Cham
Weder Jude, Christ noch Moslem

Esra

Sechs Jahreszahlen nach Christus markieren Ereignisse der jüdischen Geschichte seit dem Tod Salomos:

Die israelitische Geschichte ist die Wurzel der jüdischen. Seitdem das salomonische Reich 932 vor Christus zerbrach, muss man aber unterscheiden. Der Süden fiel damals an Juda mit dem Großteil der Leviten sowie den Resten Benjamins. Den Norden behielten die übrigen Stämme. Von da ab driftete Israel auseinander. Nach dem Ende des Nordreichs 722 gab es das Volk, dem Moses einst Kanaan versprach, als nationale Einheit nicht mehr. Seitdem, spätestens aber seit der Rückkehr der Judäer aus Babylon, passt der Begriff "jüdisch" besser zu dem, was die Bibel beschreibt; denn in der Folge ging es mehr um die Geschichte des Stammes Juda, als um die des Volkes Israel. Israel als Verbund zwölf hebräischer Stämme, also der Adressat der Offenbarung, war aus der Weltgeschichte ausgeschieden. Nur David hatte den Kult in ganz Kanaan für die Zeit seiner Herrschaft und den Beginn der salomonischen Ära durchgesetzt. Nach Salomo konnte der Glaube niemals mehr das ganze Volk beherrschen. Obwohl er es mit Schmeichelei bestach, fehlte ihm stets die Kraft, die Mehrheit von sich zu überzeugen.

Das Christentum hat die halbe Welt beherrscht, der Judaismus die Juden; aber nicht, weil sie überzeugten, sondern weil ihre Herrschaft mit Gewalt erzwungen war. Überzeugen kann man nur, wenn jemand etwas anderes bezeugt. Jede Variante des Bibelglaubens hat die Zeugen anderer Bekenntnisse in ihrem Machtbereich jedoch zum Schweigen gebracht. Zugegeben: Seit der Aufklärung konnte der Glaube niemanden mehr mit Waffengewalt zum Beitritt zwingen. Trotzdem blieb ihm die Mehrheit formal treu. Überzeugt er also doch? Das tut er nicht! Vielmehr hat er die Kultur in Jahrhunderten der Tyrannei so tief verformt, dass keiner der Macht des Mythos vom Glaubensmonopol so leicht entrinnen kann. Aus schierer Gewohnheit unterwerfen sich viele der Herrschaft des Ersten Gebots auch weiterhin. Auch wenn die Aufklärung der christlichen Erziehung den Griff zum Rohrstock erschwerte, hielt der Glaube stets seinen mosaischen Anspruch hoch: das Denken der Kinder von klein auf zu bestimmen. So sicherte er sich seinen Einfluss, bevor die Mehrzahl je die Freiheit bekam, selbst zu entscheiden, was ihr religiöses Denken bahnt. Beschnitten und getauft wird immer noch der Säugling. Sobald er etwas glauben kann, erfährt er, dass über seinen Glauben schon entschieden ist.

Der Glaube presst den Geist in eine fremdbestimmte Form; so wie man in China Mädchen mit Bandagen die Füße verbog, weil es einer Übermacht gefiel. Gewalt ist alles, womit der eine den anderen bezwingt. Also ist es ganz besonders das, wogegen der Bezwungene sich nicht wehren kann, weil seine Kindlichkeit Widerstand nicht zulässt. Die hässlichste Form der Gewalt ist nicht der Kampf unter Gleichen. Es ist die Berechnung, mit der eine Übermacht ihren Vorteil nutzt, um sich Untertänigkeit zu sichern; und zwar so geschickt, dass der Untertan nicht mehr begreift, wer ihm seine Würde stahl. In dem Sinn hat kein offenbarter Glaube bisher je bewiesen, dass er mehr als eine Minderheit überzeugen kann. Während man bei der Minderheit nicht weiß, ob sie überzeugt ist oder bloß geblendet, hat sich die Mehrheit dem Druck des Credos immer nur gebeugt. Die Mehrheit hat sich nie für den Glauben entschieden. Sie hat in Anbetracht der Drohung, getötet oder ausgegrenzt zu werden, auf eigene Entscheidungen verzichtet.

Ein mosaisches Ausmaß an Gewalt kennzeichnet den Kult nur bis zur babylonischen Gefangenschaft. Danach wurde er zahmer; zumindest, was den Judaismus betraf. Nach der Rückkehr aus Babylon fehlte ihm die Macht, Gewalt im großen Stile auszuüben. Und doch: Es gibt rohe Gewalt und subtile Gewalt. Es gibt Gewalt nach außen und nach innen. Während den Jahwetreuen nach Babylon die Macht zur Gewalt nach außen fehlte, blieben subtile Formen der Gewalt nach innen um so mehr Merkmal ihres Glaubens. Die Vereinnahmung, die der Kult im Auftrag Moses' mit Kindern betrieb, ist geistige Gewalt. Und warum machte der Kult davon Gebrauch? Weil er stets wusste, dass er einen reifen Geist nicht von sich überzeugen kann. Weil er wusste, dass ein Mensch, der erst einmal im Stande ist, selbständig über das Wesen Gottes nachzudenken, für seine Macht verloren ist. Deshalb war es Moses wichtig, dass man seine Gesetze Kindern einschärft, und weil die Macht ihrer Theologie freies Denken nicht vertrug, nahm die Frage, wie man die Freiheit dazu ausmerzt, viel Platz in den Köpfen der religiösen Führung ein. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Das heißt: Du darfst keiner anderen Obrigkeit gehorchen, als der, die dir das einschärft. Das Erste Gebot der Bibel heißt: Übe Gewalt oder beuge dich ihr! Je nachdem auf welche Seite des Hebels dich das Schicksal stellt. David gelang es, einen linientreuen Staat zu gründen. Salomo erbte das fertige Reich und war klug genug, es geraume Zeit zu halten. Die Israeliten empfanden seine Herrschaft aber als Frondienst. Das salomonische Reich war so pompös wie ein Pharaonenstaat; im übrigen durch Heirat mit der einst verhassten ägyptischen Dynastie verbunden. Solange es Salomo opportun erschien, hielt er den Schulterschluss mit dem Staatskult durch. Im Überschwang des Machtgefühls und als Besitzer eines Harems fremder Frauen, ließ er es im Alter an Linientreue fehlen; obwohl er angeblich Gott begegnet ist:

2 Chronik 7, 1-3:
Salomo hatte sein Gebet beendet; da fiel Feuer vom Himmel...Alle Israeliten sahen, wie...die Herrlichkeit des Herrn sich...offenbarte.

2 Chronik 7, 12:
...da erschien ihm der Herr in der Nacht und sprach zu ihm...

Wären das keine Propagandalügen, hätte Gott keine Kraft. Warum sollte man sich aber einem Gott zuwenden, der nicht einmal den weisen Salomo, geschweige denn alle Israeliten, durch persönliche Gegenwart dazu bringt, ihm ohne Zwang zu folgen?

