedehnt, ruhig und friedlich. Denn die früheren Bewohner stammten vom Cham ab...Man (der israelitische Stamm der Simeoniten) vollstreckte an ihnen den Bann bis heute und sie wohnten an deren Stelle.

Laut Bibel stammten die Kanaaniter von Cham ab, von jenem Sohn Noahs, der dessen Blöße nicht übersah und sich daher den Fluch seines verkaterten Vaters zuzog. Immerhin bekennt der Chronist, dass es ein friedliches Volk gewesen ist, das Israel auf seinem Heilsweg ausgerottet hat. In der Abstammung der Kanaaniter von Cham sieht er sogar die Ursache ihrer Friedfertigkeit: Die Menschen waren friedlich, denn sie stammten von Cham ab. Der Unterschied zwischen Cham und Sem unterscheidet wesentliche Merkmale zweier Kulturen. Das hat mit Krieg und Frieden zu tun. Je kriegerischer eine Absicht ist, desto mehr verherrlicht sie Gehorsam. Der Mythos bezeichnet Sem nicht umsonst als den Sohn, der die Blöße seines Vaters leugnet, während Cham davon spricht. Im Mythos verherrlicht Israel sein Leitmotiv, während es die Kultur seiner Gegner für nichtig erklärt. Das Ideal Israels ist militärisch. Es schützt die Macht, wenn Wahrheit sie in Frage stellt. Sem steht für den Gehorsam einer Kultur, die Gehorsam braucht, um damit in den Krieg zu ziehen. Anders standen die Dinge um Cham. Er hatte den Mut, sich die Protektion des Vaters zu verscherzen. Kanaan plante keinen Angriffskrieg. Bei der Kritik der Macht geht Cham seiner Kultur symbolisch voran. Wo Macht kritisiert werden kann, ohne dass man dafür erschlagen wird, gibt es Frieden. Dazu gehört, dass dem "offenbarten" Wertesystem jene Dimension fehlte, die tatsächlich vor der Barbarei biologischer Rivalität hätte schützen können. Es fehlte den unterstellten Wundertaten Gottes die Überzeugungskraft, die das Morden wenigsten innerhalb der Volksgemeinschaft unterbunden hätte. Wenn es um die Macht ging, kam es zum Bruderkrieg:

Richter 12, 4-6:
Jephte bot alle Gileaditer auf, griff die Ephraimiten (einer der zwölf Stämme) an...So fielen damals von Ephraim 42000 Mann.

Richter 20, 48:
Die Leute von Israel aber kehrten um gegen die Benjaminiten (einer der zwölf Stämme) und schlugen sie mit der Schärfe des Schwertes...alle Ortschaften...steckten sie in Brand.

Bruderkriege und Zwistigkeiten, Israels Unfähigkeit zum inneren Frieden waren dafür verantwortlich, dass es in den Machtbereich der Philister geriet. Die Anhänger Moses' sahen stets die Pluralisten als allein verantwortlich für Rückschläge an:

Richter 13, 1:
Wiederum taten die Israeliten, was dem Herrn missfiel. Der Herr überlieferte sie vierzig Jahre lang der Gewalt der Philister.

Der Gegensatz zwischen Frevlern und Getreuen Jahwes war eine Feindschaft, die der Logik des Glaubens entsprang. Er war ein Teufelskreis, bei dem der eine Pol den anderen ins Extreme trieb. Je unverträglicher der Kult seinen Anspruch vertrat, desto mehr befremdete er die Bürger und je mehr Menschen aus Widerwillen gegen die Zwangsreligion zu fremden Göttern schielten, desto stärker fühlten sich die Priester berufen, die Daumenschrauben anzuziehen. Der Propagandakrieg, der die innerisraelitische Feindschaft begleitete, brachte erstaunliche Blüten hervor. Um zu zeigen, wie ruchlos Frevler sind - hier abgefallene Benjaminiten - schildert das Buch der Richter die Reise eines Leviten, die der Heimführung einer entlaufenen Nebenfrau dient. Unterwegs findet er Einkehr bei einem alten Mann in Gibea. Kaum sitzen sie beim Essen, schon rotten sich vor dem Haus ruchlose Leute zusammen. Sie fordern die Auslieferung des Leviten, um ihm beizuwohnen. Man beschließt, die Nebenfrau des Leviten und die Tochter des alten Mannes, eines Schutzbürgers vom Stamme Ephraim, an die geile Horde auszuliefern:

Richter 19, 22-26:
Während sie sich gütlich taten, umringten...ruchlose Leute, das Haus...und sprachen...: "Gib uns den Mann, der in deinem Hause eingekehrt ist, wir wollen ihm beiwohnen!"...Da trat der Mann als Hausherr vor sie und sprach...:"...Meine Tochter, die noch Jungfrau ist, und seine Nebenfrau will ich euch herausschaffen. Ihnen mögt ihr Gewalt antun und mit ihnen machen, was euch beliebt..."..Der Mann ergriff...seine Nebenfrau und brachte sie ihnen ins Freie heraus. Man missbrauchte sie und sie trieben ihren Mutwillen an ihr die ganze Nacht bis zum Morgen...beim Morgengrauen...lag das Weib...mit ihren Händen auf der Schwelle.

