Cham
Weder Jude, Christ noch Moslem

Moses

Im Jenseits tagt das Jüngste Gericht. Verhandelt wird die Sache "Weltgewissen gegen Adolf Hitler". Bisher hat das Gericht die Zeugen der Anklage gehört. Hitlers Verbrechen konnten lückenlos belegt werden. Die Verteidigung ergreift das Wort:

Verteidigung:
Hitler steht als Täter fest. Seine Verbrechen haben historisches Ausmaß. So könnte man den Prozess nun verkürzen und sofort das maximale Strafmaß verhängen. Doch halt! Gerade weil die Taten historische Ausmaße haben, kann nur der Blick auf den Zusammenhang zu einem Urteil führen, das ihrer Tragweite gerecht wird. Die Verbrechen sind zu groß, als dass es uns genügen kann, sie am Täter durch Strafe zu sühnen. Es fehlt, dass wir die Verstrickung scheinbar Unbeteiligter verstehen. Erst wenn wir das tun, wird uns die Tragik der Geschichte bewusst. Bevor das Gericht zur Entscheidung kommt, möchte ich den Angeklagten und einige Zeugen vernehmen. Als ersten rufe ich Moses auf.

Moses betritt den Zeugenstand.

Moses:
Ich habe die Hebräer aus Ägypten geführt. Ich kam um 1300 v. Christus zur Welt. Wir lebten in Gosen, im östlichen Nildelta. Damals herrschte Ramses II. Etwa 400 Jahre zuvor waren die Hebräer in Ägypten eingewandert. Im Lauf der Zeit erwuchs aus ein paar Sippen ein stattliches Volk. Die Hebräer waren in zwölf Stämme aufgeteilt, die sich jeweils auf einen der Söhne Israels beriefen. "Israel" war der mythische Jakob, der Sohn Isaaks und der Enkel Abrahams. Ich gehörte zum Stamme Levi. Um 1270 brachen wir Richtung Kanaan auf. Bevor wir das gelobte Land erreichten, starb ich auf dem Sinai.

In der Bibel wird das Leben in Ägypten als Knechtschaft bezeichnet. Sie gilt als Anlass der Offenbarung und des Aufbruchs ins gelobte Land.

5 Moses 6, 12:
...so hüte dich wohl, des Herrn zu vergessen, der dich aus dem Ägypterland, dem Haus der Knechtschaft, herausgeführt hat!

Zwar mussten die Hebräer Frondienst leisten, sie waren aber keine Masse von Knechten. Auch unsere Gemeinschaft war reich gegliedert. Es gab Fürsten und Sklaven.

4 Moses 25, 14:
Der...Israelit...hieß Simri, der Sohn...des Fürsten einer Familie der Simeoniten.

Wäre eine soziale Struktur, die Sklaven und Fürsten umfasste, erst in Kanaan entstanden, hätte das "auf Geheiß Gottes" geschehen müssen. In den Texten ist nichts darüber zu lesen, dass Gott Anweisung gab, eine solche Hierarchie zu errichten. Statt dessen regelt die Thora den Umgang der Hebräer mit Sklaven.

2 Moses 21, 2-7:
Wenn du einen hebräischen Sklaven erwirbst, so soll er sechs Jahre Dienst leisten...Wenn der Sklave (im siebten Jahr) aber...sagt: "Ich...will nicht (ohne meine Frau und meine Kinder) in die Freiheit gehen", ...so...durchbohre ihm mit einer Pfrieme sein Ohr. Er sei...Sklave für immer! Verkauft ein Mann seine Tochter als Sklavin...

Sklaverei war fester Bestandteil der hebräischen Ordnung. Israel war nicht nur Opfer im ägyptischen Joch. Es war selbst Täter, der einen Teil seiner Bürger in Knechtschaft hielt. Das gilt für die Zeit vor dem Auszug ebenso wie für die Zeit danach. Das Bild des gemeinsamen Auszugs aus der Knechtschaft ist geschönt. Es gilt nicht für den Einzelnen, sondern nur im nationalen Sinne. Was freigesetzt wurde, war nicht der Mensch. Es war Israel als politischer Faktor. Freiheit als Gegensatz zu Knechtschaft war für uns kein Wert an sich. Wir wollten den Spieß bloß umdrehen. Wir wollten eine "befreite" israelitische Nation, die andere Völker versklavt. Genau das haben wir dann auch getan.

In Ägypten waren die Ägypter Staatsvolk. Allerdings herrschte nicht das Volk, sondern Priester und Kriegsherren, deren Macht sich auf die angebliche Göttlichkeit des Pharao berief. Die Masse der Ägypter war genauso untertan wie die Hebräer auch. Daneben bestand eine nationale Rivalität zu unserem Nachteil. Obwohl es eine Vermischung der Völker gab...

2 Moses 12, 38:
Auch viel Mischvolk zog mit ihnen, dazu Kleinvieh und Großvieh, eine riesengroße Herde.

...konnten Hebräer kaum in Schlüsselpositionen aufsteigen. Ihre Stellung in Ägypten war zweitrangig. Die Grenze zwischen "arm" und "reich", zwischen "Obrigkeit" und "Untertan" war aber keineswegs identisch mit der Grenze zwischen den Nationen. Die Bibel verkürzt das Gefüge aus Propagandagründen zur Formel vom versklavten Volk im ägyptischen Joch. Die Autoren der Bibel gehörten zum Umfeld der levitischen Priester, die nach dem Auszug aus Ägypten Israel beherrschten. Sie schrieben, was ihrer Herrschaft diente und nichts passte besser zur nationalen Phantasie vom "auserwählten Volk" als der Kontrast einer Demütigung durch einen gemeinsamen Feind.

Natürlich hat Gott sich mir nicht offenbart. Ich musste es aber behaupten. Schließlich lebten wir in der Antike und obendrein in Ägypten. Wir lebten in einer Welt, in der sich jeder Machtanspruch auf göttlichen Segen berief. Damals war es unmöglich, ein Volk zu beherrschen, ohne dass man es im "göttlichen" Auftrag tat. Also behaupteten wir das auch. Mehr noch: Wir behaupteten, dass wir im Auftrag des einzigen Gottes herrschten, den ein Hebräer überhaupt verehren darf. Und wir behaupteten, dass dieser Gott bedingungslos Gehorsam fordert. Das war ausgesprochen nützlich.

2 Moses 31, 14:
Wer (den Sabbat) entheiligt, muss...sterben.

Stellen Sie sich einen Staat vor, in dem jeder umgebracht wird, der nicht in die Kirche geht. Wer würde da etwas anderes bekennen, als das, was der Staat vorgibt? Wenn eine Überzeugung am Werk ist, die von jedem bis aufs Blut Gehorsam fordert und dafür höchsten Lohn verspricht, wird die Verleugnung aller Zweifel zur größten Tugend erklärt.

"Offenbart" wurde mehr als nur die Allmacht des parteiischen Gottes. "Offenbart" wurden auch die mosaischen Gesetze. Manche sind angemessen. Andere erstaunen durch ihre Verschrobenheit. Viele stammen aus den ersten Tagen. Allerdings sind sie kaum originell. Ähnliches gehörte zum Bestand des Orients. Denken Sie an die Gesetzestafel Hammurabis! Sie beginnt 500 Jahre vor dem Auszug aus Ägypten mit dem Hinweis, der babylonische Gott Marduk habe Hammurabi beauftragt, "Gerechtigkeit im Lande sichtbar werden zu lassen, den Ruchlosen und Bösen zu vernichten und den Schwachen vom Starken nicht entrechten zu lassen". Wenn man "Marduk" durch "Jahwe" ersetzt, könnte derselbe Satz in der Bibel stehen und den Eindruck vermitteln, die Kenntnis seiner Moral verdanke man der Offenbarung. Das ist aber falsch. Auf Hammurabis Tafel folgen Gesetze, die von der gleichen Rechtsauffassung zeugen wie der, die man in der Bibel findet. Es ist durch Originaldokumente belegt, dass der moralische Gehalt der Zehn Gebote für die Rechtsprechung Altbabyloniens selbstverständlich war. Auch die Autoren der Bibel gingen davon aus, dass man die Unmoral des Mordens bereits vor der Offenbarung kannte. Wie sonst hätten sie Kain Schuldgefühle wegen des Mordes an Abel zuschreiben können?

1 Moses 4, 13:
Kain erwiderte dem Herrn: "Meine Schuld ist zu groß, als dass ich sie tragen könnte".

Immerhin gilt Kain als der erste Mensch, den je eine Mutter zur Welt brachte. Auch das biblischen Gottesbild war kein theologischer Fortschritt. Lesen wir ein Gebet, das ein Ägypter im 14. Jahrhundert vor Christus auf eine Statue gemeißelt hat:

Amun errettet den Schweigenden, er erlöst den Armen, er verleiht dem, den er liebt, Atem und gewährt ihm ein angenehmes Alter...Ich betrachte dich als Gott, als den Herrn der Götter, Amun-Re...reiche mir deine Hand, errette mich, leuchte für mich und laß mich leben. Du bist der einzige Gott, der ohnegleichen ist. Re erhebt sich am Himmel, er ist Atum, der Schöpfer der Menschen. Er erhört die Bitten dessen, der nach ihm ruft, er befreit den Menschen aus der Hand des Gewalttätigen...

Selbst die lichte Seite der Bibel hat keine Theologie geschaffen, die dem gegenüber einen Fortschritt brachte. Die Bibel hat ihre Moral aus dem Umfeld übernommen, ebenso die Idee vom Schöpfergott, der über allem herrscht. Sie tut aber so, als handele es sich dabei um eine besondere Offenbarung Gottes an Israel. Theologisch war die Offenbarung ein Rückschritt; denn sie hat sowohl die Moral als auch die Idee des einen Gottes auf die Parteilichkeit des israelitischen Nationalismus reduziert. Was unterscheidet einen Amun, der als Herr der Götter ohnegleichen ist, von einem Jahwe, der als einziger Gott über tausend Engel herrscht? Nichts als Namen, Schall und Rauch. Theologisch gesehen war der Streit, ob Gott nun Marduk, Jahwe oder Amun heißt, bloß Wortgeplänkel. Tatsächlich diente er als Vorwand für die Politik. Es ging darum, das Volk zum Krieg zu motivieren. Je nach Bedarf wurden weitere Gesetze ins Bündel der angeblich offenbarten aufgenommen. Vieles, was über die Zehn Gebote hinausgeht, wirkt absonderlich.

2 Moses 21, 28:
Wenn ein Rind einen Mann oder eine Frau so stößt, daß sie sterben, dann soll das Rind gesteinigt werden!

Erließ Gott tatsächlich Paragraphen zur Bestrafung schuldiger Rinder? Gab er Anweisung, wohin sich ein Priester Blut zu schmieren hat, um den Rest um den Altar zu verspritzen?

2 Moses 29, 20 -28:
Schlachte den Widder, nimm von seinem Blut und streiche davon an das rechte Ohrläppchen Aarons und seiner Söhne, an den Daumen ihrer rechten Hand und an die große Zehe ihres rechten Fußes; das andere Blut sprenge ringsum an den Altar!...Erkläre die Weihebrust und die Hebekeule vom Einweihungswidder...als heilig! Denn es soll Aaron und seinen Söhnen ein immerwährender Anteil sein...

Das war pseudoreligiöses Theater, über dessen Komik niemand lachen durfte. Tatsächlich ging es um den immerwährenden Anteil an Weihebrüsten, Hebekeulen, Einweihungswiddern und sonstiger Zuwendungen, der einem Priesteramt, das von meinem Bruder Aaron auf seine Nachfahren vererbt wurde, als ewige Leibrente zustand.

Nein, es ist nicht so, dass ein Teil der Gesetze offenbart ist und ein anderer von Menschen gemacht. Und wenn es so wäre, hätte der Kult ein unlösbares Problem. Wer hätte im Nachhinein das Recht, zwischen "göttlich" und "menschlich" zu unterscheiden? Wenn es vor 3000 Jahren unrecht war, Gott Gesetze unterzuschieben, deren Absurdität nur menschlich sein kann, dann ist es heute genauso unrecht, wenn Menschen sich nach Gutdünken, Zeitgeist und Palaver erdreisten, über die göttliche Herkunft biblischer Gesetze von Fall zu Fall zu entscheiden. Laut Bibel entspringt das Gesetz göttlicher Vollmacht. Laut Bibel hat Gott Gehorsam gegenüber dem gesamten Gesetz verlangt. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten: Entweder man glaubt an die Offenbarung oder nicht. Wenn man nicht glaubt, gilt es, die Dinge so zu sehen, wie sie am wahrscheinlichsten sind. Das ist legitim. Wenn man aber an die Offenbarung glaubt, muss man es mit Haut und Haaren tun. Alles andere ist blasphemisch. Man kann sich die Gesetze, die man für echt hält, nicht aussuchen, als sei Jahwe ein fliegender Händler, der für jeden hat, was dem gerade mal gefällt. "Halb heilig" gibt es nicht. Das Heilige ist gegen Aufteilung immun. Wenn man an meine persönliche Begegnung mit Gott glaubt, ist halber Gehorsam daher soviel wert wie keiner. Ach was! Schlimmer noch! Lieber wäre Gott doch ein Mensch, der ehrlichen Herzens nicht an ihn glaubt und folglich nichts von ihm verlangt, als einer, der ihm beim Handel um Landbesitz und Gottesgunst vom vereinbarten Preis die Hälfte abzieht, aber trotzdem alles haben will.

Der "Gott" der Bibel ist nicht Gott. Es ist das Bild einer persönlichen Macht, die von der Welt entrückt im Himmel thront und den Vorteil genau der Partei zum Recht erklärt, die ihn erfindet. Gehen wir aber davon aus, dass Gott tatsächlich existiert. Sonst dächten wir nicht über Recht und Unrecht nach. Im Rahmen des Prozesses verstehen wir unter "Gott" daher zweierlei: Gott, wie es ihn tatsächlich gibt und Jahwe, den die Bibel zum Gott erklärt. Was Blasphemie betrifft, gilt Folgendes: Da wir von Gott nur Bilder haben, ist unklar, was ihn lästert. Vermutlich ist er so erhaben, dass ihn keine Lästerung tatsächlich trifft. Dass der biblische Kult blasphemisch ist, ist trotzdem wahr, da man seine Blasphemie am eigenen Gottesbild vermessen kann. Die Bibel behauptet, dass Gott endgültige Gesetze erließ und niemanden neben sich duldet, der gleiches tut. Entweder lästert sie also Gott, weil sie Gesetze als göttlich verkündet, die von Anfang an menschlichen Ursprungs sind, oder der Kult lästert, indem er sich bei der Auslegung der Texte selbst göttliche Vollmacht erteilt. Uns ist klar: Tatsächlich lästert die Bibel ebenso wie der Kult, weil beide die Autorität Gottes untergraben. Den Himmel mag das nur wenig kümmern. Die Welt im Schatten der Bibel krankt jedoch an deren Laster. Sie krankt am Verstoß gegen die Wahrhaftigkeit.

Trotz der Fron konnte man in Ägypten passabel leben. Sonst hätten sich die Hebräer nicht vermehrt. Je mehr das Volk wuchs, desto größer wurden die Spannungen mit den Ägyptern.

2 Moses 1, 7-13:
Israels Söhne aber waren fruchtbar und zahlreich; sie vermehrten sich, wurden überaus stark und bevölkerten das Land. Ein neuer König... sprach...:"Fürwahr, das Volk der Söhne Israels ist bereits größer und stärker als wir. Wohlan, wir müssen uns klug ihm gegenüber verhalten, damit es nicht...sich des Landes bemächtigt". Man setzte also Fronvögte über die Israeliten...Je mehr man sie aber unterdrückte, desto größer wurde ihre Zahl; und um so mehr breiteten sie sich aus; man bekam vor den Kindern Israels ein Grauen.

Heute wachsen Völker am schnellsten im Elend. Die Vermehrung der Hebräer zeigt jedoch, dass es ihnen damals recht gut ging. Früher gab es nämlich keine Medizin, die vor den Seuchen des Elends schützte. Früher wuchsen Völker nur, solange sie nicht wirklich litten. Ob sich der Pharao tatsächlich vor Israel fürchtete, weiß ich nicht. Der hebräische Text geht aber davon aus; weil die israelitische Führung die Eroberung Ägyptens anfangs ins Auge fasste. Ich jedenfalls schloss mich einer Gruppe an, die nach einem Weg zur Machtübernahme Ausschau hielt. Es gelang mir rasch, die Führung des Haufens zu übernehmen. Auch mein Bruder Aaron stieß dazu. Er wurde mein Vertrauter. Wir warben Mitstreiter an und verübten Überfälle auf ägyptische Posten. Nach jedem Überfall gab es Vergeltung; was uns neue Kämpfer zutrieb. Der Konflikt schaukelte sich auf. Die Falken beider Seiten gossen Öl ins Feuer. Nachdem ich einen Ägypter erschlagen hatte (2 Moses 2, 11-15), um einen Hebräer zu retten, und andere Hebräer mich zu verraten drohten, floh ich nach Midian. Dort heiratete ich Zippora, die Tochter eines midianitischen Priesters und dachte über die Zukunft nach. Von Midian aus bereiste ich Kanaan. Es war ein Land, in dem Milch und Honig flossen.

2 Moses 3, 7-11:
Der Herr sprach: "...Ich stieg...herab, um sie...hinaufzuführen...in ein...Land, das von Milch und Honig fließt, in das Gefilde der Kanaaniter...". Moses erwiderte Gott: "Wer bin ich denn, daß ich...die Kinder Israels aus Ägypten herausführen soll?"

Ich brauchte keinen Gott, der zu mir sprach, um zu wissen, was ich wollte. Die Geschichte vom persönlichen Auftrag Gottes war Propaganda. Wir hatten sie bitter nötig. Trotz alltäglicher Schikanen der Ägypter, hätten wir die meisten Hebräer ohne den Knüppel unseres Kriegsgottes niemals aus der Apathie geprügelt.