1 Könige 9, 4-7:
Wandelst du nun vor mir wie dein Vater David mit vollster Hingabe...dann festige ich den Thron deines Königtums...Wendet ihr...euch aber von mir ab...dann rotte ich Israel...aus...

Das Reich hatte die Vision Moses' vom Herrenstaat verwirklicht. Entgegen der verheißenen Glückseligkeit im gelobten Land glich das Leben der meisten jedoch jener ägyptischen Fron, aus der Moses das Volk ursprünglich herauszuführen vorgab. Dreihundert Jahre mosaischer Kult hatten das Volk vom Regen in die Traufe gebracht. Anders als die Herrschaft der Pharaonen bedeutete die von Jahwes Priestern darüber hinaus eine Bevormundung bis tief ins Private. Der Staat herrschte total. Verstöße gegen den Kult wurden erbarmungslos bestraft. Der Reiz des spirituellen Angebots der Konkurrenz war da nicht tot zu kriegen.

2 Könige 15, 4:
Das Volk opferte...auf den Höhen.

Nachdem Salomos Reich zerbrochen war, hing die Glaubensfreiheit vom Gutdünken wechselnder Könige ab. War der König jahwetreu, gab es Pogrome gegen Andersgläubige. War er Jahwe nicht treu, verbreiteten sich Fruchtbarkeitskulte: Baal und Astarte wurden verehrt. In den Königsbüchern und der Chronik ist das Wogen des Kampfes aus Sicht der Jahwetreuen dargestellt. 210 Jahre existierten Süd- und Nordreich nebeneinander. Den Wert ihrer Könige misst die Bibel daran, ob sie taten, was dem Herrn gefiel oder eben nicht. Dazwischen drohen und fluchen Propheten.

1 Könige 13, 1-2:
Da kam ein Gottesmann aus Juda...Jener rief...: "Altar!, Altar!...dem Hause David wird ein Sohn geboren...und dieser wird auf dir die Höhenpriester schlachten...Man wird Menschengebeine auf dir verbrennen."

2 Könige 12, 3:
(König) Joas tat, was dem Herrn gefiel, solange der Priester Jojada ihm Weisungen erteilte.

2 Chronik 33, 1-3:
(König) Manasse...tat, was dem Herrn mißfiel...Er baute die Opferhöhen wieder auf...

2 Chronik 34, 1-4:
(König) Josia...tat, was dem Herrn wohlgefiel...In seiner Gegenwart zertrümmerte man die Altäre der Baale...

Die Heiligtümer von Baal und Astarte lagen verstreut auf Berghöhen. Daher der Name "Höhenpriester". Der Kopf der Jahwetreuen hieß dagegen: "Hoherpriester". Die Könige des Südreichs taten meist was dem Herrn gefiel; anders, als die des Nordreichs. In Jerusalem flossen religiöse und ökonomische Interessen zusammen. Das machte es den Südkönigen schmackhaft, Jahwe treu zu bleiben. Die Fruchtbarkeitskulte opferten föderal, was die Kontrolle der Opfergaben durch ein Glaubensmonopol erschwerte. An dieser Form des Gottesdienstes hatte die Monopoltheologie kein Interesse.

2 Chronik 31, 4-20:
Er (König Hiskia) befahl dem Volk, den Bewohnern Jerusalems, den Priestern und Leviten den gebührenden Teil abzuliefern, damit sie sich dem Gesetz des Herrn widmen könnten ...Asarja, der Hohepriester...sprach: "Seitdem man begonnen hat, die Abgaben zum Haus des Herrn zu bringen, essen wir gut und werden gesättigt.."...Der Levit Kore...war zum Aufseher über die freiwilligen Spenden für Gott gesetzt, damit die für den Herrn bestimmte Abgabe und das Hochheilige ausgeliefert würden...Hiskia...tat, was gut...war vor dem Herrn...

2 Könige 23, 20:
Alle Höhenpriester...schlachtete er (König Josia von Juda) auf den Altären und verbrannte Menschengebeine darauf.

2 Chronik 15, 8-18:
Als Asa...die Weissagungen vernommen hatte, die der Prophet Asarja...verkündete, griff er mutig zu...Jeder aber, der sich nicht an...den Gott Israels halten würde, sollte getötet werden, gleich, ob klein oder groß, Mann oder Frau. So leisteten sie dem Herrn mit lauter Stimme einen Eid...Ganz Juda freute sich über den Schwur...Er (König Asa) brachte die Weihegaben...in den Tempel Gottes: Silber, Gold und Geräte.

2 Chronik 25, 2-12:
Er (König Amazja) tat, was dem Herrn wohlgefiel, doch nicht mit der ganzen Hingabe seines Herzens...Amazja...schlug die Seïriter, zehntausend Mann. Andere zehntausend nahmen die Judäer lebend gefangen, führten sie auf einen Berggipfel und stürzten sie vom Gipfel hinab, so daß alle zerschmettert wurden.

2 Könige 9, 1-8:
Der Prophet Elisäus rief einen von den Prophetenjüngern und gab ihm den Auftrag:..."..nimm dieses Ölgefäß...suche Jehu...gieße es über sein Haupt aus mit den Worten:."...ich salbe dich zum König über Israel"...Du wirst das Haus Achabs...schlagen...ich werde von Achab alles Männliche ausrotten, Sklaven und Freie...

2 Könige 10, 14-30:
Man ergriff sie lebendig und schlachtete sie ab...Keinen von ihnen ließ er übrig...Jehu...sprach...: "Achab hat den Baal nur wenig verehrt, Jehu wird ihm aber um so eifriger dienen. Ruft nun alle Propheten des Baal...zu mir.."...Jehu handelte aber voller Arglist, weil er die Baalsdiener vertilgen wollte. Er gab Befehl, eine heilige Festversammlung zu Ehren Baals anzusetzen...Die Läufer und Schildträger schlugen sie mit dem Schwert nieder...Der Herr sprach zu Jehu: "Gut hast du ausgeführt, was recht ist in meinen Augen...".

Der mosaische Kult erhob Unversöhnlichkeit zum göttlichen Maßstab. Daher waren die Wechsel der Staatsreligion, die der Willkür der Könige folgten, für die Anhänger kanaanitischer Kulte verhängnisvoller, als für die Jahwetreuen. Die Fruchtbarkeitsgöttin Astarte und die Baale vertrugen sich untereinander. Zumindest bekämpften sich ihre Anhänger nicht bis aufs Blut. Unter ihrer Herrschaft konnte jeder auf seine Art selig werden; bloß nicht die Jahwetreuen. Die waren überzeugt, dass ihre Seligkeit der Ausrottung Andersdenkender bedarf. Sobald ein Jahwetreuer an die Macht kam, war das in der Folge für die Gläubigen der Astarte weit gefährlicher als umgekehrt. Die Gewaltbereitschaft des biblischen Glaubens gehört zu seinem Wesen. Sie ist aus dem mosaischen Aufbruch geboren. Moses wandte sich mit der Offenbarung nicht an den Einzelnen. Er wandte sich an das Volk, mit dem er erobern wollte. Da war es logisch, Geschlossenheit zu betonen und man ging gegen jeden vor, der aus der Reihe tanzte. Den Zwang zur Vereinheitlichung, der im hundertfach wiederholten Aufruf zur Ausrottung Andersdenkender gipfelt, veranschaulicht das Buch Esra. Als die Obrigkeit die Einhaltung rassenhygienischer Gesetze betreibt, heißt es:

Esra 10, 10:
"Treubruch war es von euch, daß ihr fremde Frauen geheiratet und so die Schuld Israels noch vergrößert habt..."