Ob die Schandtat von Gibea überhaupt stattfand? Wer weiß? Immerhin fragt man sich, warum die ruchlosen Leute das Haus des alten Mannes nicht kurzerhand stürmten, wenn ihr Sinn auf ein männliches Lustobjekt stand. Die Angst vor dem Leviten wird es nicht gewesen sein. Der Respekt vor dem Hausrecht des Alten noch weniger. Wer respektiert schon die Schwelle eines Hauses, wenn er es mit dem After seines Gastes nicht zu tun gedenkt? Vater und Priester sind bereit, Tochter und Nebenfrau dem Sexualmord preiszugeben. War das nicht auch Lots Idee? Oder die der Engel, die ihn in Sodom besuchten? Und auch hier verschwendet der Glaube keinen Gedanken daran, ob nicht nur das Benehmen der geilen Benjaminiten ruchlos war, sondern vielleicht auch das des Vaters und des Leviten, die kampflos eine Frau ausliefern und die Tür verschlossen halten, als sie Rettung suchend auf der Schwelle tot zusammenbricht. Angeblich war die Schandtat Anlass zum Bürgerkrieg der übrigen elf Stämme Israels gegen den Stamm Benjamin. Er wurde dabei quasi ausgerottet.

Richter 20, 18:
"Wer von uns soll zuerst zum Kampf gegen die Benjaminiten ausrücken?" Der Herr antwortete: "Juda zuerst!"

Es ist zweifelhaft, ob der Sexualmord von Gibea der wahre Grund des Bürgerkriegs war. Warum sollten wir glauben, dass die Schandtat alle übrigen elf Stämme Israels geschlossen empörte, während sich die Benjaminiten zur Verteidigung der Triebtäter erhoben?

Richter 20, 11-13:
Da scharten sich alle Leute von Israel gegen die Stadt zusammen, verbunden wie e i n Mann...Doch die Benjaminiten...scharten sich...in Gibea zusammen, um gegen die Israeliten zu Felde zu ziehen.

Im Bruderkrieg der Israeliten ging es nicht um Moral. Es ging um Macht. Weil die "Ruchlosigkeit" der Bürgerkriegsgegner ihre Vernichtung genauso erleichtert, wie die "Ruchlosigkeit" Sodoms und die "Frevelhaftigkeit" der Kanaaniter deren Ausrottung, hat der Text kein Interesse an einer Abwägung ethischer Verfehlungen. Jahwes Partei übersieht den Pfahl im eigenen Auge, und die Empörung der "Gerechten" nützt nur so weit, wie man von oben herab besser totschlagen kann. Der Bürgerkrieg der elf alliierten Stämme gegen Benjamin war ein Gemetzel. Die Allianz forderte von Gibea die Auslieferung der nichtswürdigen Männer. Die Benjaminiten lehnten ab. Beide Seiten machten mobil. Die Benjaminiten boten zunächst 26000 Mann auf, ihre Gegner 400000. Wir lesen von mehreren Schlachten. Dabei wurden 50100 benjaminitische Männer und 40000 Soldaten auf Seiten der Alliierten erschlagen. Nur 600 Benjaminiten konnten entkommen, während die Übermacht alle Zivilisten liquidierte.

Richter 20, 48:
Die Leute von Israel... schlugen sie mit der Schärfe des Schwertes, Männer und Vieh und alles, was sich dort befand. Auch alle Ortschaften, auf die man stieß, steckten sie in Brand.

Danach kam es zum Friedensschluss. All das geschah, als Pinchas, der Enkel Aarons, Hoherpriester war. Pinchas war zur Zeit Moses' im waffenfähigen Alter. Der Bruderkrieg gegen die Benjaminiten fand also zu Beginn der Eroberung Kanaans statt, zu einem Zeitpunkt also, als Rivalitäten zwischen den Stämmen um die Verteilung des eroberten Landes zu vermuten sind. Angeblich hatten die Alliierten beim Kriegsrat in Mizpa geschworen, keinem Benjaminiten seine Tochter zur Frau zu geben (Richter 21,1). Der Stamm - bestehend aus 600 überlebenden Männer - war zum Aussterben verurteilt. Offensichtlich ergab sich das Häuflein jedoch der Übermacht, sodass die Zielsetzung der politischen Opportunität wechselte. Man machte sich Gedanken, wie man den Kapitulanten wieder zu Frauen verhelfen könnte.