2 Moses 15, 3:
Der Herr ist ein Kriegsheld; 'Jahwe' ist sein Name.

Ägypten war ein fettes Land. Da aßen sich selbst Fronarbeiter satt. Als es später auf dem Sinai hart auf hart kam, lag dementsprechend für viele das gelobte Land nicht in Kanaan. Es lag in Ägypten, und die Reichen wollten sowieso nicht weg.

4 Moses 11, 1-5:
Das Volk aber erging sich in Klagen...Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst zu essen bekamen, an die Gurken, die Melonen, den Lauch, die Zwiebeln und den Knoblauch.

Kanaan! Das war es! Wenn es jemals einen israelitischen Staat geben sollte, brauchten wir Land. Ägypten war zweifellos die fettere Beute. Aber es war zu groß. Da hätten wir keine Chance gehabt. Kanaan war ideal. Es war in Fürstentümer zersplittert, es war reich und der Reichtum wartete nur auf ein Volk, das zum Kämpfen und Erobern entschlossen war.

4 Moses 23, 24:
Welch ein Volk!...Nicht legt es sich nieder, ehe es Beute verzehrt, das Blut der Erschlagenen getrunken hat.

Gemeint sind die Hebräer. Das Schlimme war bloß, dass Israel noch nicht dazu bereit war, das Blut der Erschlagenen in solchen Mengen zu trinken, wie es ein Sieg über Kanaan erforderte. Wir mussten unsere Ziele ändern. Die Macht in Ägypten zu übernehmen war utopisch. Auch ein autonomes Gosen wäre gegen den Widerstand der Ägypter nicht zu halten gewesen; denn, dass wir stärker gewesen wären als sie, stimmte nicht. Hätte es gestimmt, gäbe es keine Ägypter mehr. Wenn ich also jemals herrschen wollte, galt es, ein Land zu erobern, das weit genug vom Horizont ägyptischer Interessen entfernt war. Es galt, Israel aus Gosen herauszulösen und aus ihm jenes Eroberervolk zu machen, nach dem die Milch und der Honig Kanaans förmlich schrie. Durch unsere geheimen Kanäle stand ich während der Zeit in Midian mit Aaron in Verbindung. Er kam mir in der Wüste entgegen. Wir besprachen die neue Strategie. Zentraler Punkt war, an unserem göttlichen Auftrag keinen Zweifel zu dulden. Nur so bestand Aussicht, aus zwölf eigensinnigen Stämmen eine Armee zu formen, vor der die Welt erzittern sollte.

2 Moses 15, 13-16:
Führer warst du...dem Volk...Die Völker...zitterten...alle Bewohner Kanaans wankten. Furcht und Entsetzen befiel sie...

Es hätte keineswegs gereicht, mit dem Haufen Verwegener loszuziehen, der sich zur Partisanentruppe formiert hatte. Wir mussten das Volk vielmehr aus seiner Trägheit zwingen. Wir mussten ihm ein Nationalgefühl verpassen, aus dem heraus es bereit war, zu handeln. Dazu brauchte es ein elitäres Bewusstsein. Es brauchte den Willen, sich gegen fremde Völker abzugrenzen. Das war Grundbedingung. Denn in den vierhundert Jahren Ägypten hatten sich die Völker vermischt und der Reichtum vieler Sippen stand der Entschlossenheit, loszuziehen, ebenso im Wege wie die familiären Bindungen zu den Ägyptern. Es steht geschrieben, dass beim Auszug viel Mischvolk mitzog, außerdem eine riesengroße Herde Klein- und Großvieh. "Mischvolk": Das waren die Kinder aus Mischehen. Viele zogen mit. Viele blieben in Ägypten.

2 Moses 12, 32:
Auch euer Klein- und Großvieh nehmt mit...

So sprach angeblich der Pharao, als sein Widerstand gebrochen war. Bei der riesengroßen Herde, die Israel mit auf die Reise nahm, handelte es sich nicht nur um das Raubgut rebellierender Sklaven. Das meiste gehörte den Hebräern sowieso. Sie waren nicht bloß Knechte. Knechte haben kein Großvieh. Wer zwischen den Zeilen liest, wird auch sonstwo fündig. Da (2 Moses 11, 2) lesen wir, dass "jeder Mann von seinem Nachbarn und jede Frau von ihrer Nachbarin Silber- und Goldgeräte verlangen soll". Wohlgemerkt: von seinem Nachbarn! Nicht von seinem Herren. Als Nachbarn sind Ägypter gemeint. Die Israeliten selbst sollten ja geschlossen wegziehen. Wenn jeder Mann und jede Frau ägyptische Nachbarn hatte, von denen er Gold und Silber verlangen konnte, folgt daraus dreierlei: Erstens wohnten die beiden Gruppen nah beieinander. Zweitens war das Zusammenleben nicht von blanker Armut geprägt. Drittens fehlte es den ägyptischen Nachbarn an der Macht, sich gegen den hebräischen Anspruch auf ihren Besitz zu verwahren. Wären die Ägypter reiche Herren und die Hebräer arme Knechte gewesen, hätten sie kaum als Nachbarn Haus an Haus gelebt und wenn das soziale Gefälle groß gewesen wäre, hätte es nur wenig Vermischung gegeben. Reiche Leute heiraten keine fremden Bettler. Zum Reichtum der abziehenden Hebräer heißt es in der Thora:

1 Moses 15, 14:
Danach werden sie mit reicher Habe davonziehen.

2 Moses 35, 4 -22:
"Der Herr hat folgendes geboten: Erhebt von denen, die bei euch sind, eine Abgabe für den Herrn!...Gold, Silber, Kupfer..."...alle, die ihr Herz dazu antrieb, brachten Spangen, Ohrringe, Fingerringe und Halsschmuck, alles aus Gold...

Es handelte sich um alten Besitz und frisches Raubgut. Beim Auszug haben wir geplündert, was zu plündern war. Wir "baten" um goldene Geräte; mit dem Schwert in der Hand.

2 Moses 12, 35-36:
...die Israeliten...erbaten sich von den Ägyptern silberne und goldene Geräte und Kleider. Der Herr verschaffte dem Volk Gunst bei den Ägyptern, so daß sie ihnen willfährig waren. Und so beraubten sie die Ägypter.

Die Hebräer dazu zu bringen, Ägypten zu verlassen, war ein Meisterwerk der militärischen Intrige:

2 Moses 7, 1-4:
"Siehe, ich habe dich zum Gott für den Pharao bestellt, dein Bruder Aaron soll dein Prophet sein!...Ich aber werde das Herz des Pharao verhärten...Ich...führe meine Heerscharen...die Kinder Israels, aus dem Ägypterland heraus unter gewaltigen Strafgerichten.

Wir machten dem Volk weis, Jahwe habe mich zum Gott über den Pharao bestellt. Er verlange die Eroberung Kanaans. Von Midian aus hatte ich erkannt, dass Kanaan für unsere Zwecke geeignet war. Trotz der Fruchtbarkeit des Landes flossen Milch und Honig dort aber nicht in solchen Mengen, wie wir es dem Volk weismachten. Wenn man ein Volk zum Erobern reizen will, nützt es aber allemal, ihm den Lohn des Risikos süßer auszumalen, als er wirklich ist. Trotzdem wollten sie nicht mit. Sie waren so störrisch wie ihre eigenen Esel.

2 Moses 14, 12:
Haben wir es dir nicht schon in Ägypten gesagt: "Laß uns in Ruhe!..."

Wir behaupteten daher, Gott stehe tatkräftig auf unserer Seite. Er drangsaliere die Ägypter mit Strafgerichten. Wir säten das Gerücht, ich sei mit Zauberkräften ausgestattet und von Gott beauftragt, den Pharao damit in die Knie zu zwingen.

2 Moses 4, 9:
"Das Wasser, das du aus dem Nil holst, wird auf dem trockenen Boden zu Blut werden. "

Außer Wasser in Blut zu verwandeln, "konnte" ich Stäbe in Schlangen verzaubern, eine Froschplage bewirken sowie über Stechmücken, Hundsfliegen, Geschwüre, Aussatz und Hagel gebieten (2 Moses 7-9). Alles Beweise meiner Ausstattung mit göttlicher Macht! Natürlich waren das Finten. Damit der Schwindel nicht aufflog, gaben wir an, dass Gott die Plagen nur gegen Ägypter aufbot und Gosen, wo die Hebräer wohnten, folglich verschont blieb. Klang das nicht plausibel? So konnten die Zweifler von den Plagen, die Ägypten trafen, doch gar nichts merken. Nachdem die, die dabei waren, unter der Erde lagen, konnte man nachträglich dann alles behaupten.

2 Moses 8, 18:
Besonders behandeln will ich an jenem Tage nur das Land Gosen, in dem mein Volk sich aufhält, so dass dort keine Hundsfliegen sind...

2 Moses 9, 25-26:
Der Hagel erschlug im ganzen Ägypterland alles, was auf dem Felde war, vom Menschen bis zum Vieh...Nur im Lande Gosen, wo die Israeliten wohnten, fiel kein Hagel.

2 Moses 4, 30-31:
Moses...vollbrachte die Wunderzeichen vor den Augen des Volkes. Und das Volk glaubte...

Wie wenig das Volk uns tatsächlich glaubte, zeigte sich spätestens auf dem Sinai. Alle naslang murrte es dort. Es gab Widerstand zuhauf. Obwohl Gott ständig neue Wundertaten aufbot!

2 Moses 15, 24:
Das Volk aber murrte gegen Moses...

Dabei war der Glaube an Wunderliches aller Art verbreitet. Selbst Wunder, die ich erst mit Jahwes Vollmacht schaffte, gehörten zum Programm ägyptischer Zaubermeister.

2 Moses 7, 11, 22, und 8, 3:
Die Wahrsagepriester in Ägypten aber taten durch ihre Geheimkünste dasselbe.

Gemeint ist die Verwandlung von Stöcken in Schlangen, des Nilwassers in Blut und das Herbeizaubern einer Froschplage, die ganz Ägypten bedeckte. Da den Ägyptern der göttliche Beistand fehlte, war das eine reife Leistung! Selbst die Leviten wussten nicht, wie wunderbar etwas sein muss, um als Beweis der Auserwähltheit zu gelten. Dabei stand irgendein Prophet nach eigenem Bekunden mit Jahwe stets in Kontakt. Hat er ihnen nicht gesteckt, was nur göttliche Macht vermag und was jeder heidnische Zaubermeister aus dem Zylinder schüttelt? Natürlich war ich nie beim Pharao und habe dort die Freilassung des Volkes verlangt. Das Problem war nicht, dass die Ägypter uns festhielten. Das Problem war, dass die Mehrheit der Hebräer bleiben wollte. Die Hebräer waren keine Krieger. Sie waren Hirten und Bauern. Der Aufbruch in die Ungewissheit eines Krieges war für die meisten trotz versprochener Beute keinesfalls verlockend.

2 Moses 4, 1:
...Wenn sie mir aber nicht glauben und nicht auf meine Stimme hören, sondern sagen: Der Herr ist dir nicht erschienen...

Lebt ein Volk in unerträglichen Umständen, braucht man es zum Aufbruch in ein gelobtes Land, das für sein Glück bereitliegt, kaum zu motivieren. Als die Goten von der Mandelblüte hörten, zogen sie von ganz allein aus Gotland fort; ohne dass es eines himmlischen Marschbefehls und verschärfter Zauberei bedurfte. In Gotland lebte man ohne Frondienst aber auch schlechter als in Gosen mit. Nationale Selbstbestimmung war kein Ziel der kleinen Leute. Sie war das Ziel ehrgeiziger Nationalisten, die wir um uns versammelt hatten. Wir fühlten uns als Führer ohne Untertanen. Wir brauchten ein Volk, das uns gehorchte. Nicht den fremden Herren! Das Bild vom Pharao, der die Hebräer festhält, war nützlich. Wir taten so, als habe nicht das Volk beim Aufbruch gezögert. Wir taten so, als sei es festgehalten worden. Wir erfanden einen kollektiven Willen, dessen gemeinsamer Feind die Nation zusammenschweißte. Jede Meinung, die der nationalen Einheit widersprach, konnten wir dank des äußeren Feindes als Hochverrat bezeichnen. So haben wir die Kritik an den Machthabern zum Schweigen gebracht. Es heißt doch:... man bekam vor den Kindern Israels ein Grauen. Es heißt, dass ihre Zahl so groß geworden war, dass der Pharao um den Besitz des Landes fürchtete. Niemand, der sich im eigenen Land durch Fremde bedroht fühlt, hat etwas dagegen, wenn sie gehen.

Warum erzählt der Text vom Wettkampf um die größten Wunder? Warum, wenn unser Gott allmächtig ist, lähmt er nicht die Tatzen der Ägypter, sodass sein auserwähltes Volk samt Raubgut aus ägyptischen Palästen ins gelobte Land spaziert? Warum macht er erst das Herz des Pharao verstockt und bricht dann den Widerstand durch Hagelschlag? Dieselbe Frage wurde auch damals gestellt. Das musste man dem Volk erklären. Wenn man die These seiner Allmacht - die wir zur Rechtfertigung unserer Machtergreifung brauchten - mit der seiner Parteinahme für die Hebräer verknüpfte, ging es nicht anders, als Gott Motive anzudichten, die er selbst nicht verstand.

2 Moses 4, 21:
Ich aber werde sein Herz verhärten, und er wird das Volk nicht ziehen lassen.

2 Moses 10, 1-2:
Denn ich selbst habe sein Herz...verstockt, um...Wunderzeichen...zu tun, auf daß du es deinen Söhnen und deinen Enkeln erzählen kannst, was ich den Ägyptern angetan...habe, damit ihr erkennt, daß ich der Herr bin.

So entstand ein Glaube, der Gott in der Grausamkeit zu erkennen meint, die andere erlitten. Gott hat das Herz des Pharao verstockt. Damit Söhne und Enkel an der Menge der bezeugten Leichen erkennen, wer der wahre Herr ist. Die moralische Verwirrung ist eine Folge erlogener Bilder; so wie die Mathematik sich trotz absurder Hilfskonstrukte verirren müsste, hätte Adam Riese für Milch und Honig 2 x 2 zu 5 erklärt. Handfest gelogen haben aber nur die frühen Weichensteller. Ich zum Beispiel. Als ich den Leute weismachte, ich sei beim Pharao gewesen und habe dort Wasser in Blut verwandelt. Spätere Generationen frönten bloßem Selbstbetrug. Oder blanker Heuchelei. Die einen glaubten den Lügen, weil der Glaube sie dazu erzog. Die anderen gaben vor, zu glauben, weil jedes Bekenntnis dagegen gefährlich war. Der Erfolg unseres Glaubens entspringt der Beharrlichkeit, mit der er die Lügen seiner Gründer leugnet. All unsere Propaganda reichte aber nicht, um größere Teile des Volkes für unsere Pläne zu gewinnen. Schließlich hatte ich die zündende Idee. Es galt, das Zusammenleben von Ägyptern und Hebräern unmöglich zu machen.

2 Moses 11, 4-7:
...Moses sprach: "So spricht der Herr: Um Mitternacht ziehe ich mitten durch Ägypten. Sterben werden alle Erstgeborenen im Ägypterland, vom Erstgeborenen des Pharao...bis zum Erstgeborenen der Magd hinter der Handmühle...Aber gegen die Kinder Israels wird nicht einmal ein Hund seine Zunge spitzen...damit ihr erkennt, daß der Herr einen Unterschied macht zwischen Ägypten und Israel.

Der Erstgeborene war im Orient der Stolz der Vaterschaft. Indem wir die Erstgeborenen der Ägypter erschlugen, erzeugten wir maximalen Hass. So zwangen wir auch kriegsscheue Hebräer, sich zu entscheiden. Im Tumult der Empörung hatten die meisten keine andere Wahl, als auf unserer Seite Gosen zu verlassen. Wir sorgten dafür, dass der Hass der anderen uns zusammenschweißte. Unser Plan war radikal. Alles setzten wir auf eine Karte. Deshalb war Geheimhaltung oberstes Gebot. Wenn es bekannt geworden wäre, was wir planten, hätten uns die eigenen Leute an die Ägypter verraten. Die Mehrheit hätte trotz aller Ungerechtigkeit von Seiten der ägyptischen Obrigkeit für solch eine Grausamkeit kein Verständnis gehabt. Also sagten wir den Leuten, sie müssten in der betreffenden Nacht in ihren Häusern bleiben. Vorher sollte jede Familie ein Lamm schlachten und dessen Blut an die Türpfosten schmieren.

2 Moses 12, 3-27:
Am Zehnten...nehme jeder ein Lamm für seinen Familie...dann soll es die ganze Gemeinde Israels...schlachten! Von dem Blut sollen sie...die beiden Türpfosten...an den Häusern bestreichen, in denen man es essen wird...Ihr sollt es essen in Hast, es ist ein Pascha (ein Vorübergehen) für den Herrn. Ich will in dieser Nacht durch Ägypten schreiten, werde alle Erstgeborenen schlagen...Das Blut an den Häusern, in denen ihr weilt, soll euch zu einem Schutzzeichen sein; wenn ich das Blut sehe, dann schreite ich an euch vorüber. So wird euch kein Vertilgungsstreich treffen, wenn ich das Ägypterland schlage. Dieser Tag soll euch zur Erinnerung sein...als ein immerwährendes Gesetz für euch und eure Kinder!...Und wenn euch dann eure Kinder fragen: "Welchen religiösen Brauch pflegt ihr da?", alsdann sollt ihr antworten: "Es ist das Paschaopfer für den Herrn, der in Ägypten an den Häusern der Israeliten vorüberging, als er die Ägypter schlug und so unsere Häuser rettete".