Die Idee vom auserwählten Volk sieht den Einzelnen nicht als Teil des Ganzen. Für sie ist er Mitglied einer Mannschaft. Der Einzelne hat sich nicht in ein Ganzes einzuordnen. Er muss sich der Absicht einer Gruppe fügen, die sich vom Ganzen programmatisch abgrenzt. Das entspricht dem Unterschied zwischen Religion und Politik. Nicht der Einzelne empfängt für seine Tugend himmlischen Lohn, sondern das Volk, falls dessen Führung alle zum Gehorchen bringt. Daher vergrößert jeder, der die nationale Grenze untergräbt oder sonst einen "Frevel" begeht, nicht bloß eine persönliche Schuld. Er vergrößert die gemeinsame Schuld ganz Israels. Nicht nur er muss für die Verfehlung büßen, sondern alle, die hebräischen Blutes sind. Die Schuld des Frevlers wächst dergestalt vermeintlich ins Immense. Der Hass gegen die Abweichung des Einzelnen vom nationalen Heilsweg entspringt diesem Denken unausweichlich. Wenn ich glaube, dass ein ganzer Gottesplan auf dem Spiel steht, sobald einer sich anders als andere verhält, kann ich seine Freiheit nicht mehr dulden. Moses' ideologische Militanz gehört so zur Grundausstattung seiner Lehre, dass ihre Unvereinbarkeit mit alternativem Denken in jede Abspaltung vom orthodoxen Glauben weiterfließt. Daher war kein Denksystem, das auf dem biblischen Mythos gründet, je in der Lage, mit fremder Kultur in respektvoller Verbindung zu stehen.

Propheten waren Überzeugungstäter und Werkzeuge der Priester. Propheten gab es aller Art, auch auf Seite der Gegenpartei. Anerkannt wurden nur solche, die sich entsprechend der mosaischen Doktrin verhielten. Bis auf Hosea stammten alle Propheten, die die Bibel in eigener Sache zitiert, aus dem Südreich. Das ist weder Zufall noch göttliche Wahl. Es ist Parteipolitik. Die Propheten verkündeten kosmologische Visionen, verbreiteten Hetze gegen Andersdenkende und Durchhalteparolen, wenn es für die Jahwetreuen schlecht stand. Die prophetischen Bücher sind meist Jahrhunderte nach dem Tod ihrer Namenspatrone entstanden. Isaias lebte um 750-700 vor Christus. Das Buch Isaias hat die Nachwelt geschrieben. Es sammelt Überlieferungen verschiedener Propheten und lag wohl erst um 200 vor Christus in der heutigen Fassung vor. Jeremias wirkte von 627-586 vor Christus. Auch "sein" Buch wuchs im Laufe der Zeit und auch hier fügten unterschiedliche Autoren Texte nach eigenem Gutdünken ein. Ähnlich wurde das Buch Ezechiel erweitert. Die Visionen und Wunschbilder der Propheten strotzen vor Gewalt.

2 Könige 1, 10:
Elias antwortete: "Bin ich ein Mann Gottes, so falle Feuer vom Himmel und verzehre dich und deine Fünfzig!".

2 Könige 2, 23-24:
Während er (Elisäus) den Weg hinaufstieg, kamen kleine Knaben...und verspotteten ihn. Sie riefen ihm zu: "Kahlkopf, Kahlkopf, steig hinauf!" Er...verwünschte sie im Namen des Herrn. Da kamen zwei Bären...und zerrissen zweiundvierzig von den Kindern.

Isaias 8, 9-10:
...ihr Völker...erschreckt...faßt einen Plan, er wird zunichte!...denn mit uns ist Gott!

Isaias 25, 6-11:
Der Herr der Heerscharen wird zubereiten für alle Völker auf diesem Berg ein Mahl von Fettspeisen...Aber Moab zerstampft man am Boden, wie man Stroh im Mistpfuhl zertritt. Breitet es darin seinen Hände aus wie der Schwimmer zum Schwimmen, so wird es der Herr beim Auftauchen niederdrücken...

Isaias 34, 2-6:
Denn wider alle Nationen ist der Herr ergrimmt...Gebannt hat er sie, überliefert der Schlachtung...ihrer Leichen Gestank steigt empor, Berge zerfließen von ihrem Blut...Hat sich mein Schwert berauscht am Himmel, dann fährt es auf Edom hinab...Der Herr führt ein Schwert triefend von Blut und gesättigt mit Fett...

Isaias 41, 14-16:
Hab keine Furcht, du Würmlein Jakob, ihr Leute von Israel!...zu einen scharfen Dreschschlitten...mit vielen Schneiden, mache ich dich. Berge sollst du dreschen und zermalmen...du selbst aber freust dich im Herrn, rühmst dich im Heiligen Israels!

Isaias 63, 1-7:
Wer ist's, der da von Edom kommt, in hochroten Kleidern...?..."Ich bin es, der in Gerechtigkeit redet und groß ist im Helfen!" Warum aber ist rot dein Gewand, deine Kleider wie die eines Keltertreters? "Die Kelter trat ich allein...ich trat sie nieder...zerstampfte sie in meinem Grimm; es spritzte ihr Saft an meine Kleider, und alle meine Gewänder besudelte ich. Denn ein Rachetag lag mir im Sinn, mein Erlösungsjahr war erschienen...Völker zertrat ich in meinem Grimm...ließ ihren Saft zur Erde rinnen." Preisen will ich die Gnaden des Herrn...gemäß...seiner Güte für das Haus Israel...

Jeremias 46, 10:
...das Schwert...wird trunken von ihrem Blut; denn ein Schlachtfest hält der...Herr der Heere im Lande des Nordens, am Euphratstrom.

Ezechiel 8, 14 bis 9, 6:
...da saßen Frauen, die den Tammus beweinten...Noch größere Greueltaten als diese wirst du sehen...siehe da, am Eingang zum Tempel des Herrn...waren fünfundzwanzig Männer...diese beteten...die Sonne an...Ist es denn dem Hause Juda zu wenig, die Greueltaten zu verüben, die man hier tut, daß sie auch noch das Land mit Gewalttat erfüllen...? Und siehe, mir halten sie den Rebzweig vor die Nase. So handele auch ich...und...kenne kein Mitleid...Da erschienen sechs Männer...ein jeder hat seine Zerstörungswaffe in der Hand...Euer Auge...kenne kein Mitleid! Greise...Kinder und Frauen tötet, bis sie ausgerottet sind! Rührt aber niemanden an, der das Kennzeichen (der Jahwetreuen) trägt...