Richter 21, 16:
"Wie verhelfen wir den Übriggebliebenen zu Frauen, nachdem in Benjamin die Frauen ausgerottet sind?"

Beim Kriegsrat in Mizpa versammelten sich alle Söhne Israels wie ein Mann zum Herrn. Bei der Frage, woher man die benötigten Frauen für den Rest Benjamins holt, ergibt sich eine überraschende Wende. Man stellt fest, dass aus Jabesch in Gilead sich niemand dem Kriegszug gegen Benjamin angeschlossen hatte. Und siehe da, schon weiß man, woher man sich Frauen holen kann.

Richter 21, 5-8:
Dabei fragten die Israeliten: "Ist etwa einer von allen Stämmen Israels nicht in die Versammlung zum Herrn gekommen?" Man war nämlich einen heiligen Eid eingegangen gegen den, der nicht zum Herrn nach Mizpa hinaufziehen würde, und hatte gesagt: "Der muss des Todes sterben." Die Israeliten packte das Mitleid mit ihrem Bruder Benjamin. Sie sagten: "Abgeschnitten ist heute ein ganzer Stamm aus Israel. Wie können wir den Übriggebliebenen zu Frauen verhelfen?..."..Sie taten also die Frage: "Ist etwa unter den Stämmen Israel einer, der nicht zum Herrn nach Mizpa hinaufgezogen ist?" Und siehe da, von Jabesch in Gilead war niemand ins Lager zur Versammlung gekommen.

Israel packte das Mitleid und zog mit 12000 Mann gegen Jabesch.

Richter 21, 10-14:
"Geht hin und schlagt die Bewohner von Jabesch in Gilead mit der Schärfe des Schwertes, auch Frauen und Kinder! Dabei sollt ihr folgendermaßen vorgehen: An jedem Mann und an jeder Frau, die bereits ein Mann berührt hat, sollt ihr den Bann vollstrecken!" Sie fanden...vierhundert jungfräuliche Mädchen...die ganze Gemeinde...machte davon den Benjaminiten...Mitteilung und entbot ihnen Friedensgrüße. Man gab ihnen die Mädchen, die man von den Frauen...am Leben gelassen hatte...Doch sie reichten nicht für sie aus.

Sechshundert Mann auf vierhundert Mädchen: Das reichte nicht aus. Die Führung wies die Benjaminiten an, bei Silo den Restbedarf zu rauben.

Richter 21, 20-21:
...legt euch auf die Lauer!...jeder von euch raube sich seine Frau aus den Töchtern Silos...

Silo lag in Ephraim. Also gehörten die Mädchen, die sich die Benjaminiten erbeuten sollten, zum selben Stamm wie der alte Mann, der den Leviten in Gibea zu Besuch hatte und bereit war, seine Tochter an die ruchlosen Männer Benjamins auszuliefern. Hand aufs Herz: Sollen wir glauben, dass der durch die Schandtat von Gibea neben den Leviten entehrte Stamm der Ephraimiten gemeinsam mit der Allianz beschließt, die überlebenden Benjaminiten nach Ephraim zu schicken, um sich dort als Ersatz für ihre soeben ausgerotteten Frauen ausgerechnet ephraimitische Mädchen zu rauben? Die Logik müsste einen Spagat machen, der ihr den Leib zerreißt. Also dürfen wir davon ausgehen, dass die Israeliten nicht wie e i n Mann zusammenstanden, als die Allianz in Mizpa die Ausrottung ihres Bruderstammes organisierte. Wie denn auch: Elf Zwölftel des Volkes soll - abgesehen von den Leuten aus Jabesch - einmütig über Missetäter empört sein, zu deren Verteidigung sich das zwölfte Zwölftel ebenso geschlossen zum Heldentod entschließt? Ginge es dem Text um Recht und Unrecht, lieferte der Ablauf reichlich Material für Überlegungen über die Komplexität von Ethik und Moral. Da liefern ein Priester und sein Gastgeber - statt zu kämpfen - einer Meute Frau und Tochter mit dem Vorschlag aus, man möge sie zu Tode ficken, während die Benjaminiten, ebenfalls von einer Übermacht umzingelt, lieber in den Tod gehen, als die Missetäter der Lynchjustiz zu überlassen. Wie kann in diesem Drama zwischen Schuld und Unschuld unterschieden werden?

Über das eigentliche Motiv für den israelitischen Holocaust am Bruderstamm kann ich nur handfest spekulieren. Aber ich wäre nie König Großisraels geworden, wenn mir die Nüchternheit fehlte, hinter frommen Worten den Frost rationaler Politik zu spüren. Wenn man Macht will, benutzt man das Spektakel, ohne sich damit selbst zu blenden. Kanaan wurde von Josua unter die Stämme Israels verteilt. Zwischen den Stammesgebieten wurden Grenzen festgelegt. Das Gebiet Judas grenzte im Norden an das Benjamins.