Das Blut an den Türpfosten diente nicht Gott. Es diente unseren Männern. Wir mussten ägyptische und hebräische Häuser unterscheiden. Die Zauderer sollten derweil zuhause bleiben. Sie sollten ihr Lamm essen, statt am Fenster Affen feil zu halten und zu sehen, wer draußen wirklich umging. Die Wahrheit hätte ihre Zweifel an der Sache bloß vertieft. Also ersparten wir dem Volk zu wissen, was nur gefestigten Kadern zuträglich war. Bis heute heißt es, Gott habe die ägyptischen Kinder umgebracht und die Hebräer verschont. Unfug! Die Drecksarbeit mussten wir selber machen. Gott hätte keine Blutzeichen an Türpfosten gebraucht, um Volksgruppen zu unterscheiden. Er hätte ohne Zeichen an der Tür gewusst, in welchem Haus ein ägyptisches Kind wohnt; wenn er es denn hätte umbringen wollen. Natürlich hatten wir nicht die Macht, sämtliche Erstgeborenen Ägyptens zu töten; vom Erstgeborenen des Pharao bis zum Erstgeborenen der Magd hinter der Handmühle. Das war auch nicht nötig. Es genügte, wenn die Aktion Gosen in Aufruhr versetzte. Dass unser Arm nicht bis ins Kernland reichte, konnte niemand überprüfen.

2 Moses 12, 30:
Ein großes Wehgeschrei entstand in Ägypten; denn es gab kein Haus, in dem nicht eine Leiche lag.

Wehgeschrei in ganz Ägypten: Das war übertrieben. Um die Hebräer einzuschüchtern, ging es stets darum, Jahwe so mächtig darzustellen, wie nur irgend möglich. Deshalb bauschten wir die Sache auf. Unsere Botschaft war: Wer dem "göttlichen" Plan im Wege steht, kann jederzeit getötet werden. Gott schreckt keineswegs vor Massenmord zurück. Strengt euch an, damit ihr unserer Sache dienlich seid! Das Alte Testament ist mit Drohungen gespickt. Damit kein Vater je vergisst, seinem Sohn Gehorsam einzutrichtern.

2 Moses 13, 8:
Du sollst es deinem Sohne einschärfen...

Wenn die Kinder also fragen "Welchen religiösen Brauch pflegt ihr da?", heißt die Antwort: Wir feiern einen Tag, an dem Kinder ermordet wurden. Es waren aber nicht unsere. An uns gingen die Mörder vorbei, weil wir uns in die Hütten duckten. Das Paschaopfer erinnert an den Kelch, der nötig war, mich an die Macht zu bringen; und, dass er an denen vorüberging, die sich meiner Machtergreifung beugten.

Anklage:
Einspruch! Der Zeuge bedient antisemitische Klischees. Schon im Mittelalter wurde den Juden unterstellt, sie brächten bei ihren Riten Kinder um. Wohin solch infame Hetze führt, weiß jeder. Bei der Geschichte um die Paschanacht handelt es sich um den Mythos dreier Religionen. Es ist unannehmbar, religiöse Gefühle von Millionen in den Dreck zu ziehen, indem man mythische Bilder, die für die meisten längst zu Metaphern geworden sind, durch realitätsnahe Interpretationen umzudeuten versucht; zumal kein Beweismaterial vorliegt. Das jüdische Ritual des Pessahfestes geht auf die biblische Paschanacht zurück. Selbst wenn damals Kinder starben, wäre zunächst zu prüfen, ob sie nicht Opfer einer Seuche wurden. Wir beantragen daher, eine Beweisführung zu untersagen, die das Pessahfest mit Kindermorden in Verbindung bringt.

Verteidigung:
Es stimmt: Einen Schriftbeweis für Moses' heutige Darstellung gibt es nicht. Die Bibel beschreibt jedoch, wie er bei Midian die Selektion und Liquidierung von abertausend Kindern befahl. Wir werden darauf zu sprechen kommen. Was religiöse Gefühle betrifft, ist es so: Entweder man glaubt an die Offenbarung oder nicht. Glaubt man nicht, kann man durch die Beweisführung in seinen religiösen Gefühlen nicht gekränkt werden. Man hat keine, die sich auf die Paschanacht beziehen. Glaubt man aber, kann man ebenso wenig gekränkt werden; denn dass Moses Massenmord an Kindern befahl ist seit Jahrtausenden bekannt. Hat das je die Gefühle der Gläubigen verletzt? Weiter: Es gibt keine Seuche, die zwischen hebräischen und ägyptischen Kindern, zwischen Erst- und Nachgeborenen, unterscheidet. Das Muster der Todesfälle ist nur als Absicht erklärbar. An Hand von Indizien behauptet die Verteidigung daher, dass auch die Morde an den Ägypterkindern auf das Konto Moses' gehen. Moralisch unterstellt sie ihm damit nur, was er an anderer Stelle sowieso als Recht für sich in Anspruch nahm und was die Gläubigen durch ihre Loyalität somit als gerecht betrachten. Wer also ehrlich ist, kann nicht von der Behauptung gekränkt sein, im Vorfeld des Auszugs aus Ägypten hätten die Israeliten um Moses ägyptische Kinder erschlagen, denn der Glaube kann die - im schlimmsten Fall irrtümliche - Unterstellung einer Tat, die er selbst im Grundsatz rechtfertigt, nicht als infam bezeichnen. Er kann der Verteidigung vorwerfen, bezüglich Offenbarung und göttlichem Vorsatz beim Totschlag an Kinder ungläubig zu sein. Das ist sie.

Die Geschichte ist unser aller Interesse. Sie gehört keiner Partei, die bestimmt, wie man sie deuten darf. Wenn eine Partei darauf pocht, dass sich ihr Mythos tatsächlich ereignet hat, hat jeder das Recht, das Ereignis nach eigenem Urteil zu deuten. Mehr noch: Wer den Wahrheitsgehalt eines Mythos, der den Machtanspruch einer Partei begründet, nicht mit wissenschaftlicher Konsequenz untersucht, ist bei der Wahrheitsfindung nicht ernst zu nehmen. Die Verteidigung urteilt dabei nicht über Völker. Beurteilt man Völker, hat man den ersten Schritt zum Rassismus getan; indem man riskiert, sie in "gute" und "schlechte" aufzuteilen. Die Verteidigung will vielmehr verstehen, was eine Ideologie bewirkt, die durch zwei Merkmale hervorsticht und dadurch für ihren Einfluss auf die Geschichte verantwortlich ist: Erstens ihr Postulat, sie alleine sei berechtigt, das Schicksal der Menschheit zu bestimmen. Zweitens ihren Brauch, den Geist des Einzelnen ab Geburt ungefragt in diesem Sinne auszuformen. Da ihr das letztere flächendeckend gelungen ist, hat der entmündigte Mensch weniger Schuld als die Ideologie, die ihn entmündigt hat. Erst wenn der Mensch seinen Glauben erkennt, statt sein Werkzeug zu sein, hat die Menschheit eine Chance zur Brüderlichkeit.

Anklage:
Zugegeben: Die Bibel räumt ein, dass Moses nach der Schlacht bei Midian befahl, 30000 gefangene Kinder zu töten. Gerade diese Ehrlichkeit verbietet es jedoch, ihm auch die toten Kinder der Ägypter anzulasten. Wenn zugegeben wird, dass er midianitische Kinder ermorden ließ, warum sollte es im Falle der ägyptischen dann verleugnet werden?

Moses:
Der Grund ist der: Um die Hebräer zum Aufbruch aus Ägypten zu bewegen, bedurfte es propagandistischer Mittel. Es ging darum, ihnen weis zu machen, dass Gott persönlich den Aufbruch fordert und unmittelbar in die Geschichte eingreift. Hätten wir da zugegeben, dass wir die Kinder mit eigener Hand erschlugen, wären wir an der Empörung des Volkes gescheitert. Bei Midian war das anders. Die Lawine war losgetreten. Die Führung saß im Sattel. Das Volk war durch Massaker eingeschüchtert. Kein Weg führte nach Ägypten zurück. Wozu sollten wir da noch so tun, als bräuchten wir zur Erfüllung des "göttlichen" Auftrags die Hilfe himmlischer Rekruten?

Richter:
Das Gericht weist den Antrag der Anklage zurück. Die Bibel spricht davon, dass in Ägypten in jedem Haus eine Leiche lag. Dass als Täter Gott zu nennen ist, bleibt fraglich, bis ein Beweis vorliegt. Da es sich um die Leichen von Personen handelt, die gewaltsam zu Tode kamen, ist zunächst von einem Kapitalverbrechen auszugehen. Religiösen Gefühlen steht es nicht zu, die Aufklärung solcher Verbrechen zu verhindern. Wer der Verteidigung Infamie unterstellt, hat den Beweis zu erbringen, das Gott Täter des besagten Massakers ist. Die bloße Behauptung reicht dazu nicht. Das Gericht bittet Moses fortzufahren.

Moses:
Ihr sollt es essen in Hast. So heißt es bei 2 Moses 12. Nach der Nacht der langen Messer musste das Volk hastig fliehen. In der Hast, mit der das Lamm gegessen wird, klingt noch ein anderer Fluchtgedanke an: einer, der vor dem Schuldgefühl flieht, vor dem Gefühl, an etwas Ungeheuerlichem beteiligt zu sein, während man selbst nicht wagt, das Ungeheuerliche als das zu sehen, was es ist. Das "Gesetz des Pascha" knüpft an die Ereignisse von damals an.

2 Moses 12, 43:
"Dies ist das Gesetz des Pascha: Kein Fremder darf davon essen.

Unsere Lehre hat ihr Volk stets von anderen abgegrenzt. Das tat sie systematisch. Ohne eine Spaltung zwischen "Auserwählten" und denen, die es nicht sind, gäbe es keinen Judaismus. Er ist eine Unterscheidung zwischen Mensch und Mensch. Wenn er Menschen nicht voneinander geschieden hätte, wäre das hebräische Erbe im Umfeld aufgegangen. Trotz aller Abgrenzung bildet der Judaismus und sein Umfeld daher stets eine zerrissene Einheit. Keiner der Teile ist aus dem Selbstverständnis des anderen wegzudenken; zumindest was die Christenheit und den Islam betrifft. Die Spaltung innerhalb dieser Einheit hat verschiedene Wurzeln. Die grundlegende davon war banal: Um überhaupt entstehen zu können, musste der israelitische Nationalismus die Vermischung der Hebräer mit den Ägyptern rückgängig machen, damit ihr erkennt, daß der Herr einen Unterschied macht zwischen Ägypten und Israel (2 Moses 11). Dieses Erbe bestimmt den Glauben bis heute. Dazu passend pflegt der Judaismus Regeln, die die Integration ins Umfeld begrenzen. Dass es Unbeschnittenen nicht erlaubt ist, am Pascha teilzunehmen, ist eine Facette religiös begründeter Apartheid. Auch das Lamm, das zum Pascha geschlachtet wird, hat symbolische Bedeutung. Unser Ziel war, aus Hirten ein Kriegervolk zu machen, vor dem die Welt sich fürchtet.

5 Moses 28, 1-10:
Gehorchst du getreulich...so wird der Herr...dich erhöhen über alle Erdenvölker...Alle Erdenvölker...werden sich vor dir fürchten.

Lämmer sind Symbole der Friedfertigkeit. Opfert man sie, opfert man Unschuld und Frieden. Ohne das kann man kaum zu einem Volk gehören, vor dem sich alle fürchten. So wie die Paschanacht in Ägypten Startschuss zur israelitischen Staatsgründung war, so feiert das Pessahfest heute die Zugehörigkeit zu einem Volk, dessen heiliger Text davon spricht, dass Gott es über alle anderen stellt. Anfangs fürchteten sich aber nicht die Völker vor Israel. Wir fürchteten uns, mit dem zaudernden Volk in den Kampf zu ziehen.

2 Moses 13, 17-21:
...da führte Gott sie nicht den Weg zum Philisterland...denn Gott sagte sich, das Volk bekommt am Ende Reue, wenn es sich in Kämpfe verwickelt sieht und will wieder nach Ägypten zurück...Die Israeliten zogen kampfgerüstet aus dem Ägypterland...Der Herr zog am Tage vor ihnen in einer Wolkensäule her...bei Nacht aber in einer Feuersäule, um ihnen Licht zu spenden...

4 Moses 1, 45:
Insgesamt belief sich die Zahl aller gemusterten kriegsfähigen Israeliten...auf 603550.

Es gab Probleme. Gott zog weder als Wolke noch als Feuersäule vor uns her. Eine Feuersäule, die Millionen Menschen Licht spendet, hätte imposant sein müssen. Kein Volk, vor dem ein göttliches Flammenmeer herzieht, hätte je Angst vor einem Kampf mit den Philistern. Nicht Gott hatte Sorge, dass das Volk Reue bekommt. Ich hatte sie. So kampfgerüstet, wie der Text vorgibt, war unser erbeutetes Hirtenvolk nämlich nicht. Außerdem waren mir auch auf dem Sinai keine Zauberkräfte zugewachsen. Daher haben die Israeliten niemals trockenen Fußes das Meer durchquert, während die Ägypter ertranken. Wie hätte 45 Tage danach der Eindruck, den ein solcher Machtbeweis hinterließe, so verblasst sein können, dass sich das Volk gegen mich empört?

2 Moses 14, 27-31:
Da streckte Moses seine Hand über das Meer aus und das Wasser flutete...an seinen alten Platz zurück...Die Israeliten aber sahen, wie die Ägypter tot am Ufer des Meeres lagen. Als Israel sah, mit welch gewaltiger Hand der Herr unter den Ägyptern wirkte, fürchtete das Volk den Herrn; sie vertrauten...auf Moses...

2 Moses 16, 1-3 ...Es war am 15. Tag des zweiten Monats seit ihrem Auszug...Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte wider Moses und Aaron..."Oh daß wir doch durch die Hand des Herrn in Ägypten gestorben wären; da wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten.."

Nach sechs Wochen in der Wüste machte sich selbst bei denen Ernüchterung breit, die in Ägypten mit der nationalen Bewegung sympathisiert hatten. Um die Lawine loszutreten, hatten wir den Lohn des Risikos blühend ausgemalt. Jetzt sah das Volk, dass wir das Land nicht einfach so besetzen konnten. Da sehnte man sich nach dem Wohlstand zurück, nach dem Brot und den Fleischtöpfen Ägyptens. Also wichen wir dem Kampf aus und suchten auf dem Sinai ein Gelände, wo wir erst einmal kampieren konnten. Wir brauchten Zeit, um unsere Macht zu festigen.

5 Moses 14, 2:
Dich hat der Herr erwählt, daß du unter allen Völkern auf dem Erdboden sein besonderes Eigentumsvolk seiest.

Die Hebräer wurden ein besonderes Eigentumsvolk. Sie wurden aber nicht von Gott besessen, sondern von ihrer Obrigkeit und deren durchdachter Ideologie. Sie waren die ersten Kriegsgefangenen des Offenbarungsglaubens. Obwohl wir entscheidende Schlachten vermieden, kam es zu ersten Scharmützeln.

2 Moses 17, 8-14:
Da rückten die Amalekiter heran und kämpften...gegen die Israeliten...So besiegte Josua Amalek und sein Kriegsvolk mit der Schärfe des Schwertes."...ja vertilgen will ich unter dem Himmel das Andenken an Amalek".

Wir machten keine Gefangenen. Die Scharmützel waren Vorbereitungen für den geplanten Eroberungskrieg. Gleichzeitig nutzen wir die Zeit, um die Kommandostruktur zu festigen.

2 Moses 18, 17-23:
Der Schwiegervater des Moses sagte...: "...Du reibst dich ja vollständig auf...Ich will dir einen Rat geben:...vertritt du das Volk Gott gegenüber...Schärfe ihnen die...Gesetze ein...suche dir...tüchtige Männer aus...Setze sie über jene als Vorsteher...Sie sollen... immerdar als Richter wirken...Wenn du es so machst und auch Gott es dir so befiehlt, dann kannst du bestehen..."

Klar ist, dass Gott dem Rat meines Schwiegervaters folgte und die Sache so befahl. Mein Bruder Aaron war der zweite Mann im Staat. Er wurde erster Priester und fungierte als Regierungssprecher. Unsere Schwester Mirjam kümmerte sich um die propagandistische Betreuung der Frauen.

2 Moses 4, 16:
Er (Aaron) soll dein Mund sein und du (Moses) sollst für ihn an Gottes Stelle stehen!

2 Moses 28, 1:
...als Priester soll er mir dienen (Moses Bruder Aaron und dessen Söhne)

2 Moses 15, 20:
Da nahm die Prophetin Mirjam, Aarons Schwester, die Pauke in die Hand, und alle Frauen zogen...hinter ihr her.

Ich beanspruchte absolute Macht. Selbst für Aaron stand ich an Gottes Stelle. Offiziell hatte nur ich direkten Kontakt nach oben. Angeblich war Gott zunächst noch als Feuer und Wolke für alle sichtbar am Offenbarungszelt zu sehen.

4 Moses 9, 15-16:
...bedeckte die Wolke die Wohnstätte des Offenbarungszeltes; abends war sie über der Wohnstätte wie ein feuriges Gebilde bis zum Morgen. So geschah es immer: die Wolke bedeckte sie bei Tage, und des Nachts verhüllte sie ein feuriges Gebilde.

4 Moses 10, 29-34:
Moses sprach zu seinem Schwiegervater...: "...Ziehe...mit uns, wir wollen es dir lohnen...Doch er erwiderte ihm: "Ich will nicht mitziehen, sondern...zu meiner Verwandtschaft heimkehren."Moses entgegnete...: "Laß uns doch nicht im Stich! Du kennst Lagerstätten...in der Wüste und...kannst...uns als Anführer dienen. Wenn Du mit uns ziehst, werden wird dir Anteil geben an den Gütern, die der Herr uns schenken will." So brachen sie denn...auf...Des Herrn Wolke schwebte über ihnen bei Tage...