Tammus war ein babylonischer Frühlingsgott. Wenn in der Trockenzeit die Pflanzen verdorrten, weinten die Frauen ihm nach. Als Gräueltat gilt nicht, Andersdenkende abzuschlachten. Das wird in Ezechiels Vision mit Zerstörungswaffen in der Hand erledigt. Als Gräuel gilt, vom einem Staatskult abzuweichen, der mit Isaias hofft, dass sich Gott auf Seiten Israels mit dem Blut zerstampfter Völker besudelt. Als Gräuel gilt dem Kult kein Verstoß gegen die Menschlichkeit. Ihm gilt als Gräuel, wenn ein Jude mehr Interesse am Rebzweig hat, als am Totschlag derer, die Gott im Rebzweig sehen. Den Sprachgebrauch der Bibel muss man kennen. Sonst meint man, friedfertige Leute hätten sich über die Grausamkeit der Welt empört. So war es nicht. Was ihre Empörung als Gräueltat beschreibt, war oft nicht mehr als mangelnder Respekt vor ihrer Lehre. Erst was die Bibel zur Strafe dieser "Gräueltaten" fordert, war wirklich grauenhaft.

Hosea 14, 1:
Samaria muß büßen, denn es war widerspenstig gegen seinen Gott...ihre Säuglinge werden zerschmettert, ihre werdenden Mütter aufgeschlitzt.

Joël 4, 9-10:
"..Rüstet zum Krieg!...Schmiedet eure Pflugscharen zu Schwertern um.."

Amos 1, 8:
"..Ich kehre meine Hand wider Ekron, daß der Rest der Philister zugrunde geht.."

Micha 7, 10-16:
Meine Feindin...wird...zertreten wie Gassenkot...Die Völker sollen...zuschanden werden...

Sacharja 10, 5:
Insgesamt werden sie sein wie Helden, die im Krieg die Feinde zertreten wie Gassenkot.

Zephanja 1, 8:
Am Schlachttag...wird es geschehen: "Ich rechne ab...mit allen, die sich kleiden in ausländische Tracht..."

Zephanja 1, 14-17:
Nahe ist der Tag des Herrn...Ihr Blut wird ausgeschüttet wie Staub, ihre Eingeweide wie Kot.

Zephanja 2, 5-12:
"Ich vernichte dich [Kanaan], Land der Philister, daß kein Bewohner mehr übrigbleibt."...Der Landstrich am Meer wird dem Rest des Hauses Juda gehören...Moab wird wie Sodom werden...der Rest meines Volkes wird sie plündern..."Auch ihr Kuschiten werdet durchbohrt von meinem Schwert!".

Daniel 3, 96:
Von mir (Nebukadnezar) ergeht jetzt der Befehl: Wer...über den Gott des Schadrach...eine Lästerung ausspricht, der soll zerstückelt...werden.

Das Buch Daniel wurde 400 Jahre nach Nebukadnezar geschrieben. Es preist einen jüdischen Helden, vor dem sich der babylonische König in den Staub geworfen haben soll.

Daniel 2, 46:
Da fiel der König Nebukadnezar auf sein Angesicht nieder und huldigte dem Daniel.

Die Behauptung, dass sich ein Nebukadnezar niederwirft, außer vielleicht vor babylonischen Staatsgötzen, ist sicher falsch. Ebenso unglaubhaft ist, dass er Befehl gab, sämtliche Kritiker des mosaischen Kults zu zerstückeln. Wesentlich ist aber nicht die Frage, ob nun Nebukadnezar oder der Autor des Danielbuchs den Kritikern des Judaismus mit Mord droht. Wesentlich ist die Wahl des Textes in den Kanon der "heiligen" Bücher. Egal wer den Mord androht, einmal mehr rechtfertigt er Mord als Mittel gegen jeden, der sich nicht duckt. Ähnliches gilt für das Buch Ester. Es erzählt aus dem Leben einer Jüdin, die der Perserkönig Xerxes zur Königin erwählt haben soll. Im Rahmen nationaler Konflikte zwischen Juden und Nichtjuden habe sie Xerxes zur Parteinahme zu Gunsten der Juden bewegt.

Ester 8, 11-17:
"Der König erlaubt den Juden...jegliche Streitmacht eines Volkes oder einer Provinz, die ihnen feindlich begegnet, samt Kindern und Frauen zu vernichten, zu töten und zu verderben und ihre Habe zu plündern;...es soll allen Völkern bekanntgemacht werden, damit die Juden an diesem Tag sich bereithalten können, um an ihren Feinden Rache zu nehmen!..."..Der Erlaß wurde aber auch in der Burg Susa bekannt gemacht...Die Stadt Susa jubelte und frohlockte...Viele aus den Heidenvölkern bekannten sich zum Judentum, denn die Furcht vor den Juden hatte sie befallen.

Ester 9, 6-13:
In der Burg Susa brachten die Juden durch Ermordung fünfhundert Mann um...Da sprach der König zur Königin Ester: "...Um was bittest du nun?..." Ester entgegnete: "Erscheint es dem König richtig, so werde den Juden in Susa auch morgen gestattet, nach dem für heute genehmigten Gesetz vorzugehen; die zehn Söhne des Hamans aber hänge man an den Pfahl!"

Der König erlaubt es einer ethnischen Minderheit, nach Gutdünken Massaker in seinem Land zu verüben? Auch hier können wir den Glauben an die Wahrheitsliebe der Berichterstattung aus unserem Urteil streichen. Bedeutsam ist die immanente Botschaft: Massenmord ist gottgefällig; solange es sich um Konkurrenten handelt. Zählt man sich zum Gottesvolk, kann man beim Bericht über die Gräueltaten von Susa auf die Frage verzichten, ob es sich beim Jubeln und Frohlocken der Stadt nicht bestenfalls um Heuchelei gehandelt hat. Wie sonst ist zu verstehen, dass in der jubelnden Masse viele gewesen sind, deren Furcht vor den Juden so groß war, dass sie eilends zu den Mördern überliefen. Sind die, die über den Freibrief zum Totschlag frohlocken, so an Verdrehung gewöhnt, dass sie übersehen, welches Glaubensmotiv der Text erkennen lässt? Hinter dem Hosianna liegt die bloße Angst, dass man beim Morden auf der falschen Seite steht.

Ich selbst war damals Priester. Ich leitete meine Abstammung von Aaron ab. Nach dem Befreiungsedikt des Perserkönigs Cyrus, mit dem die babylonische Gefangenschaft 539 vor Christus zu Ende ging, war ein Teil der Juden nach Jerusalem zurückgekehrt. Ich führte eine zweite Gruppe an, die Babylon erst 458 verließ.

Esra 1, 2-4:
"So spricht Cyrus...:...Jedem der noch übriggeblieben ist, sollen an allen Orten, wo immer er als Fremdling weilt, die Ortsinsassen mit Silber, Gold, beweglicher Habe und Vieh aushelfen..." Da machten sich die Familienhäupter von Juda und Benjamin sowie die Priester und Leviten, alle, deren Geist Gott erweckt hatte, auf...