5 Moses 33, 12:
Über Benjamin: Des Herrn Liebling wohnt in Sicherheit, der Allerhöchste beschirmt ihn immerdar, zwischen seinen Berghängen wohnt er.

So Moses auf dem Sterbebett. Die exakten Grenzen legte Josua fest:

Josua 18, 11-27:
...Das Gebiet, das ihnen durch das Los zufiel, lag zwischen den Söhnen Juda und Josephs...Die Städte...der Benjaminiten...sind:...die Jebusiterstadt [Jerusalem]...

Jerusalem lag anfangs auf benjaminitischem Gebiet. Anderswo (Josua 15, 63) erfahren wir: Doch die Jebusiter...konnten die Söhne Judas nicht vertreiben. Die Jebusiter blieben...mit den Judäern in Jerusalem wohnen bis heute. Also bis zur Niederschrift des Buches Josua. Später wird Jerusalem von den Judäern eingenommen (Richter 1, 8). Die Allianz gegen Benjamin wurde von Juda geführt. Welche Absicht die Führung beim Feldzug gegen Benjamin tatsächlich hatte, möge jeder für sich selbst erraten. Fest steht, dass das Immerdar der Beschirmung Benjamins durch den Allerhöchsten nicht vorhielt. Fest steht auch, dass sich das Gebiet Judas auf Kosten der Benjaminiten nach Norden ausdehnte und Jerusalem entgegen der ursprünglichen Aufteilung des Landes in Judas Hand fiel. Eine Weichenstellung für die Weltgeschichte! Ob sie nicht erst Dank der "Rache für Gibea" zustande kam?

Zweihundert Jahre danach hatte Samuel, der letzte Richter Israels, den größten Teil der Macht auf sich vereint. Er war Priester, Prophet und Militärkommandant. Das Land als Ganzes konnte auch er nicht unter die Herrschaft des Kultes zwingen. Durch eine formale Trennung von geistlicher und weltlicher Macht erhoffte man sich größere Effektivität. Man beschloss, einen König von Gottes Gnaden zu salben.

1 Samuel 15, 1-3:
Samuel sprach zu Saul: "Mich hat der Herr gesandt, dich zum König...zu salben...Gehe nun hin und schlage Amalek, vollstrecke an allem...den Bann und verschone nichts; töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge...

Samuel hatte 250 Jahre nach Moses die Endlösung nicht aus dem Auge verloren. Der König sollte sie vollstrecken. Allerdings kam es anders als geplant. Saul verlor mit zunehmendem Erfolg seiner Herrschaft an Loyalität gegenüber dem Klerus. Er führte den Vernichtungsbefehl Samuels nur teilweise aus. Er bereicherte sich an Kriegsbeute und verschonte den Amalekiterkönig Agag; um auf eigene Faust Politik zu machen.

1 Samuel 15, 8-11:
Am ganzen Volk vollzog er den Bann...Doch verschonten Saul und sein Kriegsvolk Agag und die besten Stücke Klein- und Großvieh...und alles was wertvoll war...Da erging das Wort des Herrn an Samuel: "Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe; denn...er hat meine Befehle nicht ausgeführt!"

Sauls Eigensinn bedrohte die Vormacht der Priester. Samuel brachte Agag eigenhändig um. Derweil baute mich die Priesterschaft als zukünftigen König auf. König sollte sein, wer beim Ausrotten keine Kompromisse macht.

1 Samuel 15, 33:
Dann hieb Samuel Agag in Stücke...

1 Samuel 28, 17-18:
Er hat das Königtum aus deiner Hand gerissen und es...dem David gegeben. Weil du auf die Stimme des Herrn nicht gehört und seinen brennenden Zorn an Amalek nicht vollstreckt hast...

Bevor ich Saul stürzte, kämpften wir gemeinsam gegen die Philister. Ich war militärisch wie politisch begabt, hatte die Priesterschaft im Rücken. Mit einem eigenen Kommando war ich erfolgreich.

1 Samuel 18, 7:
"Saul hat seine Tausend erschlagen, David aber seine Zehntausend!"

Indem ich Saul beim Totschlag übertraf, bewies ich meine Eignung für den Glauben. Als sich die Waage zu meinen Gunsten neigte, wollte Saul mich mal ermorden, mal versuchte er mich durch eine Ehe mit seiner Tochter Michal zu binden.

1 Samuel 18, 25-27:
Saul befahl: "Sagt doch dem David: Der König verlangt keine andere Brautgabe als hundert Vorhäute von Philistern...David war damit einverstanden, Schwiegersohn des Königs zu werden...da machte sich David auf den Weg, ging mit seinen Leuten hin und erschlug zweihundert Philister, brachte ihre Vorhäute und zählte sie dem König vor, um des Königs Schwiegersohn zu werden. Nun gab ihm Saul seine Tochter Michal zur Frau.