Man würde doch meinen, Gott kenne sich in der eigenen Wüste besser aus als der Schwiegervater des Propheten. Wozu bedurfte es also dessen Führung? Außerdem: Glauben Sie, mein Schwiegervater hätte Gott als Feuersäule gesehen, um sich dann abzuwenden und zu seiner Verwandtschaft heimkehren; desinteressiert an dem, was die Gegenwart der Allmacht mit sich bringt? Und glauben Sie, wenn Gott als Wolke und Feuer zu sehen gewesen wäre, hätte ich meinen Schwiegervater eigens mit der Aussicht auf Lohn gelockt? Nein! Ich hätte gedacht: Wenn der Alte nicht von alleine mitkommt, ist er eh nicht bei Verstand. Was könnte jemand Gottes Sache nützen, wenn ihn Gott persönlich nicht auf seine Seite zieht, er sich für einen Anteil an der Beute aber doch noch für den Dienst an der heiligen Sache herbeibequemt? Noch mal: Da war kein Gott. Also brauchte die Propaganda eine Erklärung, warum er den Israeliten anfangs so penetrant nah gewesen sein soll, während keiner, der die alten Geschichten später las, ihn zu Gesicht bekam. Das Problem war klar: Die angebliche Präsenz Gottes musste wieder weg. Also behauptete man, das Volk selbst habe darum gebeten, dass Gott es vor seiner Gegenwart fortan verschont.

2 Moses 20, 19-20:
Sie sprachen zu Moses: "Rede du mit uns, wir wollen darauf hören! Aber Gott soll mit uns nicht reden, sonst müssten wir sterben!" Da antwortete Moses...: "Fürchtet euch nicht! Denn um euch zu prüfen ist Gott gekommen, damit die Furcht vor ihm bei euch herrsche..."

2 Moses 19, 8:
Das Volk gab einmütig zur Antwort: "Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun!" Moses überbrachte dem Herrn des Volkes Antwort.

"Einmütig", sprach das Volk. Brav! Dass mich die Israeliten als Vermittler göttlicher Botschaften brauchten, klingt ja noch plausibel. Wieso musste ich Gott aber die Antwort des Volkes überbringen; wenn er sowieso alles weiß?

5 Moses 5, 24 -31:
Ihr spracht: Der Herr...hat uns seine...Größe schauen lassen...Wir haben seine Stimme aus dem Feuer heraus vernommen;...Dieses...Feuer wird uns verzehren; wenn wir noch weiterhin die Stimme des Herrn...anhören, werden wir sterben...Tritt du heran und höre alles, was der Herr, unser Gott, reden wird! Du berichte uns dann alles...wir werden es hören und danach handeln.

Gottes Stimme nicht zu hören, fordert das Volk für alle Zukunft. Erklärt das nicht stichhaltig, warum später stets selbsternannte Propheten aus dem Kreis der Leviten parat standen, um dem Volk "göttliche" Befehle zu diktieren?

5 Moses 18, 15-18:
Einen Propheten...wird der Herr...entstehen lassen; auf ihn sollt ihr hören. In diesem Sinne...hast du (das Volk)...es gefordert, als du sprachst: "Nicht mehr will ich die Stimme des Herr...vernehmen und dieses gewaltige Feuer nicht mehr sehen, damit ich nicht sterbe...Da sprach der Herr zu mir: "...meine Worte will ich in seinen Mund (des Propheten) legen..".

Ist das nicht erstaunlich? Das Verhältnis zwischen Israel und seinem Gott ist strikt asymmetrisch. Gott fordert. Das Volk hat die Forderungen zu erfüllen. Nur in einem Punkt ist es umgekehrt. Da darf auch das Volk mal was fordern. Und was fordert es? Dass es für alle Zukunft nicht mehr selbst überprüfen kann, ob die Forderungen, die es aus dem Munde seiner Propheten hört, tatsächlich die Forderungen Gottes sind. Es fordert, die beste Möglichkeit zur Wahrheitsfindung zu beseitigen. Ausgerechnet! Und was passiert? Die Forderung des Volkes wird erfüllt. Wie gut könnte Israel es gehen, wenn sein Gott auch sonst so fügsam wäre...oder eben nicht: Wenn er weiter zu ihm spräche, damit dass Volk verlässlich glaubt. Mein Problem, den Glauben an meine Berufung durchzusetzen, war anderer Natur, als das Problem späterer Zeit. Später konnte man jedem den Mythos der Offenbarung mit dem Hinweis auf die Texte in den Kopf hämmern. Wir dagegen lebten mit denen, die selbst bezeugen konnten, dass es weder Feuersäulen noch zurückweichende Wasser zu bestaunen gab. Also zogen wir andere Saiten auf. Damit die Furcht bei ihnen herrschte. Zu uns durfte es keine Alternative geben. Wir bekämpften jeden Hauch religiöser Vielfalt. Wir schalteten das Volk ohne wenn und aber gleich; denn in so manchem Kopf hausten noch ägyptische Götter. Besonders in den Köpfen der Mischlinge.

2 Moses 20, 3-5:
Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!...Denn ich...bin ein eifersüchtiger Gott...

5 Moses 18, 20:
Der Prophet...der im Namen eines fremden Gottes spricht, muss sterben.

5 Moses 17, 2-12:
Findet sich...ein Mann oder eine Frau...die hingehen, um andern Göttern zu dienen...dann...lasse sie zu Tode steinigen!...So sollst du das Böse aus deinen Mitte austilgen...Wer aber vermessen handelt und auf den...waltenden Priester oder Richter nicht hört, soll sterben.

5 Moses 13, 13-17:
Du hörst etwa von irgendeiner deiner Städte...sagen: Nichtsnutzige Männer...haben die Bewohner...abspenstig gemacht mit den Worten: Wir wollen...andere Götter verehren...dann...schlage die Bewohner jener Stadt mit der Schärfe des Schwertes; weihe sie...dem Banne...Sie (die Stadt) sei auf Dauer ein Ruinenhügel und werde...nie mehr aufgebaut.

Zur Unterwerfung des gesamten Volkes trugen wir den Terror in die Familien:

5 Moses 13, 7-12:
Wenn dein Bruder...oder dein Sohn oder deine Tochter oder die Frau an deiner Brust oder dein Freund, den du so lieb hast wie dein Ich, dich heimlich verführen wollen...andern Göttern (zu) dienen...so darfst du...nicht...sie schonen...Dem Tod sollst du sie überliefern! Deine Hand soll sich zuerst gegen sie erheben, um sie zu töten, und danach die Hand des gesamten Volkes. Mit Steinen sollst du sie zu Tode steinigen;...Ganz Israel soll...sich fürchten, damit nie wieder so etwas Böses in deinen Mitte getan werde!

Viele Hebräer empfanden anders. Im Gegensatz zu uns hielten sie es für böse, das eigene Kind an seine Mörder zu verraten; bloß weil es anders dachte, als erlaubt. Mit der Zeit zeigte der Terror aber Wirkung. Abweichende Meinungen wagte kaum noch jemand zu äußern. Wer es dennoch tat, wurde liquidiert.

3 Moses 24, 11-23:
Da lästerte der Sohn einer Israelitin den Namen des Herrn und fluchte;...Der Herr sprach zu Moses: "Laß den Lästerer...steinigen!. Zu den Söhnen Israels aber sprich: Jeder, der seinem Gotte flucht...soll des Todes sterben...Als Moses zu den Israeliten geredet hatte, führten sie den Lästerer vor das Lager hinaus und steinigten ihn.

Die Steinigung von Brüdern, Kindern, Frauen und Freunden war vorgesehen; nicht aber die Steinigung abweichender Väter. Es gab auch Väter, die Widerstand leisteten. Das hängten wir aber nicht an die große Glocke. Es sollte so aussehen, als ob die Familienoberhäupter der Staatsdoktrin bedingungslos folgten. Wir schufen eine Hierarchie, in der die Befehle der Macht vom Hohenpriester bis ins Kinderzimmer drangen. Die Befehlsstruktur, die für den Krieg gegen Kanaan erforderlich war, übertrugen wir auf die ganze Familie. So wie ich Diktator des Volkes war, sollte jeder Mann Diktator der Familie sein. Das gab unserem System Festigkeit, weil sich der zerbrochene Stolz der Väter, die dem Staat gegenüber buckeln mussten, an ihrer Rolle als Machthaber im Kleinen wieder aufrichten konnte. Die ideologische Durchdringung des Volkes war totalitär. In jeder Familie gab es einen Blockwart, der das Denken der Kinder in die gewünschte Richtung lenkte, bevor das Kind einen eigenen Gedanken fassen konnte. Deshalb schützte das Gesetz die Position des Vaters rigoros, während es das Leben der Kinder elterlicher Willkür überließ.

2 Moses 21, 15-17:
Wer seinen Vater oder seine Mutter schlägt, der soll des Todes sterben...Wer seinem Vater oder seiner Mutter flucht, ist des Todes.

3 Moses 20, 9:
...ein jeder, der seinen Vater und seine Mutter schmäht, soll des Todes sterben.

5 Moses 21, 18-21:
Hat jemand einen störrischen Sohn...der...auch nach der Züchtigung nicht gehorcht, dann sollen ihn seine Eltern ergreifen und...Dann sollen...alle Männer seiner Heimatstadt ihn zu Tode steinigen. So sollst du das Böse...wegschaffen.

Wir predigten Gott als drohendes Geheimnis. Auch das war Kalkül.

2 Moses 19, 21:
Steige hinab und befiehl nachdrücklich dem Volke, daß es zu dem Herrn nicht durchbreche, um ihn zu sehen; denn viele von ihnen müssten sonst umkommen.

4 Moses 17, 17 -28:
Wer der Wohnstätte des Herrn sich nur nähert, muss sterben!

4 Moses 3, 10:
"...jeder Unbefugte, der herantritt, soll getötet werden."

Selbst den Leviten, die am Offenbarungszelt Dienst taten, war es bei Todesstrafe untersagt, den Vorhang zu lüften. Jeder Blick auf die Profanität des vermeintlichen Gottes war verboten. Das impfte ihnen eine Heidenangst ein; obwohl das Allerheiligste nüchtern betrachtet bloß aus einem Zelt mit einer Holzkiste und ein paar Kandelabern bestand.

4 Moses 3, 31-32:
Ihrer (der Levitensippe der Kehatiten) Amtspflicht unterstanden: die Lade...der Vorhang und alle Betätigungen an ihm. Der Vorsteher der Levitenfürsten war Eleasar, der Sohn des Priesters Aaron.

4 Moses 4, 17-20:
Dann sprach der Herr zu Moses und Aaron: "Laßt den Stamm der Kehatitengeschlechter nicht aus der Mitte der Leviten ausgerottet werden! Dies trefft als Vorsorge für sie, damit sie leben und nicht sterben, wenn sie sich dem Allerheiligsten nahen;...Aaron und seine Söhne sollen...Mann für Mann anweisen, was sie zu tun...haben, damit sie nicht etwa hineingehen und das Heiligste auch nur einen Augenblick sehen, sonst müssten sie sterben.

"Religion" bedeutet "Anbindung". Sie wird als Anbindung an Gott gedacht. Die Annäherung an unseren Gott war bei Todesstrafe verboten. Unser Kult diente nicht der Anbindung, sondern dem Machterhalt. Was wäre passiert, wenn sich jeder im Offenbarungszelt hätte davon überzeugen können, dass es leer war? Also umgaben wir das "Heilige" mit einer schrecklichen Aura. Wir erklärten alles zum Tabu, was mit ihm zu tun hatte. So ging von Gott und dem Handwerkszeug seiner irdischen Benutzer ständig Lebensgefahr aus.

2 Moses 30, 33-38:
"...Jeder, der die gleiche Mischung (des "heiligen" Salböls) herstellt...soll...ausgetilgt werden...Jeder, der es nachahmt (das "heilige" Räucherwerk)...soll...ausgetilgt werden!".

Zum Machterhalt benutzten wir ein Wechselspiel aus Zuckerbrot und Peitsche. Einerseits war die Behauptung, jeder, der zu uns gehört, sei auserwählt, in einem Paradies zu wohnen, die größte Schmeichelei mit der man eine Kreatur bestechen konnte. Andererseits zwangen wir dieselben, deren Eitelkeit wir mit der linken Hand bestachen, mit der rechten unter die Knute einer Despotie, in der jeder wie ein Hampelmann parieren musste. Wir ersannen hundert Gesetze, die den Alltag in Zwang verwandelten. So war man auch bei harmlosen Verrichtungen damit beschäftigt, absurde Regeln zu beachten und hatte den Kopf nicht frei, um über den Sinn der Regeln nachzudenken. Selbst banale Verfehlungen zogen den Tod nach sich.

2 Moses 13, 13:
Jeden Erstlingswurf des Esels sollst du aber gegen ein Schaf auslösen; willst du ihn aber nicht auslösen, dann mußt du ihm das Genick brechen.

3 Moses 17, 8-9:
Jeder...der ein...Schlachtopfer darbringt und es nicht an den Eingang des Offenbarungszeltes bringt...soll...ausgerottet werden.

3 Moses 17, 14:
...jeder, der es (das Blut eines Schlachttieres) genießt, soll ausgerottet werden.

4 Moses 15, 32-36:
...die Israeliten...stießen...auf einen Mann, der am Sabbat Holz sammelte...Man steinigte ihn zu Tode, wie der Herr dem Moses befohlen hatte.

Der vordergründige Unsinn vieler Regeln folgte einer inneren Logik. Jede Gewalt versucht den Verstand derer matt zu setzen, die sich wehren könnten. Dabei ist grober Unfug nützlich, wenn er mit brutalem Ernst betrieben wird.

5 Moses 21, 1-8:
Findet sich...ein auf dem Feld Erschlagener, ohne daß man weiß, wer der Mörder war...so sollen die Ältesten dieser Stadt (die der Leiche am nächsten liegt)...eine junge Kuh...zu einem nie versiegenden Bach hinführen, wo der Boden noch nicht...besät wurde. Dort sollen sie der jungen Kuh am Bach das Genick brechen. Danach mögen die Priester, die Söhne Levis, sich nahen...Alle Ältesten...sollen über der jungen Kuh, der am Bach das Genick gebrochen ward, ihre Hände waschen...Dann werden sie von Blutschuld frei sein.

Jeder machte irgendwann etwas "falsch". Erschien einer unzuverlässig, brauchte man nicht lange zu warten. Schon hatte man einen Vorwand, um ihn auszuschalten. Dabei war man selbst nie böse. Gott wollte es so. Wer sich als Henker hervortat, der im Auftrag des Himmels handelt, bewies mit jeder Mordtat guten Willen. Ein Verhältnis zwischen Staat und Religion bestand im Grunde nicht. Der Staat war Religion und die Religion war der Staat. Meine Vertrauten rekrutierte ich aus der Familie und dem Stamm, dem ich angehörte. Aaron bekam die Leviten. Vorgesehen war die leibliche Erbfolge. Alle Schlüsselfunktionen des Staates wurden innerhalb der Familie vererbt.

4 Moses 3, 9-10:
Übergib die Leviten dem Aaron und seinen Söhnen; sie seien ihm geschenkt...Aaron aber und seine Söhne sollst du bestellen, daß sie ihres Priesteramtes walten;

4 Moses 4, 23-28:
Die Dreißig- bis Fünfzigjährigen (der Levitensippe der Gerschoniten) sollst du mustern, alle, die sich einer Dienstverpflichtung im Offenbarungszelt zu unterziehen haben...Auf Anweisung Aarons und seiner Söhne soll jegliche Dienstleistung der Gerschoniten in ihrem...Arbeitsdienst erfolgen...ihr Dienst stehe unter der Leitung Itamars, des Sohnes des Priesters Aaron.

4 Moses 1, 45-53:
Insgesamt belief sich die Zahl der gemusterten kriegsfähigen Israeliten...auf 603550. Die Leviten...wurden nicht mit ihnen gemustert. Der Herr sprach zu Moses: "...Stelle die Leviten bei der Wohnstätte des Gesetzes...auf...ein Nichtlevit aber, der herantritt, muß sterben...Die Leviten sollen den Dienst an der Wohnstätte des Gesetzes versehen.

Die Priester verwalteten das Geld. Das Offenbarungszelt - später der Tempel in Jerusalem - diente als Finanzzentrale. Alle waren steuerpflichtig. Das Steuerzahlen galt als Gottesdienst. So war es leichter, gegen Steuersünder vorzugehen.

4 Moses 18, 1-32:
Da sprach der Herr zu Aaron: "...der Stamm Levi, dein väterlicher Stamm...Sie sollen dich bedienen...Das Priestertum übergebe ich euch als Amtsgeschenk, der Unbefugte, der hinzutritt muss sterben...Dies soll dir von den hochheiligen Gaben...als Gebühr zufallen: All ihre Abgaben bei allen Speiseopfern, Sündopfern und Schuldopfern...Auch folgendes gehört dir: die Abgabe ihrer Opfergeschenke...Alles Beste vom Öl, Most, Getreide...Die Erstlinge von allem, was im Land wächst...Alles Banngut in Israel sei dein Eigentum. Jegliche Erstgeburt...vom Mensch und vom Vieh gehöre dir; nur mußt du die menschliche Erstgeburt...auslösen lassen...für einen Betrag von fünf Sekel heiligen Gewichtes...Es sei dies ein immer geltender Salzbund...für dich und deine Nachkommen...Den Söhnen Levis schenke ich hiermit sämtliche Zehntabgaben in Israel für ihren Dienst...am Offenbarungszelt...so sollt ihr (die Leviten) auch das Hebeopfer für den Herrn von all euren Zehnteinnahmen, die ihr von den Israeliten in Empfang nehmt...an Aaron übergeben...und werdet nicht sterben, wenn ihr das Erlesenste davon abgebt.