Esra 7, 7:
Auch eine Anzahl Israeliten sowie Priester, Leviten, Sänger, Torhüter und Tempeldiener zogen mit (Esra) nach Jerusalem hinauf im siebten Jahr des Königs Artaxerxes (458).

Die erste Gruppe war in Kanaan auf eine Mischbevölkerung getroffen, die teils Jahwe huldigte. Nach dem Fall des Nordreichs an Assyrien 722, war ein Teil der Israeliten verschleppt worden. Andere waren im Land geblieben. Sie hatten sich mit assyrischen Volksgruppen und überlebenden Kanaaniter vermischt. Die Assyrer erkannten den mosaischen Kult ausdrücklich an.

2 Könige 17, 27-32:
Der König von Assur befahl: "Bringt doch einen von den Priestern, die ihr in die Verbannung geschickt habt, zurück! Er...kläre sie (die Mischbevölkerung des Nordreiches) über die gesetzmäßige Verehrung des Landesgottes (Jahwe) auf"...Die Leute aus Babel machten Bilder von Sukkot-Beno...jene aus Hamat Aschimabilder...Die aus Sepharwajim verbrannten ihre Kinder zu Ehren des Adremmelech...Gleichzeitig aber verehrten sie auch den Herrn.

In Juda angekommen, begannen die Rückkehrer mit dem Neubau des Tempels. Er wurde 515 fertiggestellt. Das Angebot Ortsansässiger, sich am Bau des Tempels zu beteiligen, lehnten sie ab.

Esra 4, 1-3:
Die Feinde Judas und Benjamins...wandten sich an Serubabel und die Familienoberhäupter und ließen sie wissen: "Wir wollen mit euch bauen; denn wir suchen euren Gott wie ihr selbst und opfern ihm seit der Zeit...des Königs von Assur, der uns hierher verpflanzt hat." Jedoch Serubabel...und die...Häupter der israelitischen Familien gaben ihnen zur Antwort: "Es schickt sich nicht, daß wir mit euch zusammen unserem Gott ein Haus bauen..."

Jahwe war unser Gott. Wir fühlten uns als seine Eigentümer (Ezechiel 44, 28-30). Nur wenn er unser Gott blieb, konnte er uns auf Kosten anderer Besitz verschaffen. Dem gemäß war ein gemeinsamer Kult von Juden und Fremden kein Ziel. Unser Ziel war der Sieg des auserwählten Volkes; ohne dass wir uns über den Sinn der Wahl den Kopf zerbrachen. Wir gingen davon aus, dass die Wahl ein Akt der Willkür war und als Nutznießer der Willkür waren wir damit zufrieden. Resultat unseres Credos war eine abgesonderte Kultur, die sich ihrer Ideologie unterwarf. Juden und Nichtjuden sollen sich weder bei Tisch noch im Bett noch bei der Suche nach Wahrheit begegnen. Tobit glaubte in Ninive, es diene dem Seelenheil, nicht bei Fremden zu essen.

Tobit 1, 10-11:
Als ich nach Ninive in die Verbannung gekommen war, aßen alle meine Brüder und alle meine Sippengenossen von den Speisen der Heiden. Ich aber bewahrte meine Seele davor...

Königin Ester verabscheute, trotz aller Liebesbeweise ihres persischen Gatten, die Ehe mit Fremdstämmigen generell.

Ester 14, 15:
...du weißt auch, daß ich...das Ehebett der Unbeschnittenen und aller Fremdstämmigen verabscheue.

So war klar, dass es sich für Heimkehrer aus Babylon nicht schickt, "ihrem" Gott gemeinsam mit Ortsansässigen ein Haus zu bauen. Als ich in Kanaan ankam, hatte sich die Schlamperei jedoch schon wieder eingeschlichen. Nehemia und ich rissen die Macht über die jüdische Gemeinde an uns. Wir drehten die Uhren zurück.

Esra 9, 1-3:
..die Obersten...berichteten: "Das israelitische Volk und die Priester und Leviten haben sich nicht von den Heidenvölkern...abgesondert...Für sich und ihre Söhne nahmen sie sich aus deren Töchtern Frauen; so hat sich der heilige Same mit den Heidenvölkern des Landes vermischt. Bei diesem Treubruch spielten Fürsten und Vornehme die erste Rolle." Sobald ich davon Kunde erhielt...saß (ich) tief erschüttert da.

Esra 9, 12:
Gebt daher eure Töchter nicht ihren Söhnen...Sucht nie ihr Glück und ihren Wohlstand, damit ihr stark werdet, die Güter des Landes genießt und für immer euren Söhnen vererbt!

Esra 10, 3-19:
Laßt uns also mit unserem Gott einen Bund schließen: Wir entlassen alle fremden Frauen und deren Kinder...Esra erhob sich und nahm von...ganz Israel einen Eid ab...Man ließ nun allen Zurückgekehrten...verkünden, sie sollten sich in Jerusalem einfinden. Wer...gemäß dem Beschluß der Obersten...nicht komme, dem drohe Bannung seines gesamten Besitzes und Ausschluß aus der Heimkehrergemeinde. So versammelten sich alle Männer...in Jerusalem...zitternd wegen des Anlasses...Da erhob sich der Priester Esra und verkündete:.."...sondert euch ab von den heidnischen Bewohnern des Landes und von den fremdstämmigen Frauen!"...Auf Handschlag versprachen sie die Entlassung ihrer Frauen. Ihr Schuldopfer bestand in einem Widder für ihr sträfliches Vergehen.

Wer nicht schriftlich nachweisen konnte, dass seine Abstammung reinrassig war, wurde von Schlüsselpositionen ausgeschlossen.

Nehemia 7, 61-64:
Folgende...konnten nicht angeben, ob ihre Familie...aus Israel stamme: die Söhne Delajas, die des Tobia...zusammen 642 Mann...Diese suchten nach ihrer Aufzeichnung in den Geschlechtsurkunden. Da man sie nicht fand, wurden sie als untauglich für das Priesteramt erklärt.

Nehemia 9, 2-5:
Die reinstämmigen Israeliten sonderten sich von allen Fremden ab...Dann befahlen die Leviten...: "...preist den Herrn...!

Nehemia 10, 31:
Besonders werden wir unsere Töchter nicht den Heidenvölkern zu Frauen geben und ihre Töchter nicht für unsere Söhne nehmen.

Nehemia 13, 3:
Als sie von diesem Gesetz (5 Moses 23) hörten, schieden sie alles Mischvolk aus Israel aus.

Nehemia 13, 23-30:
Auch sah ich...daß Juden asdodische, ammonitische und moabitische Frauen geheiratet hatten...Ich schalt und verwünschte sie, ließ auch einige von ihnen schlagen und ihnen die Haare ausraufen...Ich säuberte sie von allem fremdländischen Wesen..." Sei dessen eingedenk, o mein Gott, zu meinem Heil!"