Saul dachte, ich könne auf die Schnelle keine hundert Vorhäute beschaffen. So würde ich mich als ohnmächtiger Freier blamieren. Oder die Philister brächten mich beim Kampf um ihre Vorhäute um. Deshalb haben wir die doppelte Menge feindlicher Vorhäute beschafft. Um Saul den Schneid abzukaufen! Die Ehe mit Michal dämpfte meinen Ehrgeiz aber keineswegs. Saul war ein Dummkopf. Je mehr wir ihn in die Enge trieben, desto eindeutiger bezog er Stellung gegen den Kult. Er wusste, dass wir im Fall einer Niederlage kurzen Prozess mit ihm machten. Er versuchte, sich bei den Gegnern anzubiedern und ordnete sogar Pogrome an der levitischen Priesterschaft an.

1 Samuel 22, 17-18:
Da sprach der König zu den Läufern...: "Greift an und tötet die Priester des Herrn; denn sie boten David hilfreiche Hand!.."...Der König befahl...und der Edomiter Doëg...stieß die Priester nieder. Auch die Priesterstadt Nob schlug er...Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge...

Ob es stimmt, dass ich Saul einen Zipfel vom Gewand abschnitt, als er in einer Höhle seine Notdurft verrichtet hat? Aber nein!

1 Samuel 24, 4-8:
...eine Höhle, in die Saul eintrat, um seine Notdurft zu verrichten...David erhob sich und schnitt Saul heimlich den Zipfel seines Obergewandes ab...David aber wies seine Leute mit erregten Worten zurück und gestattete ihnen nicht, sich gegen Saul zu erheben.

Eine lustige Geschichte. Erfunden von tüchtigen Geschichtsschreibern, um den Edelmut ihres Favoriten aufzuzeigen, der einen anderen Gesalbten doch nicht meuchlings in der Stunde der Notdurft ermordet. Es wäre möglich, einen, der in einer Höhle pinkelt, zu beschleichen. Es wäre möglich, ihm, als Beweis, dass man ihn auch hätte umbringen können, einen Zipfel vom Gewand zu schneiden. Dass der Beschlichene aber auch dann nichts hört, wenn der Zipfeldieb in der selben Höhle mit erregten Worten seine Männer zurechtweist, die zum tödlichen Schlag gegen den Wehrlosen auffordern...Saul hätte taub sein müssen. Außerdem ist die Geschichte schlecht konstruiert. Erzählt sie doch, dass vor der Höhle 3000 Mann von Sauls Truppe standen. Hätten wir ihn in der Höhle umgebracht, wäre keiner von uns entkommen. Wenn ich überhaupt in der Höhle gewesen bin, habe ich Sauls Leben nicht aus Edelmut verschont. Wenn schon, war es Klugheit. Denn eins kann ich Ihnen sagen: Als Gesalbter Gottes hatte ich nie das Gefühl, dass ich mich mit Sentimentalitäten aufzuhalten hätte.

1 Chronik 11, 6:
David hatte gesagt: "Wer immer zuerst Jebusiter erschlägt, soll Hauptmann und Anführer sein!"

1 Samuel 27, 8-11:
David zog mit seinen Leuten hinauf, und sie plünderten die Geschuriter, die Girsiter und die Amalekiter. Diese waren von altersher die Landesinsassen...David...ließ weder Mann noch Frau am Leben...denn er dachte: "Diese könnten gegen uns aussagen und berichten: So hat David sich aufgeführt und so pflegte er sich zu verhalten, seitdem er im Philisterland wohnt."

2 Samuel 3, 22:
Da kamen Davids Leute mit Joab von einem Raubzuge heim. Sie brachten reiche Beute mit sich.

2 Samuel 8, 2-18:
Er schlug die Moabiter und maß sie mit der Schnur ab, wobei sie sich auf den Boden legen mussten. Je zwei Schüre maß er über jene, die er tötete...So wurden die Moabiter (das überlebende Drittel) Davids Knechte und tributpflichtig...Die Aramäer wurden Davids Knechte...David nahm auch die goldenen Rundschilde...und schaffte sie nach Jerusalem...Er brachte silberne, goldene und eherne Gefäße mit. Auch sie weihte der König David dem Herrn samt dem Silber und dem Gold, das er von allen unterworfenen Völkern geweiht hatte, nämlich von Edom, Moab, den Ammonitern, Philistern, Amalek...Die Söhne Davids aber waren Priester.