4 Moses 5, 9:
Ebenso gehört dem Priester jegliche Hebe von allen heiligen Gaben, die Israels Söhne zu ihm bringen.

Besonders klug war mein Erlass über das Banngut. "Banngut" nannten wir Kriegsbeute. Die Priester bekamen alles, was im Krieg erbeutet wurde. Das hat sie ermutigt, den Krieg voran zu treiben. Jahwe war Kriegsgott, ein Herr der Heerscharen, wie es die Bibel hundert Mal betont.

Jeremias 31, 35:
Herr der Heerscharen ist sein Name.

Um den Leviten und den Priestern, die dem Stamm Levi angehörten, die Lust am Krieg nicht zu vergällen, hatte ich sie vom Wehrdienst freigestellt. Auch das war ein kluger Schachzug. So konnten sie Krieg führen, ohne das eigene Leben zu riskieren. Man ordnet ja viel lieber eine Schlacht an, wenn man nicht selbst an die Front muss. Und obendrein die Beute bekommt! An der Heimatfront hatten sie indessen polizeiliche Aufgaben. Sie taten Dienst an der Wohnstätte des Gesetzes.

Später war unser System fast unanfechtbar. Anfangs gab es allerdings viel Widerstand. Vergessen sie nicht: Unser System wuchs erst mit den Erfordernissen der Macht. Die Zeit in der Wüste war eine Zeit des Drills und der Säuberungen. Bevor wir uns daran machen konnten, den Krieg nach Kanaan zu tragen, mussten alle Quertreiber weg. Mehr als einmal stand alles auf der Kippe. Es gab Aufstände und Putschversuche. Selbst Aaron und Mirjam erwiesen sich als unzuverlässig. Zum Beispiel war da die Sache mit Korach:

4 Moses 16, 1 - Moses 17,14:
Es empörten sich Korach,...Datan und Abiram...mit zweihundertfünfzig israelitischen Männern, Fürsten der Gemeinde, Vertretern des Volkes, Männern von höchstem Ansehen... Wider Moses und Aaron scharten sie sich und sprachen...: "...alle insgesamt sind heilig und der Herr ist in ihrer Mitte. Warum erhebt ihr euch über die Gemeinde des Herrn?" Moses...antwortete...: "Morgen wird der Herr kundtun, wer zu ihm gehört, und wer der Heilige ist, den er zu sich herantreten läßt"...Moses sprach zu Korach: "Hört, ihr Söhne Levis!...Gegen den Herrn habt ihr euch also zusammengerottet, du und dein ganzes Gefolge...Da sprach der Herr zu Moses: "Weise die Gemeinde an: Zieht euch zurück aus dem Umkreis der Wohnung Korachs, Datans und Abirams!"... Sie fuhren mit allem was ihnen gehörte, lebendig ins Totenreich hinab...So verschwanden sie mitten aus der Gemeinde...Die ganze Gemeinde...murrte am anderen Morgen wider Moses und...sprach: "Ihr habt das Volk des Herrn ermordet!"...die Herrlichkeit des Herrn erschien...und...redete: "...Ich will sie jäh vertilgen!...Moses sprach zu Aaron: vom Herrn ist der Zorn bereits ausgegangen, die Plage hat angefangen...Die Anzahl der Toten belief sich auf 14700, abgesehen von denen, die Korachs wegen umgekommen waren.

Das war kritisch. Es waren ja Männer von höchstem Ansehen, Vertreter des Volkes. Wir gaben Befehl, sich außer Sichtweite zurückzuziehen. Damit es keine Zeugen gab. Dann machten wir die Aufständischen nieder. Die Propaganda stellte es anders dar: Als habe der Befehl, sich aus dem Umkreis Korachs und seiner Verbündeten zurückzuziehen, dem Schutz "Unschuldiger" gedient. Als sollte verhindert werden, dass Unbeteiligte gemeinsam mit Korach im Erdreich verschwanden. Als hätten alle gesehen, wie sich der Boden um die Putschisten auftat und das Totenreich sie verschlang. Wenn das einer gesehen hätte, wäre ihm klar gewesen, dass hier Gott am Werke war. Hätte da die ganze Gemeinde schon am anderen Morgen gegen uns gemurrt? Unsinn. Natürlich hatten wir das Volk des Herrn ermordet. Nicht der Himmel! Man glaubte uns aber nicht. Deshalb breitete sich der Aufstand aus. Zuletzt behielten wir Oberwasser. Wir liquidierten sämtliche Rädelsführer. Und wer uns sonst noch im Wege stand. Insgesamt gab es 14950 Tote. Schließlich ging es ums Ganze. Korach und seine Leute vertraten ein gefährliches Gottesbild. Sie sagten:...alle insgesamt sind heilig und der Herr ist in ihrer Mitte. Es störte sie, dass ich mich über die Gemeinde des Herrn erhob. Damit ging es um Grundsatzfragen. Korachs Gottesbild war mystisch, sein Glaube demokratisch. Das war meiner wirklich nicht. Meiner befahl Gehorsam, Treue, Unterordnung. Da ernannte Gott nur einen Führer, der wirklich zu ihm gehört. Mein lieber Korach: Wenn alle heilig sind, wen darf man dann noch töten? Und wenn man niemanden mehr umbringen darf, wie soll man dann die Wut eines ganzen Volkes auf ein Kriegsziel bündeln? Wenn ich Korach hätte gewähren lassen, hätte es bald geheißen: Nicht nur das Leben der Israeliten ist heilig, sondern das Leben insgesamt. Wie hätten wir mit so einem Glauben aber die Kanaaniter ausrotten können? Wie die Nachbarvölker unterjochen? Nein, wenn man etwas wie Dreck behandeln will, muss man es zu Dreck erklären. Das Heilige, außer das, zu dem man sich selbst erklärt, entsorgt man dabei am besten in den Himmel. Also war die Sache klar: Korach musste weg! Samt seiner religiösen Schwärmerei. Ein für alle mal!

Eigentlich sollte man meinen, dass so ein Exempel für alle reicht. Aber selbst Aaron machte Mucken. Ständig musste ich ein Auge auf ihn werfen. Der Kerl hatte die Frechheit, sich mit seiner Schwester in meine Privatangelegenheiten zu mischen. Dabei stand ich für ihn an Gottes Stelle, sprach mit Gott von Person zu Person. Wie konnte er sich da einbilden, dass es ihn etwas angeht, was nachts in meinem Bett passiert? Wegen Aarons Übermut musste sich Gott sogar um so was kümmern.

4 Moses 12, 1-14:
Mirjam und Aaron redeten wider Moses, wegen der kuschitischen Frau, die er sich genommen hatte...Moses war indes demütig in hohem Maße...Da stieg der Herr in der Wolkensäule herab...und...sprach...: "...Ihm (Moses) ist mein ganzen Haus anvertraut. Von Mund zu Mund rede ich mit ihm und von Person zu Person...die Gestalt des Herrn schaut er. Warum habt ihr euch nicht gescheut wider...Moses zu reden?" Da war Mirjam plötzlich vom Aussatz weiß...Da rief Moses zum Herrn: "Laß sie doch...wieder gesund werden!" Der Herr sprach zu Moses: "Hätte ihr Vater ihr ins Gesicht gespieen, müßte sie sich da nicht sieben Tage lang schämen? So werde sie sieben Tage lang aus dem Lager ausgesperrt...".

Waren unsere Priester nicht begabte Poeten? Sie sagen und vertuschen die Wahrheit im gleichen Satz. Der Aussatz, der Mirjam befiel, war nicht durch Bazillen verursacht. Ich befahl vielmehr, sie sieben Tage in der Wüste auszusetzen; damit die Gute eingehend über ihr freches Maul nachdenken konnte. Mirjam verstand danach sehr gut, wo es lang ging. Wenn man damals eine Frau in der Wüste sitzen ließ, starb sie daran gewiss schneller als an der Lepra. Und Aaron? Der hatte kein Format. Trotzdem wollte er höher hinaus, als ihm zustand. In der Affäre um die Kuschitin reichte es, Mirjam auszusperren: Schon war Aaron zahm. Aber auch sonst machte er Sorgen; obwohl ich letztlich jede neue Schlamperei zu meinem Vorteil wenden konnte. Als ich länger vom Lager weg war, ließ er sich von den Leuten beschwatzen, ein goldenes Kalb zu gießen (2 Moses 32, 1-6). Als ich zurückkam, hatte er sofort die Hosen voll. Wahrscheinlich hatte er gedacht, ich wäre unterwegs verreckt und er könnte mich beerben. Er schob alles auf "das zügellose Volk". Aber ich dachte mir schon meinen Teil.

2 Moses 32, 22-23:
Aaron entgegnete: "...Du weißt ja, wie zügellos dieses Volk ist. Sie baten mich: "Mache uns doch einen Gott...denn wir wissen nicht, was Moses...zugestoßen ist!"

Die Zeit war nicht reif, ihn über den Jordan zu schicken. Ein offener Machtkampf in der Führungsspitze erschien mir da als zu riskant. Ich spaltete statt dessen den Widerstand, indem ich Aaron fürs erste rehabilitierte und seine Mittäter ausschalten ließ. Teile und herrsche! Ein nützliches Prinzip. Nicht nur für Cäsaren.

2 Moses 32, 25-29:
Moses bemerkte, daß das Volk zügellos war. Aaron hatte es nämlich ausarten lassen zur Schadenfreude ihrer Feinde. Da...rief (Moses): "Wer für den Herrn ist, trete zu mir!" Da scharten sich alle Leviten um ihn. Er sprach zu ihnen: "...es töte ein jeder selbst den Bruder, Freund und Nächsten!" Die Leviten handelten nach des Moses Befehl. So fielen an jenem Tag vom Volk gegen 3000 Mann. Moses sagte...: "Verpflichtet euch heute ganz für den Herrn; denn jeder war gegen seinen Sohn und Bruder, damit euch heute Segen zuteil werde!"

Das schmiedete den Corpsgeist der Levitentruppe zu Stahl. Es war etwas Unfassbares, zu einer solchen Einheit zu gehören. Nach dem gemeinsamen Mord am eigenen Fleisch und Blut gab es kein Zurück mehr. Wer zu diesem Orden gehörte, galt als gesegnet, weil er sein Kind ermordet hatte. Nach dieser Taufe gab es keine echte Heimat mehr. Nur noch Glaube, Sieg oder Tod. Solche Blutbäder nützten der Sache mehr als jeder Fahneneid. Generationen frommer Väter haben von meinem Beispiel gehört. Die Folgen sind immens, denn das Beispiel macht bekanntlich Schule. So wie Kinder nicht von dem erzogen werden, was ihre Eltern sagen, sondern davon, was die Eltern tun, so prägte auch dieses Vorbild den Glauben mehr als alle milden Sprüche. Was wir vollzogen, wirkt wie ein Lobgesang auf die Vernichtung der Loyalität gegenüber dem eigenen Kind. Wir ersetzten das Pflichtgefühl der Väter durch den Schwur auf die Fahne der Macht. Ich muss allerdings gestehen, dass ich die Genialität meines Entwurfs damals nur zum Teil begriff. Indem derr Kult Väter zu Marionetten des Gesetzes machte, enthielt er den Kindern wahre Väterlichkeit vor. So wuchs stets eine neue vaterlose Generation heran, die unter irdischer Väterlichkeit bloß das Pochen aufs Gesetz verstand und deren Hunger nach wahrer Väterlichkeit sie dem religiösen Ersatz im Himmel in die Arme trieb.

Viele meinen, der Vater spiele im Kosmos der Bibel die zentrale Rolle. Tatsächlich ist er ein Maske der Macht. Der Irrtum löst sich auf, wenn man Vaterschaft von Väterlichkeit unterscheidet. Das Vorbild aller bibeltreuen Väter heißt Abraham. Er ist dafür bekannt, dass er auf Befehl bereit war, sein Kind zu töten. Die Vaterschaft Abrahams mag daraus bestehen, dass er Isaak zeugte, väterlich war er aber nicht. Der Wesenskern der Väterlichkeit liegt nicht in der Potenz, mit der man Kinder zeugt - was jedes Rindvieh kann - und sie liegt auch nicht im Gehorsam gegenüber der jeweils größten Macht. Väterlichkeit ist vielmehr Loyalität gegenüber dem Leben, das man gezeugt hat. Daran hat es Abraham beispielhaft gefehlt. Unser Kult verlangte den absoluten Staat. Sein erstes Gebot war, dass alle Loyalität unserem Gott gebührt. Väterlichkeit ist eine Loyalität, die damit konkurriert. Zu allem Überfluss ist sie auch noch föderal. Damit kann man keinen Krieg gewinnen! Also musste sie weg. Durch Abrahams Vorbild, durch Gesetze, die von Eltern Kindermord verlangen (5 Moses 13, 7-12) und durch unser Beispiel, indem wir Söhne, Brüder und Freunde liquidierten (2 Moses 32, 25-29), zerstörten wir im Weltbild unserer Anhänger den Respekt vor echter Väterlichkeit und ließen nur die Fassade davon stehen. Die haben wir allerdings um so dicker angemalt, je mehr wir sie als Ordnungsmacht gebrauchten. Unser Kult machte sich unentbehrlich, indem er auf der Erde zerstörte, was er im Himmel versprach.

Außer Itamar und Eleasar hatte Aaron noch zwei Söhne. Sie erwiesen sich als unzuverlässig. Zwischen Aarons Söhnen gab es Eifersucht und Konkurrenzgerangel. Kein Wunder beim leiblichen Erbrecht des höchsten Priesteramts. Nadab und Abidu waren Quertreiber. Wir mussten sie ausschalten. Auf einen Anlass brauchten wir nicht lange zu warten.

3 Moses 10, 1-7:
Die Aaronssöhne Nadab und Abidu...brachten...ein ungehöriges Feueropfer dar...Da ging Feuer vom Herrn aus und verzehrte sie...Moses sprach zu Aaron: "Hier erfüllt sich, was der Herr angekündigt hat...Aaron aber schwieg...Moses sprach zu Aaron...: "Laßt euer Haupthaar nicht frei herunterhängen...; sonst müßt ihr sterben...vom Eingang des Offenbarungszeltes dürft ihr nicht weggehen, damit ihr nicht sterbt..."

Nadabs und Abidus Fehltritt kam mir gerade recht. Außerdem konnte ich Aarons Loyalität überprüfen. Wenn er bereit war, Söhne zu opfern, gab er sich dadurch noch mehr in meine Hand. Der Vorgang machte allen klar, dass es uns mit dem Gehorsam bitter ernst war. Wenn die da oben nicht einmal eigene Söhne schonten, brauchte niemand, der sonst noch ans Aufmucken dachte, mit Gnade zu rechnen. Trotzdem habe ich die Daumenschrauben weiter angezogen. Bisher blühte jedem der Tod, der sich unbefugt dem Offenbarungszelt näherte. Nachdem sich gezeigt hatte, dass die Loyalität mir gegenüber selbst auf der Führungsebene brüchig war, ging ich auch dort auf Nummer sicher. Nun drohte auch Aaron und seinen restlichen Söhnen der Tod; falls sie sich von ihrem Posten am Offenbarungszelt ohne Genehmigung entfernten. Um allen noch eins drauf zu geben, habe ich im selben Aufwasch die Todesstrafe für falsche Frisuren verhängt. Jeder konnte mir fortan durch seine Haartracht zeigen, ob er sich unterwarf.

Im Vorfeld des Angriffs auf Kanaan, hatte ich Kundschafter ausgesandt. Sie beschrieben den Feind so, dass es das Volk zu entmutigen drohte.

4 Moses 13, 17-32:
Moses sandte sie aus, das Land Kanaan auszukundschaften...Vierzig Tage später kehrten sie...zurück...Die Männer...riefen: "Nein, wir sind nicht imstande, gegen dieses Volk zu kämpfen; denn es ist stärker als wir". Sie berichteten den Israeliten übertriebene Dinge über das Land, das sie ausgekundschaftet hatten...

Das war Wehrkraftzersetzung. Wir machten mit den Drückebergern kurzen Prozess. Obwohl wir ihre Warnung durchaus ernst nahmen! Tatsächlich wäre es zu früh gewesen, den Angriff zu wagen. Das konnten wir aber nicht zugeben. Damit hätten wir den göttlichen Auftrag zur Eroberung Kanaans in Frage gestellt. Wenn man mit einem Gott ist, wie wir ihn entwarfen, ist eine Niederlage unmöglich. Es sei denn: Böse Leute vereiteln den Sieg. Tatsächlich hatten wir selbst die Lage falsch eingeschätzt. Das hätte man uns vorwerfen können. Also nutzen wir den Widerstand der Leute als Deckmantel. Wir vertuschten, dass wir aus strategischen Gründen umdenken mussten und machten ihnen weis, Gott sei durch ihr Murren derart beleidigt, dass er ihrer Generation das gelobte Land verweigert.

4 Moses 14, 20-30:.
Der Herr sprach: "...all die Männer, die meine Herrlichkeit geschaut und die Wunder gesehen haben...und mich dennoch zehnmal versucht und auf meine Stimme nicht gehört haben, sollen nie das Land, das ich ihren Vätern eidlich zugesagt habe, schauen...Von euch soll keiner in das Land kommen, das ich euch mit erhobener Hand...versprochen habe.

4 Moses 14, 36-37:
Die Männer aber,...die nach ihrer Rückkehr die ganze Gemeinde wider ihn (Moses) zum Murren reizten...starben...eines schlagartigen Todes.