Wir machten die mosaische Ideologie für die Rückkehrer verbindlich. Fremdländisches galt als Schmutz. Neben rassenhygienischen Maßnahmen setzten wir die alte Abgabenordnung wieder ein. Als Nehemia verreiste, stockten die Zahlungen an die Priester allerdings prompt.

Nehemia 10, 38:
Das Beste von unserem Brotteig und unseren Abgaben...wollen wir den Priestern...bringen.

Nehemia 12, 44:
...denn Juda war begeistert für die Priester und Leviten, die im Dienst standen.

Nehemia 13, 10:
Ich brachte auch in Erfahrung, daß die Anteile der Leviten nicht abgeliefert wurden.

Juda war keineswegs so begeistert, die Priester zu füttern, wie es die Propaganda behauptet. Wie denn auch? Die Männer hatten sich zitternd wegen des Anlasses in Jerusalem versammelt; um den Befehl entgegenzunehmen, sich von ihren rassefremden Frauen und Mischlingskindern loszusagen. Sie hatten sich versammelt, nachdem die Obersten jedem, der sich ihrem Befehl widersetzt, Bannung des gesamten Besitzes und Ausschluß aus der Heimkehrergemeinde angedroht hatten. Was glauben Sie, was es damals hieß, mit nichts als dem, was man am Leibe trug, aus der Stadt gejagt zu werden? Wer glaubt ehrlich, jemand sei begeistert für die Priester und Leviten, die ihn eben noch, für den Fall, dass er nicht spurt, mit der Vernichtung seiner Existenz bedrohten? Die Begeisterung hielt sich arg in Grenzen und so manchem wurde damals etwas klar: dass man als einfacher Jude besser unter babylonischer als unter judaistischer Herrschaft lebte; was man geflissentlich für sich behielt, wenn einem das Leben lieb war. Es gab reichlich Männer, die liebten ihre Frauen und Väter, die liebten ihre Kinder, auch wenn sie nicht reinrassig waren. Vier hatten den Mut, zu widersprechen:

Esra 10, 14-15:
Mögen doch unsere Obersten im Namen der ganzen Gemeinde zusammentreten...bis wir die Zornesglut unseres Gottes in dieser Sache von uns abgewendet haben. Nur Jonatan...und Jachseja...traten dagegen auf; Meschullam und der Levit Schabbetaj standen ebenfalls auf ihrer Seite.

Der Text zählt 114 Fälle von Mischehen auf. Nach Untersuchung des Tatbestandes (Esra 10, 16) waren alle ermittelten Täter bereit, Frauen und Kinder zu verstoßen. Das Buch Esra beschreibt die Wiedergeburt des Judaismus' auf dem Boden Kanaans. Hundert Prozent aller Juden, die fremdstämmige Frauen geheiratet hatten, waren auf Druck der Obrigkeit zu einer Unterwerfung bereit, die schwer zu verkraften ist: die erzwungene Lossagung von engsten Bezugspersonen. Auch der Geist, aus dem der Glaube nach Babylon zu neuen Kräften kam, hat sich seine Macht durch Einschüchterung verschafft. Die Angst der Juden, verstoßen zu werden, war so groß, dass sie ihre Frauen und Kinder lieber einem schlimmeren Schicksal überließen. Der Verlust der familiären Bindung war für die Kinder gewiss ein größeres Risiko als es der Verlust der nationalen für ihre Väter gewesen wäre. Der Vorgang zeigt auch, wie der Glaube das eigene Gesetz verachtet. Es ist ihm nur etwas wert, wenn es der Macht der Gruppe dient. Es hat keinen Wert im religiösen Sinn; denn was hätte am Ausschluss so schrecklich sein sollen, wenn man durch Respekt vor dem Gesetz göttliche Gnade erringt? Schrecklich aus religiöser Sicht! Abgesehen vom Verlust des Besitzes! Was hätte die Verstoßenen daran gehindert, die Zehn Gebote einzuhalten, den Sabbat zu ehren, koscher zu essen und das Pascha zu feiern? Niemand. Wenn all das in den Augen des Glaubens etwas wert wäre, könnte er selbst nicht glauben, dass er einschüchtern kann, indem er die Exkommunikation androht. Das einzige, was für den Glauben tatsächlich zählt, ist die Mitgliedschaft in der Heilspartei. Jonatan, Jachseja, Meschullam und Schabbetaj: Das waren die vier Gerechten Israels zu meiner Zeit. Sie waren gerecht, weil sie sich gegen Jahwes Priester erhoben. Alle anderen haben sich der Menschenverachtung gebeugt.

Der Begriff "Rassismus" setzt biologische Vorstellungen bei dem voraus, der anderen aus rassistischer Gesinnung schadet. Dabei ist es egal, ob die Vorstellungen richtig sind oder falsch. Der Begriff "Rasse" gehörte zu meiner Zeit nicht zum Wortschatz einer ausgeformten Lehre. Die israelitische Religion der Antike dachte daher nicht im selben Sinn rassistisch, wie es ein Nationalsozialist des zwanzigsten Jahrhunderts tat. Trotzdem lag die Grenze, die in den Augen eines Judaisten über "lebenswert" und "-unwert" entschied, auf der selben Linie, die auch ein moderner Rassist für wesentlich hält: der zwischen Volk und Volk. So ist das, was einen Judaisten der Antike in Sachen Fremdenhass von einem modernen Rassisten unterscheidet, weniger bedeutsam ist als ihre Gemeinsamkeit. Wie sehr eine Weltanschauung irrt, wird nicht von der Begründung bestimmt, mit deren scheinbarer Rechtfertigung sie mordet. Es wird vom Leid bestimmt, das sie ihren Opfern zufügt. Die Biologie zu missbrauchen, um Fremden zu schaden, ist für die Fremden schädlich. Genauso schädlich ist ein entsprechender Missbrauch der Theologie; bloß dass der auch Gott noch lästert.
Außerdem: Wonach hat Jahwe jene ausgewählt, denen im mosaischen Weltbild die Herrenrolle zukommt? Etwa nach Tugend, Ethik und Moral? Das war es nicht. Es war ein biologisches Kriterium: die Abstammung von Urvätern. Nicht umsonst ist das erste Buch der Bibel eine Abstammungslehre. Nicht umsonst war Israel als Adressat der Offenbarung bereits in Ägypten eine biologische Einheit; erst recht, nachdem auf dem Sinai das Mischvolk von der Bildfläche verschwand. Und nicht umsonst ist das Buch Esra entsetzt, wenn sich der heilige Same Israels mit dem Blut von Heidenvölkern vermischt. Bei der Wahl hat Jahwe keinen kulturellen Maßstab benutzt. Keineswegs hat er die Israeliten ausgewählt, weil deren Moral besser gewesen wäre. Das Wertesystem, also das mosaische Gesetz, ist laut judaistischer Lehre kein Resultat eines hebräischen Ringens um Tugend und Moral. Genau darauf fußt ja der Anspruch des Glaubens! Jahwe selbst hat es sich im Himmel ausgedacht und er hätte genauso die Tungusen beauftragen können, gemäß dieses Gesetzes zu leben. Die Israeliten, die Moses traf, qualifizierten sich ausschließlich durch ein biologisches Merkmal zu ihrer vermeintlichen Sonderrolle. Das, was ihre mythischen Vorfahren, Abraham, Noah, Sem und Jakob/Israel, ihrerseits hervorhob, war nichts als ein vererbbares Potential zum Gehorsam gegenüber einem Gesetz, das noch nicht erlassen war.