Ich hatte die Lektion begriffen, die der Klerus Saul erteilte. Da aber alle Kriegsbeute Jerusalem zufiel und meine Söhne Priester wurden, wusch eine Hand die andere sowieso. Die Familie des Königs war mit dem Klerus verschwägert. Wozu sollte man über die Beute da noch streiten? Einmal kam es aber doch zum Streit:

2 Samuel 11, 1-27:
Um die Jahreswende...sandte David...ganz Israel aus. Man verheerte das Land der Ammoniter...David selbst blieb in Jerusalem...Da sah er...die Frau des Hethiters Uria...er wohnte ihr bei...die Frau hatte empfangen..."Stellt den Uria an die heftigste Stelle des Kampfes...Zieht euch dann von ihm zurück, denn er soll getroffen werden und sterben!"...Sie wurde seine Frau und gebar ihm einen Sohn. Doch dem Herrn mißfiel, was David getan hatte.

Im Übermut hatte ich Batseba, die Frau eines Fremdstämmigen, zu meiner Geliebten gemacht. Sie wurde schwanger. Der Versuch, das Kind Uria unterzuschieben, misslang. Der Kerl wollte seine Frau nicht rechtzeitig begatten. Ich arrangierte es so, dass er im Krieg fiel. Dann nahm ich Batseba zur Frau und dachte das Problem sei beigelegt. Irrtum! Der Klerus bekam von der Sache Wind. Sie schickten Natan zu mir, der mir mit Vernichtung drohte. Ich musste mich förmlich unterwerfen. Das Kind starb. Fragen sie nicht, warum! Im Text steht, es habe sterben müssen, weil ich Gott verhöhnte.

2 Samuel 12, 13-14:
Da sprach David zu Natan: "Ich habe gegen den Herrn gesündigt." Natan entgegnete: "Gut, der Herr vergibt dir deine Sünde. Du wirst nicht sterben. Weil du aber den Herrn durch diesen Frevel offen verhöhnt hast, muß der Sohn, der dir geboren wird...sterben."

Es heißt, Natan habe mir das Gleichnis vom reichen Mann erzählt, der in seiner Gier dem Armen sein einziges Schaf raubt. Damit rückt der Text moralische Motive in den Vordergrund. Selbst wenn! Uria war Hethiter. Seit Moses war deren Ausrottung erklärtes Ziel. Wer dabei zimperlich war, stand selbst im Verdacht, Frevler und damit des Todes zu sein.

5 Moses 20, 17:
Mit dem Bann sollst du sie ausrotten, die Hethiter...

Jeremias 48, 10:
Verflucht, wer das Werk des Herrn nachlässig vollbringt, verflucht, wer sein Schwert zurückhält vom Blut!

Glauben Sie, der Mord an einem Hethiter hätte das Gewissen unserer Religion geplagt? Hethiter umzubringen war in Ordnung; auch tausend konnten es sein, wenn der Mord bloß den Gehorsam gegenüber dem Kult bewies. Demgemäß: Wann brachte meine Lust auf Batseba ihren Mann ums Leben? Zur Zeit, da die Könige in den Krieg zu ziehen pflegten (2 Samuel 11). Meinen Sie etwa, Israel zog ohne den Segen der Priester los? Von Natan hört man am Überfall auf Ammon jedenfalls keinen Tadel. Und meinen Sie, wir raubten den Ammonitern dabei bloß die Hühner und ließen ihre Schafe in der Koppel stehen? Quatsch! Wir raubten alles, was sie hatten und führten die Überlebenden in die Sklaverei (2 Samuel 12, 29-31). Also: Was Natans Finger mahnend in die Höhe trieb, war weder Raub noch Mord als moralisches Problem. Was ihn störte, war mein Eigensinn; vielleicht auch, dass ich mich mit einer Fremden eingelassen hatte. So etwas sahen die Priester nicht gern.

Tobit 4, 12:
...beachte dies besonders: Nimm dir eine Frau aus dem Geschlecht der Väter, keine fremde Frau...denn wir sind Prophetenkinder. Denke daran...dass Noe, Abraham, Isaak und Jakob...samt und sonders ihre Frauen aus der Verwandtschaft gewählt haben; sie wurden deshalb in ihren Kindern gesegnet und ihre Nachkommenschaft wird das Land erben.

Je nach Bibelausgabe wird von "Bastarden", "Hurenkindern" oder "entarteten Mischlingen" gesprochen, die selbst im zehnten Glied nicht in die Gemeinde aufgenommen werden (5 Moses 23, 3-7). Wenn es moralische Motive gab, mich wegen Batseba die Macht der Priester spüren zu lassen, dann höchstens nebenbei. Vom Besuch Natans bis zum Tod des Kindes vergingen sieben Tage. In dieser Zeit habe ich gebetet und gefastet. Kaum hatte ich mich wieder in die Phalanx des Gehorsams eingereiht, war meine Missetat vergeben. Und siehe da: Mein nächstes Kind aus Batsebas Schoß war den Herren sogar willkommen.