So kommt's, wenn man erschlagen wird. Was habt ihr Geschichtsschreiber euch aber dabei gedacht, Gott eidbrüchig werden zu lassen? Jahwe lässt unerfüllt, was er mit erhobener Hand versprach? Ist er denn einer vom griechischen Pantheon, ein Heide sozusagen, verstrickt in menschliche Affekte? Unzufrieden bin ich auch mit 4 Moses 14, 10: Da "erschien die Majestät des Herrn allen Israeliten am Offenbarungszelt." Zuvor (4 Moses 4, 20) heißt es doch:...damit sie nicht...das Allerheiligste auch nur einen Augenblick sehen, sonst müßten sie sterben. Die Einteilung der Kehatiten zum Dienst am Offenbarungszelt, in dessen Zusammenhang vor dem Anblick des Allerheiligsten gewarnt wird, wurde am "ersten Tage des zweiten Monats im zweiten Jahr" vollzogen (4 Moses 1, 1). "Im zweiten Jahr, im zweiten Monat, am zwanzigsten Tage"(4 Moses 10, 11), also 19 Tage später, zogen die Israeliten weiter und erreichten erst später jene Stelle, von wo aus ich die Kundschafter losschickte. Also war vor dem Zeitpunkt, als die Majestät des Herrn erneut erschien, bereits vor der tödlichen Gefahr ihres Anblicks gewarnt worden. Aber niemand fiel tot um. Zum Glück für den Papst, würde man sagen. Sonst hinge bis heute in Rom kein Kruzifix.

Nach dem Aufstand Korachs und den Massakern an allerlei Aufrührern kam es zur Affäre um Aarons Stab. Wir inszenierten ein Gottesurteil. Damit Gott entscheidet, wer Israel führt! Der Fürst eines jeden der zwölf Stämme hatte einen beschrifteten Stab abzugeben. Für die Leviten schrieb Aaron seinen Namen auf einen Stab. Die Stäbe blieben über Nacht im Offenbarungszelt.

4 Moses 17, 20-28:
Und der Stab dessen, den ich mir erwähle, soll ausschlagen!...Moses legte die Stäbe...im Offenbarungszelt nieder...Am folgenden Morgen...grünte der Stab Aarons...Er hatte ausgeschlagen...Der Herr sprach zu Moses:"...Er (der Stab Aarons) soll aufbewahrt bleiben als ein Mahnzeichen für Widerspenstige. Bringe so ihr Murren vor mir zum Schweigen, damit sie nicht sterben müssen!...Wer der Wohnstätte des Herrn sich nur nähert, muss sterben.

Aarons Stab haben wir über Nacht ausgetauscht. Wir durften ja ins Zelt. Allen anderen hätte es den Kopf gekostet. Bald danach hatte Aaron seine Aufgabe erfüllt. Also haben Eleasar und ich ihn beseitigt. Eleasar war zuverlässiger als sein Vater. Ich setzte ihn auf den Priesterthron.

4 Moses 20, 24-28:
Der Herr sprach zu Moses...:"...Aaron...kommt ja nicht in das Land, das ich den Israeliten gebe, denn ihr habt euch...gegen meinen Befehl aufgelehnt. Nimm Aaron und seinen Sohn Eleasar und führe sie...auf den Berg Hor. Entkleide dort Aaron seiner Gewänder und bekleide seinen Sohn Eleasar! Aaron wird dort...sterben!"...Moses und Eleasar aber stiegen vom Berg herab. Die ganze Gemeinde nahm wahr, daß Aaron verschieden war.

Das Problem mit der mangelnden Disziplin war damit nicht behoben. Kaum saß Eleasar im Sattel, ging es schon wieder los.

4 Moses 21, 5-8:
Die Leute haderten wider Gott und Moses...Da sandte der Herr...giftbrennende Schlangen. Sie bissen das Volk, und viele...starben...Darauf sagte der Herr zu Moses: "Fertige dir eine Schlange und befestige sie an einer Stange! Jeder, der gebissen ist, soll dann zu ihr aufblicken und er wird am Leben bleiben..."

Die Schlange, zu der man aufblicken musste, war Eleasars Idee; eine Vorlage zu Gessners Hut bei Wilhelm Tell. Eleasar war ein kluger Kopf. Ohne solche Leute wäre alles schief gegangen, denn die Hebräer waren nur schwer in die Knechtschaft zu beugen.

2 Moses 32, 9:
"Ich sehe, daß diese Leute ein halsstarriges Volk sind..."

Obwohl wir die Schlacht um Kanaan zunächst vermieden, kam es zu Feindkontakten.

4 Moses 21, 1-2:
Der Kanaaniterkönig von Arad...ließ sich mit Israel in einen Kampf ein. Da legte Israel dem Herrn ein Gelübde...ab: "Wenn du dieses Volk in meine Gewalt gibst,...vollstrecke ich an ihren Städten den Bann." Der Herr erhörte das Rufen Israels...und man vollstreckte...den Bann.

4 Moses 21, 23-35:
Sichon...gestattete Israel den Durchzug durch sein Land nicht...Doch die Israeliten...eroberten sein Land...Israel setzte sich im Amoriterland fest...Sie nahmen es...und vertrieben die Amoriter...Hierauf wandten sie sich nach Basan zu...Sie schlugen ihn...und alle seine Leute, daß...keiner übrigblieb, der entkommen konnte.

Gott war mit uns, wenn wir keine Gefangenen machten. Man nannte das damals nicht "Völkermord". Man vollstreckte den Bann. Klingt besser. Man vollstreckt ja nur. Will man den Knüppel schelten, weil die Hand damit tötet?

4 Moses 33, 52:
...vertreibt alle Landesbewohner...vernichtet all ihre Bildsteine...Ihr sollt das Land in Besitz nehmen...

5 Moses 2, 25-34:
Vom heutigen Tage an beginne ich, Furcht und Entsetzen vor dir auf die Völker unter dem ganzen Himmel zu legen...ich habe den Anfang gemacht, indem ich dir den Amoriterkönig Sichon und sein Land preisgebe...Wir nahmen...all seine Städte ein und vollstreckten überall an Männern, Frauen und Kindern den Bann. Niemand ließen wir übrig zum Entweichen.

3 Moses 27, 29:
Kein Mensch, der mit einem Bann belegt wurde, darf losgekauft werden; er muß...sterben.

5 Moses 3, 6-24:
...und bannten in jeder Stadt die Männer, Frauen und Kinder. Jedoch sämtliches Vieh und Beutegut...nahmen wir an uns...Wo ist denn...ein solcher Gott, der ähnliche...Heldentaten verrichten könnte wie du!

Kindermord als Heldentat Gottes...Das ist die Logik eines terroristischen Glaubens. Das darf man nicht sagen? Man darf doch auch den "Gott" preisen, der das befahl. Tut man Schlimmeres, wenn man einen solchen Kult für terroristisch hält? "Terror" ist nicht bloß was eine handvoll Radikaler aus dem Untergrund verübt. Was man heute als "Terror" bezeichnet, als umfasse der Begriff nichts anderes, ist bloß ein Teil davon: Attentate. "Terror" kommt vom lateinischen "terrere". "Terror" heißt "Schrecken". Natürlich sind Attentate terroristisch, doch wenn es heißt: Vom heutigen Tage an beginne ich, Furcht und Entsetzen vor dir auf die Völker unter dem ganzen Himmel zu legen, bekennt sich der Bibelglaube ausdrücklich zum Terror.

Bei Schittim kam es zur Verbrüderung mit moabitischen Frauen. Sozusagen. Das war problematisch. Wir mussten die Konkurrenz fremder Kulte fürchten. Die kanaanitischen Kulte waren in sexuellen Dingen liberal, was auf jene Israeliten verführerisch wirkte, die unter der Strenge unseres Regimes stöhnten. Da konnten wir keine Kompromisse machen. Jeder, der zur Gegenpartei überlief, war ein Untertan weniger für uns.

4 Moses 25, 1-13:
Israel lagerte in Schittim. Das Volk begann mit den Töchtern Moabs Unzucht zu treiben. Diese riefen das Volk zu den Opfermahlzeiten ihrer Götzen...Der Herr sprach zu Moses: "Nimm alle Volksverführer und laß sie zu Ehren des Herrn angesichts der Sonne an Pfählen aufhängen..."...Moses gebot den Richtern Israels: "Es töte ein jeder die seiner Leute, die dem Baal-Peor anhingen!" Da kam ein Israelit und brachte eine Midianiterin...Pinchas, der Sohn des Eleasar...griff nach einem Speer...und durchbohrte beide...Die Zahl derer, die...umgekommen waren, belief sich auf 24000. Der Herr redete zu Moses: "Pinchas...ist...an meiner Statt unter ihnen als Eiferer aufgetreten...Siehe ich verleihe ihm meinen Heilsbund...Ihm und seinen Nachkommen sei für immerwährende Zeit das Priesteramt vertraglich zugesichert...

Wir ließen die Rädelsführer zu Tode foltern. Allerdings hängten wir nicht alle Opponenten auf. So viele Pfähle gab es in der Wüste nicht. Die meisten wurden mit dem Schwert erledigt. Die Sache brachte Aufruhr ins Volk, denn es gab kaum eine Familie, die wegen der ständigen Säuberungen keine Toten zu beklagen hatte. Um die Wut des Volkes von uns abzulenken, zettelten wir Krieg gegen die Midianiter an.

4 Moses 31, 1-54:
Der Herr sprach zu Moses: "Nimm Rache für die Israeliten an den Midianitern...

War das nicht genial? Wir brachten unsere Opponenten um...und rächten ihren Tod empört an Dritten. So konnte alles Böse dem Gegner angedichtet werden; der unsere auserwählten Israeliten heimtückisch vom Pfad der nationalen Tugend fortgelockt hatte...und uns damit zum Brudermord zwang. Folglich: Wir gehören trotz allem zusammen. Den anderen gehörte der Knüppel ins Gesicht.

4 Moses 31, 1-54:
Moses schickte (12000 Kampfgerüstete)...gegen Midian...und (sie) töteten alles, was männlich war...Sodann führten die Israeliten die Frauen Midians und ihre Kinder in die Gefangenschaft; all ihr Vieh...und ihr Hab und Gut erbeuteten sie...All ihre Städte steckten sie in Brand...Moses aber war zornig...Er sprach...: "Wie? Ihr habt alle Frauen am Leben gelassen?...Gerade sie sind es ja, die die Israeliten...zum Abfall...verführt haben...So tötet nun von den Kindern alle Knaben und von den Frauen jene, die schon mit einem Manne verkehrt haben! Aber alle Mädchen, die noch mit keinem Manne verkehrt haben, laßt für euch am Leben!..."...was die Menschen betrifft, so betrug die Zahl der Mädchen, die noch mit keinem Manne verkehrt hatten...32000...Moses und...Eleasar nahmen das Gold...und...brachten es ins Offenbarungszelt...

Eigentlich war es unser Ziel, die Bevölkerung eroberter Gebiete auszurotten. Damit von dort aus keine Rache zu erwarten war. Hier machten wir eine Ausnahme. Wir wollten das Volk durch Beute beruhigen. Das Gold wurde nicht verteilt. Es kam der Levitenpartei zugute. Dass die Leute Frauen und Kinder am Leben ließen, zeigte mangelnden Eifer für die Sache. Sie nahmen die Gefahr der kulturellen Verunreinigung, die von den Gefangenen ausging, nicht ernst. Ich entschied, alle Frauen und Knaben zu liquidieren. Die Mädchen verteilten wir an unsere Männer; zum Ausgleich für das Verbot, sich mit erwachsenen Frauen einzulassen. Wir gingen davon aus, dass wir die erbeuteten Mädchen in unserem Sinne formen können. Bei der Selektion brachten wir die Gefangenen nach Geschlechtern getrennt in verschiedene Lager. Was für ein Geschrei, als wir Mütter, Mädchen und Knaben voneinander trennten! Abends führten wir die Knaben fort und machten sie außer Hörweite nieder. Es waren etwa 32000 Stück. Die Mädchen blieben zunächst bei den Müttern. Am nächsten Morgen sortierten wir nach Alter, erkennbarer Mutterschaft und durch Befragung nach dem Namen ihrer Männer. Wer einen Namen angab, wurde nach Abschluss der Selektion getötet. Die meisten Mädchen waren völlig verstört. Sie hatten den Tod ihrer Mütter mitangesehen. Sie konnten sich denken, dass auch ihre Brüder nie mehr aus der Wüste kämen. Viele waren so jung, dass sie kaum wussten, wie ihnen geschah. Manche wehrten sich oder liefen weg. Wahrscheinlich sind sie in der Wüste verdurstet. Ein paar brachten sich um. Es wird sicher Vergewaltigungen gegeben haben; nicht zu knapp, zumindest an denen, die schon geschlechtsreif waren. Die Männer kamen aus dem Kampf. Sie waren vom Ekel und der Wollust des Tötens erregt. Nachdem der Massenmord an Brüdern und Müttern als gottgefällig akzeptiert war, konnten wir Vergewaltigung kaum als anstößig empfinden. Waren die Kinder noch zu jung, wurden sie zunächst den Sippen zugeteilt und erst später zu Frauen gemacht. Die Hebräer waren nicht schlimmer als andere Leute auch. Viele versuchten, ihrer Beute nicht weh zu tun und etliche haben sich hinter einer Fassade der Loyalität zum herrschenden Kult bemüht, die Wunden der Mädchen durch Liebe zu heilen. Letztlich hatten diese Kinder es besser als der Rest ihres Volkes. Wenn sie sich fügten, konnten sie ehrbare israelitische Frauen werden. Klar: Die Beimischung midianitischen Blutes stand unserem Ziel einer klaren Grenze zwischen dem "auserwählten" Volk und den anderen entgegen.

5 Moses 23, 3-4:
Kein entarteter Mischling darf der Gemeinde des Herrn angehören; sogar noch im zehnten Geschlecht darf er zur Gemeinde des Herrn nicht gehören. Auch kein Ammoniter und kein Moabiter komme zur Gemeinde des Herrn, auch nicht im zehnten Geschlecht, überhaupt nie dürfen sie in die Gemeinde des Herrn eintreten...

Unmittelbar nach Midian war aber das Gebot der Stunde nicht Treue zum Prinzip. Bedenken Sie: Wir hatten nicht nur Midian - bis auf seine Mädchen - ausgerottet. Wir hatten auch 24000 Hebräer umgebracht; alle, deren Linientreue zu wünschen übrig ließ. Nach all dem ging ein Riss durchs Volk. In der Seele Israels kochten Schmerz und Wut. Abertausend Familien hatten die Opfer unserer Knute zu beklagen: Söhne, Töchter, Schwestern, Brüder, Neffen, Nichten...Hätten wir weiter aufs Prinzip gepocht, hätten wir den Bogen überspannt. Der Hass unserer eigenen Leute hätte uns womöglich aus der Welt gefegt. Für den Verlust, den viele zu beklagen hatten, musste ein Ausgleich her. So machte das Gebot der Stunde die Beutemädchen von Midian zu einer Ausnahme vom ideologischen Prinzip. Genau betrachtet, war die Ausnahme nicht ganz so groß. Um die Logik unserer Rassenlehre zu verstehen, muss man sich klar machen, welche "biologische" Theorie ihr zu Grunde lag. Die Bibel spricht vom heiligen Samen (Esra 9, 2) der Söhne Israels, aber nicht von den heiligen Eierstöcken seiner Töchter. In der biblischen Welt dachte man hauptsächlich in Vätern und Söhnen. Man wusste, dass sich bei der Zeugung männliches und weibliches Erbgut vermischen. Man sah jedoch gerne darüber hinweg und dachte sich die Rolle der Frau analog zu der des Mutterbodens. Egal ob man ein Weizenkorn in ägyptische, babylonische oder kanaanitische Erde legte, es wuchs immer nur Weizen daraus. Ähnlich stellte man es sich mit menschlichem Samen vor. Wenn ein Hebräer mit einer Midianiterin schlief, nahm man an, dass im Schoß der Midianiterin ein Hebräer gedieh.

Auch der israelitische Rassismus war in der Praxis nicht systematisch. Die Theorie vom auserwählten Volk war es im Grundsatz schon. Das belegt die Ausgrenzung entarteter Mischlinge. Rassismus ist aber so wider die Natur, dass selbst Fanatismus ihn nicht nahtlos verwirklicht. Je nach Lage der Dinge war die Ideologie daher zu Kompromissen bereit:

2 Moses 22, 20:
Einen Fremdling sollst du nicht unterdrücken...

5 Moses 10, 19:
Ihr sollt auch den Fremdling lieben; denn Fremdlinge seid ihr im Ägypterland gewesen.

Ezechiel 47, 21-23:
...Fremdlinge, die unter euch wohnen...sollen euch wie Einheimische unter den Söhnen Israels gelten...

Allerdings lässt sich der Begriff "Fremdling" nicht eindeutig zuordnen. Mal meint die Bibel damit Angehörige von Fremdvölkern, mal Hebräer, die bei Hebräern als Fremde leben.

Richter 17, 9:
"Ein Levit bin ich von Bethlehem in Juda. Ich bin auf dem Wege, mich irgendwo als Fremdling niederzulassen."

Eindeutig von hebräischen "Fremdlingen" unterschieden wurden "Fremdstämmige", deren Rechte der Kult keineswegs schützt.

Ezechiel 44, 9:
Darum spricht der...Herr: "Kein Fremdstämmiger von allen Fremdlingen, die inmitten der Söhne Israels wohnen, unbeschnitten an Herz und Leib, darf mein Heiligtum betreten."

3 Moses 25, 44-46:
Sind euch Knechte und Mägde nötig, so kauft von den Heidenvölkern rings um euch Sklaven und Sklavinnen! Auch von den Kindern der Beisassen, die unter euch weilen...mögt ihr kaufen. Ihr könnt sie...auf eure Kinder vererben...zum immerwährenden Eigentum...aber über eure israelitischen Brüder sollt ihr untereinander nicht mit Härte herrschen.