Ohne dass sich das judaistische Auserwähltheitsdenken so ausdrücklich um die Frage der richtigen Abstammung rankte, hätte sich der Antisemitismus, als verquere Theorie der falschen Abstammung, niemals zu einer solchen Plage ausgewachsen. Unmissverständlich betont das Manifest des Judaismus, dass vom mosaischen Gott für fremde Völker, also für Menschen falscher Abstammung, Übles ausgeht. Da der Wille Jahwes auf Erden zuvorderst durch das jüdische Volk zu vollstrecken war, ging in den Augen vieler diese Bedrohung unmittelbar vom jüdischen Menschen aus; egal, ob der wirklich drohte oder bloß Mazzenbrot aß. Im Heilsgeschrei des Antisemitismus spiegelt sich der Geist der Heilsgeschichte.

Psalm 9, 6-9:
Völker hast du bedroht...ihren Namen getilgt...Er...spricht nach Gebühr den Völkern ihr Urteil.

Psalm 18, 43:
Ich (David) zerrieb sie wie Staub vor dem Wind, zertrat sie wie Gassenkot.

Jesus Sirach 36, 2-3:
..lege Angst vor dir auf alle Heidenvölker! Dem fremden Volke schwing die Hand entgegen...

Der Judaismus erklärt seine Gegner quer durch die Bibel zu Gassenkot (Psalm 18, 2 Samuel 22, Micha 7, Sacharja 7). Der Antisemitismus stempelt Juden zu Untermenschen ab. Die Parallele ist offensichtlich und eins ist gewiss: Hätte keine hebräische Priesterschaft die Offenbarungsideologie den Hebräern eingeschärft, sondern eine tungutische den Tungusen, gäbe es keinen Antisemitismus. Dann hieße die Fratze, die das "auserwählte" Volk aus seiner Bruderwelt bedroht, "Antitungutismus"; was beweist, dass die eigentliche Quelle des Antisemitismus kein biologischer Dünkel ist. Der Antisemitismus ist ein verleugneter Enkel der Auserwähltheitsphantasie. Von seinem Großvater kann er sich ebenso wenig lösen, wie er ihn hasst. Zweifel am Recht des mosaischen Rassismus' tauchen in der Schrift meist nur als Verleugnung von Schuldgefühlen auf:

Weisheit 12, 3-13:
...du haßtest zwar die einstigen Bewohner...wolltest (sie) durch die Hand unserer Väter vertilgen...ein von Anfang an verfluchter Stamm waren sie...keinen Gott gibt es außer dir...so daß du beweisen müßtest, daß du nicht ungerecht gerichtet hast.

Isaias 50, 8:
Nahe ist, der mich schuldlos erklärt; wer will streiten mit mir?

Psalm 65, 4:
Sind unsere Vergehen zu schwer für uns, so vergibst du sie.

Ausgestattet mit einem religiös verbrieften Gefühl der Rechtmäßigkeit zertritt David Menschen im Vollgefühl einer Unschuld, die mit den Sünden der Blutbefleckten nichts, aber auch gar nichts, gemein hat; genauso wenig, wie die Hinterlist, mit der er Batsebas Mann aus dem Wege schaffte, mit der Hinterlist Hinterlistiger gleichzusetzen wäre.

Psalm 26, 4-11:
Bei falschen Menschen saß ich (David) nie, und mit Hinterlistigen traf ich mich nicht. Ich mied den Kreis der Bösen, mit Gottlosen saß ich nicht beisammen. In Unschuld wasche ich meine Hände und schreite um deinen Altar...Raffe mich nicht mit den Sündern hinweg und mein Leben nicht mit den Blutbefleckten! Verbrechen klebt an ihren Händen...Ich aber wandele in Unschuld.

Tobit berichtet aus Ninive, dass dort alle meine Brüder und alle meine Sippengenossen von den Speisen der Heiden aßen, während er es nicht tat. Tobit blieb den Gesetzen treu. Trotzdem stieg er zum Einkäufer des Königs auf (Tobit 1, 13) und erwarb Reichtum (Tobit 1, 14), den er unter anderem für Taten der Barmherzigkeit an seinen Brüdern verwendete. Auch sein Neffe Achiachar hatte Staatsämter im assyrischen Reich inne.

Tobit 1, 22:
Achiachar war...Reichskanzler und Schatzmeister.

Die mosaischen Gesetze geben komplexe Rituale der Auswahl und Zubereitung von Nahrungsmitteln vor. Deren Einhaltung ist zentraler Bestandteil des israelitischen Glaubens. Wenn alle Brüder und Sippengenossen in Assyrien von den Speisen der Heiden aßen, heißt das, dass sich der überwiegende Teil der Israeliten dort integrierte. Tobit berichtet, dass er selbst nicht aß. Obwohl er sich so zu seiner Religion bekannte, stieg er in Assyrien auf und wurde reich. Daraus ist zu schließen: Eine systematische Verfolgung der israelitischen Religion in Assyrien hat es nicht gegeben; zumal Assyrien die Bibelreligion im eroberten Kanaan ausdrücklich respektierte. Die Mehrzahl der Israeliten war sicher arm, wie das Gros der Assyrer auch. Außer Tobit und seinem Neffen gab es aber andere wohlhabende Israeliten in der Verbannung. So wird im weiteren Verlauf von Raguel erzählt, bei dem Tobias, der Sohn Tobits zu Besuch war.

Tobit 10, 10:
Da erhob sich Raguel, gab ihm (Tobias) seine Frau Sara und die Hälfte seines Vermögens, Sklaven, Vieh und Geld.

Der Israelit Raguel hatte als Mitgift Sklaven zu vergeben. Er selbst wird also keiner gewesen sein. Tobias isst im Hause Raguels: was er gewiss nur tat, wenn Raguels Küche koscher kochte. Auch Raguel konnte sich in Ekbatana zu seinem Glauben bekennen, ohne dass eine systematische Diskriminierung ihn am Leben im Reichtum gehindert hätte. Ähnlich wie in Assyrien ging es den Juden in Babylon. Zwar ist von "babylonischer Gefangenschaft" die Rede, nach dem Befreiungsedikt zog aber nur ein Teil der Juden weg. Die Bibel nennt 42360 Mann, dazu 7337 Knechte und Mägde (Esra 2, 64-67). Sie hatten 736 Pferde, 245 Maultiere, 435 Kamele und 6720 Esel. Nach ihrer Ankunft in Jerusalem spendeten sie 61000 Drachmen Gold (488 KG), 5000 Minen Silber (2500 KG) und 100 Priesterkleider. Die Gefangenschaft kann also nicht so bedrückend gewesen sein, wie das Wort jene glauben macht, die die Details zwischen den Zeilen übersehen. Tatsache ist, dass beim Befreiungsedikt viele Juden die "Gefangenschaft" nicht aufgaben. Vielen ging es in der Diaspora gut. Es verlockte sie kaum, die Weltoffenheit Babylons gegen eine Priesterdiktatur zu tauschen. Archäologen haben Unterlagen der Firma Murashu & Söhne gefundenen, einer jüdischen Bank mit Sitz in Nippur/Babylonien, die seit 587 vor Christus gedieh. Sie belegen die Geschäftigkeit der jüdischen Gemeinde während der "Gefangenschaft". Die Juden taten in Babylon, wie ihnen Jeremias riet.