2 Samuel 12, 18-24:
Am siebten Tag starb das Kind...David beruhigte seine Frau Batseba...und verkehrte mit ihr. Sie gebar...Salomo...Der Herr liebte ihn und er sandte als Boten den Propheten Natan...

2 Samuel 22, 21-43:
Der Herr vergalt mir (David) mein gerechtes Tun...Von Tadel frei war ich vor ihm...So lohnte mir der Herr...die Reinheit meiner Hände...und meine Gegner konnte ich vernichten. Sie schrien um Hilfe...zum Herrn, doch er hörte sie nicht. Ich zerrieb sie wie Erdenstaub, zertrat sie wie Gassenkot.

Immerhin zog ein Chronist meine Schuldfreiheit in Zweifel und erklärte damit, warum ich vor Abschluss des Tempelbaus starb.

1 Chronik 28, 3:
Doch Gott sprach zu mir: Du (David) darfst meinem Namen kein Haus bauen; denn ein Kriegsmann bist du und Blut hast du vergossen.

1 Chronik 22, 2:
David befahl, man solle die Fremden im Land Israel zusammenholen. Er setzte sie als Steinmetzen ein, um Quadern zu behauen für den Bau des Gotteshauses.

Zum Tempelbau ließ ich alle Fremden, die ich nicht umgebracht hatte, verhaften. Ich setzte sie als Zwangsarbeiter ein. Insofern war meine Gewalttätigkeit beim Bau des Tempels durchaus bestimmender Faktor; auch wenn erst Salomo nach meinem Tod den Bau vollendete. Salomos Weisheit ist sprichwörtlich. Tatsächlich setzen die Berichte über Mord und Totschlag mit dem Machtwechsel aus. Die Erklärung ist einfach: Es gab kaum noch Fremdstämmige, die man hätte umbringen können und die Überlebenden hatte ich bereits zur Zwangsarbeit rekrutiert. Salomo wäre nun wirklich nicht weise gewesen, hätte er das wirtschaftliche Potential seiner Sklaven vernichtet. Ihr Einsatz und der zusammengeplünderte Reichtum waren wesentliche Garanten des inneren Friedens. Dank gut gefüllter Staatsschatulle gab es wohldotierte Posten zu vergeben.

1 Könige 9, 20-22:
Alle Leute, die noch übriggeblieben waren von den Amoritern, den Hethitern...die nicht israelitisch waren...und von den Israeliten nicht ausgerottet waren, hob Salomo zur Fron aus...Von den Israeliten machte aber Salomo niemanden zum Sklaven, sondern sie waren seine Kriegsleute, seine Beamten und seine Vornehmen...und die Obersten über seine Kriegswagen und deren Besatzung.

2 Chronik 2, 16-17:
Salomo ließ alle Fremdlinge im Land Israel zählen, nachdem schon sein Vater David eine Zählung unter ihnen vorgenommen hatte. Dabei fanden sich 153600 Mann. Von diesen machte er 70000 zu Lastträgern und 80000 zu Steinhauern im Gebirge, 3600 waren Aufseher, welche die Leute zur Arbeit anhielten.

Salomos Weisheit, die dem Chronisten mehr zum Bau des Tempels zu passen schien als meine Grausamkeit, war meiner Grausamkeit zu Dank verpflichtet. Ich hatte die schlimmste Drecksarbeit bereits erledigt. So konnte Salomo beim Bau des Tempels über jene Zwangsarbeiter verfügen, die ich in seine Fron gezwungen hatte. Den Rest hob er selbst aus. Zum System der Zwangsarbeit gehörte die systematische Erfassung der Volksfremden, ihre Unterbringung in Arbeitslagern sowie die Überwachung durch Kapos. Die Ökonomie Israels beruhte auf der Großmachtstellung, die ich erkämpft hatte. Salomos Israel war eine Militärmacht, die auf Kosten von Zwangsarbeitern lebte und Nachbarvölker beim Preis des Lebens zu Tributen zwang.

1 Könige 5, 1-6:
Salomo herrschte über alle Reiche vom Euphratstrome bis zum Philisterland und zur Grenze Ägyptens. Sie brachten Tributgeschenke und waren Salomo untertan...Salomo hatte 4000 Pferdeställe für seine Wagen und 12000 Mann Wagenbesatzung.

1 Könige 8, 41:
Auch den Ausländer, der nicht aus deinem Volke Israel stammt, sondern aus fernem Land deines Namens wegen kommt...wenn er also kommt und betet zu diesem Hause hin, dann höre du es im Himmel...und gewähre alles, worum der Fremde zu dir ruft!