2 Moses 34, 11-16:
...ich vertreibe...die Amoriter, Kanaaniter, Hethiter...Hüte dich, einen Bund mit den Landesbewohnern einzugehen...Ihr sollt ihre Altäre niederreißen, ihre Weihesteine zertrümmern und ihre Kultpfähle umhauen!...Aus ihren Töchtern darfst du für deine Söhne keine Frauen nehmen; denn diese buhlen hinter ihren Göttern her.

5 Moses 7, 1-5:
Der Herr, dein Gott...wird...sieben Völker...vor dir vertreiben. Wenn der Herr...sie dir übergibt...sollst du an ihnen den Bann vollstrecken; du sollst...keine Gnade an ihnen üben! Auch darfst du dich nicht mit ihnen verschwägern...Vielmehr sollt ihr...ihre Altäre abbrechen, ihre Weihesteine zertrümmern, ihre heiligen Pfähle umhauen und ihre Götzenbilder verbrennen!

Für das Machtmonopol des Kultes war die Vermischung des hebräischen mit fremdem Blut nur eine mittelbare Gefahr. Seine eigentliche Sorge galt der Konkurrenz fremder Götter, die den Priestern das Nutzrecht der Religion hätte streitig machen können. Daher drückte der Glaube bei der Vermischung um so eher ein Auge zu, je weniger zu befürchten war, dass die Eingebürgerten das Machtmonopol in Frage stellten. So war es nach der Schlacht bei Midian. Wir gingen davon aus, dass die midianitische Kultur in den erbeuteten Mädchen nie wieder aufersteht...und hatten damit Recht. Mir war klar, dass sich meine Staatsidee nur hält, wenn man alles beseitigt, was der Diktatur der Priesterschaft im Wege stand. Die Verunreinigung des Credos durch unmosaisches Geistesgut sollte sich in der Zukunft denn auch als größte Gefahr für das Machtmonopol erweisen. Mein Ziel war die Ausrottung der Völker Kanaans. Erst wenn man auch die Erinnerung an sie vertilgen könnte, wäre die Inbesitznahme ihres Landes abgeschlossen.

5 Moses 7, 20:
...bis die Übriggebliebenen vernichtet sind und auch die, welche sich vor dir versteckt haben...

5 Moses 25, 19:
Wenn der Herr...dir Ruhe verschafft hat vor all deinen Feinden...so vernichte das Andenken Amaleks; vergiß es nicht!

2 Moses 23, 23-31:
Mein Engel...wird dich bringen zu den...Kanaanitern... ich will sie vertilgen...Meinen Schrecken will ich vor dir hersenden und jedes Volk, zu dem du kommst, zum Verzagen bringen...Ich will die Bewohner des Landes in eure Gewalt geben...

5 Moses 19, 1:
Wenn der Herr...die Völker ausrottet, deren Land der Herr...dir verleiht...und wenn du sie vertrieben...hast...

5 Moses 33, 27:
..der uralte Gott...hat geboten: Vertilge!...Heil, Israel, dir! Wer ist wie du? Ein Volk an Siegen reich durch den Herrn! Er ist...das Schwert, das dich erhöht.

Unsere Diktatur erfasste den Menschen ab Geburt und unterwarf ihn enger Kontrolle. Wir wollten ein hebräisches Herrenvolk, das zu absolutem Gehorsam erzogen war. Nach meinem Tod sollte die Macht auf meine Familie und den Stamm Levi übergehen. Rund um das geplante Reich war ein Gürtel fronpflichtiger Völker vorgesehen. Innerhalb der Landesgrenzen sollten Hebräer als Soldaten, Priester, Geldverleiher und Beamte leben. Die Sklaverei spielte eine wichtige Rolle. Die Sklaven sollten hauptsächlich aus Fremdvölkern rekrutiert werden, teils durch Kauf, teils als Kriegsbeute bei Feldzügen ins Umland. Formell an der Macht war ein König. Faktisch hatte er sich den Priestern zu beugen.

5 Moses 13, 1:
Alles, was ich euch heute befehle, sollt ihr genau befolgen, nichts davon hinzutun und nichts davon wegnehmen!

5 Moses 15, 2-6:
Jeder Gläubiger...soll seinen Nächsten und Bruder nicht drängen... Einen Ausländer magst du drängen, doch von dem, was du von einem Stammesbruder zu fordern hast, sollst du die Hand ablassen. Allerdings wird es unter dir keine Armen geben, da der Herr...dich reichlich segnen wird...Nur mußt du völlig gehorsam sein...und auf die Befolgung dieser Befehle, die ich dir heute erteile, achten...Dann... wirst (du) vielen Völkern ausleihen können...Du wirst über viele Völker herrschen, über dich aber soll keines die Herrschaft ausüben.

5 Moses 20, 10-17:
Rückst du gegen eine Stadt heran...sollst du sie zuerst zu friedlicher Übergabe aufrufen. Wenn sie auf das friedliche Angebot eingeht...soll die ganze Bevölkerung...dir fronpflichtig...sein. Will sie aber mit dir kein friedliches Abkommen treffen...erschlage alle Männer mit dem blanken Schwert. Die Frauen und Kinder jedoch...und alles was sich in der Stadt befindet...sollst du als Beutegut nehmen...und genießen. So sollst du mit Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen, die nicht zu den Städten der hiesigen Völker gehören. Jedoch von den Städten dieser Völker...die der Herr dir zum Eigentum übergibt, sollst du überhaupt kein Wesen am Leben lassen. Mit dem Bann sollst du sie ausrotten...

5 Moses 17, 15-18:
...bestelle über dich nur den als König, den der Herr...auserwählt...Wenn er seinen königlichen Thron bestiegen hat, verfertige er sich eine Abschrift dieses Gesetzes nach dem Buche, das sich bei den levitischen Priestern befindet!

Um es vorwegzunehmen: Wegen der ideologischen Unzuverlässigkeit vieler Hebräer waren wir nicht in der Lage, die Kanaaniter vollständig zu vernichten. Der Priesterstaat auf ewig wurde niemals Wirklichkeit. Der "böse" Geist von Schittim machte sich bald wieder breit, sodass die Ausrottung auf später verschoben wurde und schließlich niemals völlig gelang.

5 Moses 7, 22-23
...der Herr...wird diese Völker nur allmählich...vertreiben; du kannst sie nicht allzu rasch vertilgen, sonst nimmt das Wildtier des Feldes gegen dich überhand...

Als die Endlösung an inneren und äußeren Widerständen scheiterte, brauchte die Propaganda eine Erklärung. Warum kam die Vernichtung schleppender voran, als es mit allmächtigem Beistand hätte gehen müssen? Die Führung gab vor, die Verzögerung sei ein taktisches Manöver Gottes. Er verhindere die Verwilderung der Kulturlandschaft, bis die Israeliten sie vollständig übernähmen. Tatsächlich war es die Inkonsequenz vieler Hebräer, die dem Rest der Kanaaniter das Leben rettete. Die Humanisierung des Kultes zum Judaismus heutiger Zeit ist dem Mangel an Glaubensgehorsam zu verdanken. Tausendfacher Frevel an den Geboten Jahwes hat die Grausamkeit des Anfangs aufgeweicht. Dieser Prozess läuft seit dem Auszug aus Ägypten und ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Als den Leviten damals klar wurde, dass ihre Macht über die Hebräer nicht vollständig war, wünschten sie dem "untreuen" Volk üble Strafen an den Hals. Ihre Ausfälle besprenkeln den biblischen Text wie die Masern das Gesicht eines kranken Kindes.

5 Moses 28, 47-62:
Dafür, daß du dem Herrn...nicht gedient hast...wirst du...verzehren deine Leibesfrucht, das Fleisch deiner Söhne und Töchter...Auch der weichlichste...Mann...wird es...seinen noch übrigen Kindern nicht gönnen, einem von ihnen von dem Fleisch seiner Kinder zu geben, das er verzehrt...Ferner wird der Herr alle möglichen Krankheiten und Plagen, von denen in diesen Gesetzbuch nichts geschrieben steht, über dich kommen lassen, bis du vernichtet bist.

Ezechiel 5, 7-10:
Darum spricht...Herr: "Weil ihr widerspenstiger gewesen seid als die Heidenvölker...will (ich) gegen dich vorgehen...Väter sollen...ihre Kinder verzehren und die Kinder ihre Väter!

Die Priester ahnten, dass ihre Vorstellungskraft beim Erfinden grausamer Strafen der Wut, die sie beherrschte, nicht gewachsen war. Also drohten sie neben Kannibalismus Plagen an, von denen sogar im selbst verfassten Gesetzbuch nichts geschrieben steht. So konnte sich die Phantasie der Eingeschüchterten noch Grässlicheres vorstellen, als den Futterneid gieriger Väter, die ihren Kindern nichts vom Fleisch der geschlachteten Geschwister gönnen.

Das erste Buch Moses hat zwei Funktionen: Es behauptet, der göttliche Auftrag zum Vernichtungskrieg habe schon lange bestanden. Und es macht klar, dass man den Wahrheitsgehalt der Lehre niemals hinterfragen darf. Beides untermauert unseren Anspruch auf Gehorsam. Nicht wir maßten uns etwas an. Nein, unser Anspruch erschien im Licht der Genesis als Erfüllung einer vorbestimmten Rolle; denn wer kann sich zu Recht einer Sache entziehen, die Gott von je her für seine Schöpfung plante? Also führten wir Geschichten zusammen, die sich das Volk am Lagerfeuer erzählte. Allerdings woben wir einen roten Faden hinein: den der angeblichen Offenbarung und die mythologisch verschlüsselte Logik unseres Machtanspruchs. So machten wir den Leuten klar, dass ich dazu berufen war, die Hebräer aus der formlosen Vergangenheit in eine großartige Zukunft zu führen. Je grandioser sich der Vorgang über ganze Zeitalter zu erstrecken schien, desto weniger wagten es, unser Recht auf die Macht zu bezweifeln. Das war die erste Funktion. Die zweite hieß: Noch mehr Vertuschung. Unsere Behauptungen waren unwahr, unsere Ansprüche anmaßend, unser Vorsatz gottlos. Das sollte niemand merken. Also hielten wir das Volk von der Frage ab, ob die Gräueltaten, die es im Namen Jahwes beging, tatsächlich gottgewollt gewesen sind; so wie es die Propaganda unentwegt in die widerspenstigen Köpfe drosch. Dazu stellten wir den Wunsch nach eigener Erkenntnis als das ursprüngliche Verbrechen des Menschen hin; weswegen er zu Recht aus dem Paradies vertrieben wurde und damit die erste von tausend göttlichen Strafen auf sich zog.

1 Moses 3, 5 - 6:
Vielmehr weiß Gott, daß euch, sobald ihr davon eßt, die Augen aufgehen und ihr...Gutes und Böses erkennt...Da sah die Frau, daß der Baum gut sei...um weise zu werden.

Weisheit schadet jeder Tyrannei; da sie die Albernheit der Macht erkennt und die Bereitschaft der Menschen, sich zu unterwerfen, vermindert. Je weiser einer ist, desto weniger taugt er als Knüppel und als Untertan. Also klagten wir den Drang nach Weisheit und Erkenntnis als Werk satanischer Kräfte an. Wir stellten am Beispiel von Adam und Eva dar, womit der Himmel droht, wenn einer erkennt, was seine Augen ihm zeigen. Wenn das Volk in unser Licht sah, sollte es, geblendet von der großen Bestimmung, gut und böse nicht mehr unterscheiden; und zwar in allem, was die Befugnisse der Obrigkeit betraf. Indem sich die Obrigkeit über jede Kritik erhob, bekam sie freie Hand, all das zu tun, was für einen nationalen Siegeszug vonnöten war. Dem entsprechend beschrieben wir Gott. Sein Merkmal war gewiss nicht Weisheit.

1 Moses 3, 22:
Dann sprach er:" Ja, der Mensch ist jetzt wie einer von uns geworden, da er Gutes und Böses erkennt. Nun geht es darum, daß er nicht noch seine Hand ausstrecke, sich am Baum des Lebens vergreife, davon esse und ewig lebe."

Jahwe jagt den Menschen aus dem Paradies. Aus Furcht vor Konkurrenz! Verboten ist, wodurch man Wert erringt: Erkenntnis und Unsterblichkeit. Selbstverständlich ist Jahwes Herrschaft über den Kosmos Sinnbild unserer Politik. Sie spiegelt unser Modell einer hebräischen Gesellschaft wider. Nicht vor Gott, sondern bei uns sollte der Mensch Gutes und Böses nicht erkennen. In unserem Paradies fürs auserwählte Volk wollte die Führung unbeschränkt über Leben und Tod entscheiden. Daher konnte es für die Untertanen heißen: Du sollst nicht töten! Und trotzdem wurde - auf Geheiß von oben - jeder umgebracht, der sich am Sabbat die Freiheit nahm, Holz zu sammeln. Das Machtmotiv ist im biblischen Weltbild so umfassend, dass selbst Jahwes Sonne die Dinge nicht erhellt. Sie beherrscht den Tag.

1 Moses 1, 16:
So machte denn Gott die beiden großen Leuchten: die größere, daß sie den Tag beherrsche, die kleinere, zur Beherrschung der Nacht...

Heute tut selbst mir das in den Ohren weh. Damals haben wir die Kanaaniter als Feinde bezeichnet. Gerecht war das nicht. Die Kanaaniter hatten Israel kein Haar gekrümmt, sodass man sie kaum als "Feinde" bezeichnen kann. Wenn Sie auf ihrem Grundstück leben und plötzlich fällt der Nachbar über Sie her, dann sind Sie doch kein "Feind"! Sie sind Opfer und Beute. Auch damals ging die Feindseligkeit nicht von den Kanaanitern aus. Feindselig war Israel. Natürlich wurde aus dem Opfer dann ein Feind; wenn es den Erstschlag überlebte. Wie viel Feindschaft bei den Völkern Israel durch seinen Glauben erst erzeugt hat, wird von ihm selbst verleugnet. Die Ereignisse von Schittim waren ein Fanal für die Zukunft. Die Welt, in die wir vorstießen, war zivilisiert. Sie gönnte sich rituelle Erotik. Um das Land zu erobern, brauchten wir dagegen Disziplin, eine Disziplin die zweifellos despotisch war. So prallte unser Kasernenton auf den Lockruf einer Kultur, die weibliche Verführungskunst gewähren ließ. Nicht nur das handfest Weibliche, sondern auch die Kultur Kanaans überhaupt, verführte immer wieder Teile der Israeliten dazu, vom linientreuen Denken abzuweichen. Das gab Anlass zu dauerndem Streit, der die israelitische Nation schließlich für immer auseinander riss.

Natürlich hatte die kanaanitische Kultur auch barbarische Züge. Man denke an die Kinderopfer für den Molech:

3 Moses 20, 2:
Jeder...der eines von seinen Kindern dem Molech hinschenkt, soll des Todes sterben;...

Die Kinderopfer, die die Kanaaniter darbrachten, sind aber auch das einzige an ihrem Treiben, was uns bis heute nachhaltig empört. Man braucht das nicht zu verharmlosen. Die kanaanitische Kultur war beileibe nicht in allem verfeinert. Sie war es aber im Vergleich zu dem, was wir aus dem Sinai mitbrachten. Heute gereicht uns die damalige Kritik an den Kinderopfern im übrigen nur zu schwachem Ruhm, denn unser Fluch über Kanaan diente keinesfalls der Rettung seiner Kinder. Wir wollten bloß verhindern, dass Hebräer zur Konkurrenz überliefen. Was uns störte, war nicht der Tod der Kinder. Uns störte, dass ihr Tod der Bestechung eines fremden Götzen diente. Kinder geopfert, um unseren Götzen freundlich zu stimmen, haben wir gewiss hundert mal mehr als unsere Feinde. Hätten die Kanaaniter so viele Kinder geopfert wie wir, wären sie von selbst ausgestorben. Kanaan wäre uns zugefallen, ohne dass Israel den Bann an seinen Kindern hätte vollstrecken müssen. Wir haben nicht nur viele kanaanitische Kinder geopfert, sondern massenhaft. Bei Midian ging es richtig los und mein Nachfolger Josua wurde ein wahrer Meister des Kindertodes. Wenn der eine Stadt erobert hatte, konnten die Kanaaniter für ihre Kinder nur noch beten. Ein Glaube, der für das Opfern eines Kindes die gleiche Strafe vorsieht, wie für das Sammeln von Holz am falschen Tag, bleibt im übrigen den Beweis schuldig, ob er überhaupt in der Lage ist, zwischen dem Wert des Lebens und dem seiner Eitelkeit zu unterscheiden. Natürlich war das Kinderopfer ein Übel der kanaanitischen Kulte. Wissen Sie aber, wann die Zahl der geopferten Kinder drastisch zunahm? Als Israel das Land bedrohte! Geopfert wurden viele Kinder um den Molech zur Hilfe gegen die israelitische Gefahr zu rufen.

Ich setze "opfern" mit "opfern" gleich, obwohl es sich um verschiedene Dinge handelt: Einmal werden Kinder rituell geopfert, das andere Mal sind sie Opfer von Massakern. Die zweite Variante ist scheußlich, die erste scheußlich und makaber. Das Resultat ist in beiden Fällen aber gleich: tote Kinder. Wenn man den Mord aus deren Augen betrachtet, fallen die Motive der Täter kaum ins Gewicht. Ob den Überlebenden die Morde scheußlich oder scheußlich und makaber vorkommen, ist den Toten egal. Oder wäre es für Sie ein Trost, dass man Sie "bloß" umbringt, um Ihr Land zu rauben und nicht etwa aus religiösem Unverstand? Dächten Sie dann: Immer noch besser zu sterben, weil Jahwe mir kein Leben gönnt, als um den Molech zu bestechen? Wohl kaum. Außerdem: Was war das Motiv, das antike Kulte dazu brachte, Menschen zu opfern? Wenn ein Unglück drohte, dachten sie: Etwas hat unseren Gott erzürnt. Wir müssen ihm ein Menschenopfer bringen, damit er von seiner Wut gegen uns ablässt. Und wie heißt es in der Thora?