Jeremias 29, 5-7:
Baut Häuser...pflanzt Gärten. Nehmt Frauen, zeugt Söhne und Töchter... ihr sollt euch dort vermehren und nicht vermindern! Bemüht euch um das Wohlergehen des Landes, in das ich euch weggeführt, und betet für dieses zum Herrn, denn auf seinem Wohl beruht euer eigenes Wohl!

Daniel 13, 1-4:
In Babylon lebte...Jojakim. Er heiratete...Susanna...ihre Eltern...hatten ihre Tochter nach den Gesetzen des Moses erzogen. Jojakim war sehr reich...

Die Eingliederung der Juden in Babylon war über Generationen stabil. Auch das Buch Daniel belegt sowohl den Reichtum, den so mancher Gefangene in Babylon genoss, als auch die Toleranz der Babylonier. Die religiöse Freiheit der Exilierten wurde kaum beschnitten. Schon Nebukadnezar bot Juden angesehene Stellungen bei Hofe an:

Daniel 1, 3-4:
Nun befahl der König (Nebukadnezar)...er möge israelitische Knaben aus dem königlichen Geschlecht...kommen lassen...(um) in den königlichen Hofdienst zu treten.

Diese Integrationsbereitschaft steht im Gegensatz zur Ausgrenzung Fremdstämmiger, die wir beim Wiederaufbau des Judaismus auf kanaanitischem Boden betrieben. Bevor ich, 81 Jahre nach dem Befreiungsedikt des Königs Cyrus, nach Jerusalem aufbrach, genoss ich die Unterstützung des persischen Königs Artaxerxes. Auch Nehemia, der erst 445 nach Jerusalem reiste, hatte eine hohe Position im persischen Staat.

Esra 7, 6:
...Der König gewährte ihm (Esra) all seine Wünsche, da die Hand seines Herrn, seines Gottes über ihm war.

Nehemia 1, 11:
..Ich war nämlich Mundschenk beim König.

Es hat sowohl in Assyrien als auch in Babylon oder unter persischer Herrschaft erhebliche Feindseligkeiten gegen Israeliten gegeben. Verglichen mit dem, wie es Nicht-Israeliten unter israelitischer Herrschaft im davidisch-salomonischen Reich erging, das als vorläufige Erfüllung der von Gott offenbarten Verheißung gilt, ist es den Israeliten unter der Herrschaft ihrer Widersacher allerdings gut gegangen. Im israelitischen Reich wurden Fremde umgebracht oder zur Fronarbeit gezwungen. In Babylon lebten viele Juden in Frieden und Wohlstand. Trotzdem predigt die Bibel Hass gegen die Stadt.

Psalm 137, 9:
Heil dem, der deine (Babels) Kinder packt und am Felsen zerschmettert!

Isaias 13, 15-16:
Jeder Erwischte wird durchbohrt, jeder Verschleppte fällt durch das Schwert. Ihre Kinder (der Babylonier) werden vor ihren Augen zerschmettert, ihre Häuser geplündert, ihre Frauen geschändet.

Selbst Jeremias, der den Juden für die Dauer der Diaspora Gebete zugunsten Babylons empfahl, lässt an anderer Stelle dem Hass freien Lauf.

Jeremias 51, 24:
Ich zahle Babel und allen Bewohnern Kaldäas all ihre Bosheit heim, die sie an Sion verübten."

Warum kein Dank für die ausgestreckte Hand der Fremden? Warum keine Anerkennung für das Maß, mit dem die Feinde herrschten? Warum wird jede Großmut der persischen Könige zur Eingebung des mosaischen Gottes erklärt?

Esra 1, 1:
Im ersten Jahr des Cyrus...erweckte der Herr den Geist des Perserkönigs Cyrus, damit des Herrn Verheißung aus dem Mund des Jeremias in Erfüllung ginge. (gleicher Tenor bezüglich Artaxerxes Esra 7, 6)

Warum betreibt Nehemia in Jerusalem Rassentrennung, obwohl er als Mundschenk des Königs Artaxerxes auf Menschlichkeit gestoßen war?

Nehemia 2, 2-8:
Der König fragte mich: "Warum siehst du so schlecht aus?...Das kann nur ein Herzenskummer sein!"...der König gestattete es mir (nach Juda zu reisen); denn die Hand meines Gottes waltete gnädig über mir.

Warum kann es nicht heißen: der König gestattete es, denn die Hand seines Gottes hatte ihn zu einem guten Menschen gemacht. Um das zu verstehen, muss man sich etwas klar machen: Die Bibel vertritt nicht die Meinung der Judäer; und schon gar nicht die der Israeliten. Sie ist das Sprachorgan einer nationalistischen Partei. Der Mehrheit der Israeliten war die rassistische Grundidee ihrer Priester fremd. So ist das Alte Testament eine Sammlung von Propagandaschriften, die sich um immer gleiche Schlüsselthemen drehen: bedingungsloser Gehorsam, Versprechen ungeheurer Belohnung für blinde Gefolgschaft, Abgrenzung gegenüber fremden Kulturen, Machtanspruch der Priester, Aufruf zu Eroberungskrieg und Völkermord.

Psalm 106, 34:
Sie rotteten die Völker nicht aus, wie ihnen der Herr befohlen hatte. Nein, sie vermischten sich mit den Heiden...

Viele Juden wussten Babylon zu schätzen. Viele waren dankbar, liberal, weltoffen. Sie blieben und verschmolzen die kompromissfähigen Anteile ihrer Tradition mit der örtlichen Kultur. Damit schieden sie aus der nationalen Siegerphantasie aus und da sie der Abgrenzung keinen Wert mehr beimaßen, hörten sie auf, ihr Leben dem Jüdischsein zu widmen. Diese Juden hassten Babylon durchaus nicht. Sie empfanden es als Befreiung. Wenn man das versteht, versteht man auch, warum die Priester, deren Privilegien daran gebunden waren, dass es genügend Juden gab, die sich der mosaischen Diktatur unterwarfen, Babylon hassten. Babylon drohte ihnen, wie einst die kanaanitische Kultur, das Volk abspenstig zu machen; jenes Volk, dessen Gott sie als Erbbesitz betrachteten. Deshalb war in den Augen der Propaganda kein Fremder aus eigenem Wesen heraus gut.

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