Gewiss hätten die Nachbarvölker das Ende der israelitischen Herrschaft erfleht. Die Zwangsarbeiter erst recht. Salomo konnte unmöglich wünschen, dass Gott auf solche Rufe hört. Das Privileg, bei Jahwe Gehör zu finden, galt denn auch nur für solche Ausländer, die mit der Absicht kamen, den Namen Jahwes zu ehren. Jahwes Name war das Symbol des israelitischen Machtanspruchs.

Oben hieß es, Salomo habe von den Israeliten niemanden zum Sklaven gemacht. Das stimmt nicht. Die Positionen im Staat waren ungleich verteilt. Nachdem der Stamm Benjamin fast ausgerottet war, lag Jerusalem auf judäischem Gebiet. Seit dort der Tempel stand, lag das Zentrum des jüdischen Glaubens ein für alle Mal fest. Der Stamm Levi fand seinen Schwerpunkt um den Tempel herum. Damit war mehr als je zuvor bestimmt, in welche Richtung Moses' Abgabesystem den Reichtum des Landes lenkte und die Religion schweißte die Interessen der Stämme Juda und Levi zusammen. Da die übrigen Stämme, die nördlich von Juda lebten, durch das System benachteiligt waren, leistete der religiöse Zentralismus durch die Vorrechte seiner Verwalter genau jener Spaltung des Landes Vorschub, die er agitatorisch zu verhindern suchte. Daher verschweigt die Stelle im Buch der Könige einen wichtigen Umstand: Die Vornehmen und Beamten des Staates waren vornehmlich Leviten und Judäer. Sie beherrschten die übrigen Stämme mit so harter Hand, dass deren Mehrheit ihr Schicksal eher mit dem der Zwangsarbeiter als mit dem von Auserwählten verglich:

1 Könige 11, 28:
Jerobeam war ein tüchtiger Mann. Als Salomo merkte, wie gut der junge Mann seine Arbeit verrichtete, setzte er ihn über die gesamte Fron des Hauses Joseph.

Das "Haus Joseph" umfasste im engeren Sinn die Stämme Ephraim und Manasse. Der Begriff wurde im weiteren Sinn aber für den ganzen Norden gebraucht. Es war durchaus so, dass im Reich Salomos Israeliten Israeliten versklavten. Genau das führte unmittelbar nach seinem Tod zur Spaltung des Landes:

1 Könige 11, 43 + 12, 1-20:
Salomo entschlief...Sein Sohn Rehabeam ward an seiner Stelle König. Rehabeam begab sich nach Sichem; denn dorthin war ganz Israel gekommen, um ihn zum König auszurufen. ...Jerobeam (der sich zwischenzeitlich gegen Salomo erhoben hatte) und die ganze Gemeinde Israels kamen und sagten zu Rehabeam: "Dein Vater hat uns ein hartes Joch auferlegt; mildere du nun die harte Fron deines Vaters und das schwere Joch, das er uns auflud; dann wollen wir dir dienen...Er (Rehabeam) redete mit ihnen nach dem Rat der jungen Leute: "Mein Vater hat euch ein schweres Joch auferlegt, ich aber will es noch mehr erschweren. Mein Vater hat euch mit Geißeln geschlagen, ich aber will euch mit Stachelpeitschen züchtigen"!...Sie (die Israeliten) gaben also dem König folgende Antwort: "Wir haben kein Anteil an David und kein Erbe an Isais (Davids Vater) Sohn!...Außer dem Stamme Juda leistete niemand dem Hause David Gefolgschaft.

Tatsächlich war Jahwes Name bereits zu unserer Zeit kein Symbol des israelitischen Machtanspruchs mehr, sondern des levitisch-judäischen. Die judäische Partei hat den Zusammenhang der Spaltung des Volkes mit der Ausbeutung der Nordstämme selbstverständlich niemals anerkannt. Ihrer Lesart zufolge war es Salomos Vorliebe für ausländische Frauen und die religiöse Liberalität seiner späten Jahre, die das Reich in zwei Teile riss.

1 Könige 11, 1-6:
...Salomo liebte viele ausländische Frauen...aus den Völkern also, von denen der Herr Israel geboten hatte: "Ihr sollt nicht zu ihnen gehen...sonst wenden sie eure Herzen ihren Göttern zu."...Er hatte 700 fürstliche Frauen und 300 Nebenfrauen...Als Salomo älter wurde, machten seine Frauen sein Herz fremden Göttern geneigt...er gehorchte nicht unentwegt dem Herrn wie sein Vater David.

Der Norden hatte kein Anteil an David und kein Erbe an Isais Sohn. Juda dagegen leistete...dem Hause David Gefolgschaft. Warum? Weil die Fron des Hauses Joseph nicht nur Salomo und Rehabeam zugute kam, sondern auch den Stamm bereicherte, der ihre Herrschaft trug. Es war der Glaube, der Israel zusammenschweißte. Durch seinen Sieg zerschlug er es.

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