4 Moses 33, 55-56:
Wenn ihr aber die Landesbewohner...nicht vertreibt, so wird der...übriggelassene Rest zu Dornen in euren Augen...Dann werde ich an euch das tun, was ich ihnen anzutun gedachte.

Apropos religiöser Unverstand: Hundert mal hat die Thora die "Vertreibung" der Kanaaniter als "Ausrottung" bezeichnet. Und warum sollten die Israeliten dabei so gründlich sein, dass weder ein Rest noch ein Andenken übrig bleibt? Damit Gott ihnen nicht antut, was er angeblich den Kanaanitern antun wollte. Also sollten Menschen getötet werden, um die Wut Gottes, von denen abzuwenden, die den Totschlag vollziehen. Ist das nicht die gleiche Logik wie die der Priester Molechs? Schließt hier das Menschenopfer als Massaker im Eroberungskrieg nicht das rituelle Menschenopfer zur Besänftigung eines wütenden Gottes mit ein?

Wir waren bei Schittim und seinen Frauen stehen geblieben. Schittim hatte gezeigt, dass Jahwe nur herrschen kann, wenn der Mann die Frau beherrscht. Jahwe ist ein Wunschbild männlicher Potenz. Aus sicherer Entfernung von der Weiblichkeit des Irdischen, das seine Macht durch Schwerkraft und Verführung fesseln könnte, herrscht er absolut. Weder geht er aus Erde hervor noch bleibt er je an sie gebunden. Wenn er überhaupt etwas mit Erde zu tun hat, dann, weil seine Willkür sie schafft, sie besamt und sie samt ihrer Brut zerstört, wenn sie nicht gehorsam ist.

1 Moses 3, 16:
Zur Frau sprach er: "...er aber (der Mann) soll herrschen über dich."

1 Moses 3, 17:
Zum Manne sprach er: "Du hast auf die Stimme deiner Frau gehört und vom Baum gegessen, von dem zu essen ich dir streng verboten habe; darum soll der Ackerboden verflucht sein um deinetwillen...!"

Im Fruchtbarkeitskult Kanaans hatte die Frau eine aktive Rolle. Ihre Erotik war autonom und spirituell mit einem Glauben verwoben, der das Geheimnis in der Nähe sah. Die Anziehungskraft der midianitischen Frauen berauschte die Israeliten daher nicht nur hormonell, es brachte sie auch spirituell vom Wege unseres Machtkults ab. Nicht erst nach Schittim haben wir den Männern eingeschärft, bloß nicht auf eine Frau zu hören. Nach Schittim galt unsere Warnung aber doppelt. Selbstverständlich hat auch der Mythos von Adam und Eva etwas mit dem Vernichtungsvorsatz gegen Kanaan zu tun. Wir hatten uns das Land eines Volkes als Beute zugesprochen, dessen Religion weiblichen Einfluss zuließ. In der Götterwelt Kanaans hatte Weibliches und Männliches Platz. Sein Fruchtbarkeitskult feierte die Vermählung von Baal und Astarte durch sakrale Prostitution. Durch den sinnlichen Ritus hoffte man, von Astarte fruchtbare Felder und von Baal genügend Regen zu erwirken. Diese Konkurrenz war für den männlichen Jahwekult bedrohlich. Schittim hatte das gezeigt. Dort hatten midianitische Äpfel hebräische Männer zur Erkenntnis gebracht, dass es zum Gehorsam gegenüber Jahwe Alternativen gab. Der mosaische Mythos der Sündhaftigkeit Evas ist Ausdruck genau dieser Gefahr und steht nicht zufällig am Anfang der "Heilsgeschichte". Ein Israelit sollte sich auf keinen Fall von einer weiblichen Gegenstimme Jahwes zur Erkenntnis verführen lassen, dass der Völkermord an Kanaan womöglich gar kein Auftrag Gottes war. Dass es Gott verärgern sollte, wenn der Mensch zwischen "gut" und "böse" unterscheidet, ist religiös betrachtet reiner Blödsinn. Die Absicht Israels, Kanaan zu vernichten, hatte an einer vertieften Erkenntnis dieses Unterschieds aber sicher kein Interesse. Der Mythos von Adam und Eva speist seither Motive eines Völkermords als verschlüsselte Metapher über das Verhältnis der Geschlechter und den Wert der Erkenntnis in die Grundmuster des abendländischen Denkens ein. Israel hat Kanaan besiegt, das Christentum die halbe Welt erobert. Zwar war den Israeliten Sexualität keineswegs verboten, im Vergleich zur Kultur Kanaans war der mosaische Kult jedoch prüde. Alle erlaubte Sexualität unterstand der Familienpolitik. Erotik war im mosaischen Kosmos ein Recht jener Männer, die im Konsens mit dem Credo über die Gemeinschaft herrschten. In Kanaan wurde sie von den Priesterinnen der Astarte an jedermann verteilt. Es ist kein Zufall, dass sich die Säuberung von Schittim ebenso wie der Krieg um Midian daran entzündete, dass kanaanitische Frauen Hebräern die Köpfe verdrehten. Der unterschiedliche Umgang mit Erotik entschied darüber mit, welches Volk in der Schlacht um Kanaan die Oberhand gewann; und wessen Moral den Lauf der Welt bestimmte. Gesiegt hat das aggressivere Volk, denn die Beschränkung der Erotik steigert die Bereitschaft von Männern, in den Krieg zu ziehen. Warum? Weil Aggression von Natur her auch dazu dient, sich das Recht auf Erotik zu erstreiten. Wenn man den Zugang zur Erotik beschneidet und sie ins Korsett eines kollektiven Nutzens zwängt, wird der Impuls frustriert. So entsteht ein Überschuss an Aggressivität, eigentlich von der Natur dazu gedacht, das erstrebte Ziel, einem anderen bis zur Verschmelzung nah zu sein, doch noch zu erreichen; aber auch dazu geeignet, auf kriegerische Ziele umgelenkt zu werden. Die Schlacht um Midian zeigt das in aller Klarheit: Erst wird den Männern Intimität zu midianitischen Frauen verboten. Dann erhalten sie den Marschbefehl. Sie bringen alle Männer, Knaben und entjungferten Frauen Midians um und...erbeuten 32000 Mädchen, die prompt als Ausgleich für den erlittenen Lustverzicht unter den Soldaten verteilt werden. So schließt sich der Kreislauf einer strengen Moral zum vermeintlichen Ruhm Gottes. Es ist das Muster einer psychologischen Dynamik, die es dem biblischen Kult erleichtert hat, fremde Kontinente zu erobern. Wenn man dem Menschen das Glück in der Heimat vergällt, sucht er es in der Ferne. Das Christentum ist prüder als der Judaismus. Es hat bei der Eroberung der Welt auch mehr Erfolg gehabt. Bekenntnisse, die es durch Krieg zu etwas brachten, hatten meist puritanische Züge. Militante Geschlossenheit mit Durchschlagskraft entsteht nur, wenn Menschen echte Intimität versagt bleibt und sie als Ersatz die Verschmelzung mit genau jener ideologischen Macht vollziehen, die ihre Nähe zum anderen verhindert. Die Reglementierung der Erotik gehörte schon zu meiner Zeit zu einem Gesamtkonzept, das die Gleichschaltung ebenso förderte wie eine nach außen gerichtete Militanz. Grundpfeiler des Konzepts war alles, was zwischen Menschen Distanz schafft: insbesondere alle Formen sozialer Hierarchie.

Drei Geschichten aus dem ersten Buch Moses möchte ich eigens besprechen: Die von Noah und seinen Söhnen, die um Abraham und die von der Zerstörung Sodoms. Zunächst zu Noah: Warum wurde Cham verflucht?

1 Moses 9, 18-26:
Die Söhne Noes...waren Sem, Cham und Japhet...von ihnen stammt das ganze Menschengeschlecht ab. Noe... trank von dem Weine, ward berauscht und lag entblößt in seinem Zelte. Cham, der Vater Kanaans, sah die Blöße seines Vaters, und er teilte es seinen beiden Brüdern draußen mit. Sem und Japhet aber nahmen einen Überwurf, ...gingen rückwärts hinein und bedeckten die Blöße ihres Vaters. Ihr Gesicht war rückwärts gerichtet, sodaß sie die Blöße ihres Vaters nicht sahen. Als Noe aus seinem Rausch erwachte, erfuhr er, was sein jüngerer Sohn ihm angetan hatte. Er sprach: "Verflucht sei Kanaan; ein Knecht der Knechte sei er seinen Brüdern!" Ferner sprach er: "Gepriesen sei der Herr, der Gott Sems, und Kanaan sei sein Knecht!..."

Diese Geschichte wird nicht erzählt, weil jemand betrunken im Zelt lag. Es ist eine Metapher. Beide Motive des ersten Mosesbuchs sind zu erkennen. Zum einen brauchten wir eine Rechtfertigung für unseren Völkermord. Wenn die Opfer von je her verflucht waren, brauchte sich Israel um keine Schuld zu kümmern. Nicht Israel hatte sie umgebracht. Es war bloß Werkzeug einer ewigen Gerechtigkeit. Zum anderen ist Chams Schicksal eine Warnung an alle hebräischen Söhne: Überseht die Blöße eurer Väter! Die Nachkommen Sems rufen zu den Vätern stets "Hosianna"; egal wie nackt die Blöße daliegt, die sie sich im Rausch erlaubten. Noch 3000 Jahre später wirkt die Warnung bis in jeden frommen Unterricht. Dort wird Noah als beispielhaft gerechter Mann gehandelt.

1 Moses 6, 9:
Noe war ein gerechter und vollkommener Mann...

Dabei ist die Blöße dieses Mannes doch erschreckend. Erst säuft er sich besinnungslos. Dann bringt er mit entblößtem Glied die Söhne in Verlegenheit. Statt dass er sich für seinen Fehltritt schämt, verflucht er Cham; damit sein Sohn zur Strafe dafür, dass er die Wahrheit nicht vertuscht, in der Knechtschaft derer lebe, die es tun. Die eigentliche Blöße Noahs liegt dabei nicht im schlaffen Glied. Sie besteht in der Erbärmlichkeit mit der er einen Sohn vergeudet, um die eigene Schwäche zu verdecken. Im mosaischen Gesetz taucht das Zelt, dem sich die Söhne Sems nicht mit ihren Blicken nähern dürfen, wieder auf. Es ist das Offenbarungszelt. Wer dort hinschaut und zu erkennen droht, dass die Stätte des Kultes bloß liegt, wird umgebracht. Die Geschichte um Noah und seine Söhne ist für das Verständnis der biblischen Kultur zentral. Ohne dass die Nachkommen Sems und Japhets die Wahrheit leugnen, gäbe es weder ein Juden- noch ein Christentum. Gemeinsam verschweigen sie den Mord an ihrem Bruder Cham.

Abraham war eine Figur aus dem Sagenschatz der Hebräer. Man erzählte sich Geschichten über ihn. Wie er wirklich war, konnte niemand sagen. Wir haben ihn zum Urvater der israelitischen Ansprüche erklärt. Angeblich stammte er aus Ur in Mesopotamien und war nach Haran ausgewandert, wo Gott ihm Kanaan und noch viel mehr versprochen haben soll.

1 Moses 15, 18:
An jenem Tag schloß der Herr mit Abram einen Bund: "Deinen Nachkommen werde ich dieses Land geben, vom Strom Ägyptens bis zum großem Euphratstrome...

Vom Nil bis zum Euphrat: Das war die gesamte uns bekannte Welt. An Abrahams Biographie sind verschiedene Faktoren bemerkenswert. Da ist der Inzest mit seiner Halbschwester Sara:

1 Moses 20, 11-12:
Abraham entgegnete:...Sie (Sara) ist ja auch wirklich meine Schwester, die Tochter meines Vaters, nur nicht meiner Mutter. So ist sie meine Frau geworden.

3 Moses 20, 17:
Nimmt sich ein Mann seine Schwester, die Tochter seines Vaters oder seiner Mutter, und verkehren sie miteinander, so ist das eine Schmach; sie sollen vor den Augen ihrer Volksgenossen weggetilgt werden...

Die Offenbarungsmythologie wählt einen Stammvater, der gegen ein Gesetz verstößt auf dessen Überschreitung die Todesstrafe steht, ohne dass die Tat kritisiert, geschweige denn geahndet wird. Dann stiftet Abraham seine Frau, trotz sechstem Gebot, zum Ehebruch an.

1 Moses 12, 10-19:
Eine Hungersnot brach...aus; daher zog Abram nach Ägypten...Es begab sich...daß Abram zu seiner Frau Saraj sprach: "Ich weiß, daß du eine schön aussehende Frau bist. Wenn dich die Ägypter nun sehen und dabei denken: "Sie ist seine Frau", dann werden sie mich töten und dich am Leben lassen. Gib doch an, daß du meine Schwester seist, damit es mir gut gehe um deinetwillen und ich am Leben bleibe..."...So ward die Frau in den Palast des Pharao gebracht. Dem Abram aber erwies er Gutes um ihretwegen; er bekam Kleinvieh und Großvieh, Esel, Knechte, Mägde, Eselinnen und Kamele. Der Herr aber schlug den Pharao mit schweren Plagen...wegen der Frau des Abram. Der Pharao ließ nun Abram rufen und sprach: "...Warum hast du gesagt sie sei deine Schwester? So nahm ich sie mir zur Frau. Nun hier hast du deine Frau; nimm sie und geh!"

2 Moses 20, 14:
(VI) Du sollst nicht ehebrechen!

Erstaunlich: Der Pharao kennt das Sechste Gebot und glaubt an einen Gott, der die Überschreitung bestraft. Abraham offensichtlich nicht! Es ist auch zweifelhaft, ob Abrahams Tat nur der Rettung seiner Haut dient, wenn man bedenkt, wie reich er sich vom Pharao für dessen Lust an Sara beschenken lässt. Den Zweifel vertieft, dass er es Sara bereits im Ehevertrag zur Bedingung machte, sich wohin immer wir kommen nicht als seine Frau, sondern als seine Schwester zu bezeichnen.

1 Moses 20, 13:
..."Diese Gefälligkeit mußt du mir tun: Wohin immer wir kommen, sage von mir: Er ist mein Bruder!"

Spätestens als er versucht, Sara ins Bett Abimelechs zu schleusen, fragt man sich, ob kein System dahinter steckt. Man fragt sich, ob man den mythologischen Stammvater der Juden und Christen nicht der Zuhälterei verdächtigen muss.

2 Moses 20, 1-2:
Abraham...weilte in Gerar als Fremdling. Abraham sagte von seiner Frau Sara aus, daß sie seine Schwester sei. Abimelech, der König von Gerar ließ sie also holen...

Die Bibel nennt als Abrahams Motiv auch hier die Sorge um sein Leben. Er habe gefürchtet, in Abimelechs Reich mangele es an Gottesfurcht (2 Moses 20, 11). Was aber soll man von Abrahams Gottesfurcht halten, wenn er, wohin immer er kommt, seine Frau den ortsansässigen Potentaten als Gespielin andient? Hat Gott bei der Offenbarung der hebräischen Ansprüche auf Kanaan den Stammvater womöglich im Unklaren gelassen, dass der Glaube die Einhaltung einer konkreten Moral zum Inhalt hat? Ist die göttlich verbriefte Moral relativ? Hängt sie vom Zeitgeist ab? Darf Abraham, was später erst verboten wird?

Wir lesen wiederholt, dass Kinderopfer, zumindest für den Molech, verboten sind. Abraham ist aber bereit, Isaak zu opfern; wofür Gott ihm reichen Segen verspricht.

1 Moses 22, 2-17:
...Gott sprach: "Nimm deinen einzigen Sohn...und bringe ihn...zum Brandopfer dar!"...Dann streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel herab zu...:""...Tue ihm nichts an, denn jetzt erkenne ich, daß du ein gottesfürchtiger Mann bist und selbst deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast."..."weil du dies getan hast...will ich dich segnen mit reichem Segen...

1 Samuel 15, 23:
...Eigensinn ist Sünde wie schuldbarer Götzendienst...

Der Mythos vom blanken Gehorsam war Glaubensdiktatur und Krieg wie auf den Leib geschneidert. Beim Verzicht auf die eigenen Sinne geht Abraham allen Nachkommen als Beispiel voran. Ein Vater, der einen Bezug zum Leben in sich hätte, würde keiner Macht vertrauen, die je von ihm verlangt, sein Kind zu schlachten. Also wäre das Kind auch nicht auf eine Stimme angewiesen, die es vor dem eigenen Vater schützt. Abraham begeht, was der Glaube verurteilt: Inzest und Ehebruch. Er ist zu dem bereit, was offiziell verboten ist: sein Kind zu töten. Warum preist die Bibel einen Mann, der das Recht, das sie selbst verkündet, bricht? Weil auch das ihrer Herrschaft nützt. Natürlich soll der Untertan im Grundsatz die Moral befolgen. Genauso will die Obrigkeit jedoch von ihr entbunden sein. Daher zeichnet sie den Stammvater mit Flecken auf der Weste. Er verschlüsselt die Hierarchie der biblischen Gesellschaft in einer Person. Als Untertan ist er gehorsam. Als Obrigkeit steht er über dem Gesetz.

Es steht geschrieben, dass Gott Isaak als Brandopfer verlangte. Das Wort ist in der Bibel mit "holocaustum" übersetzt. Das heißt: "vollständig verbrannt". Die Moderne hat den Völkermord an den Juden analog dazu als "Holocaust" bezeichnet. Wir hatten früh begriffen, dass unser Kriegsziel nur durch Geschlossenheit zu erreichen war. Dazu galt es, die Jugend auf eine Weltsicht einzuschwören. Lieber war es uns, man bringt sein Kind um, als dass man zulässt, dass es eigene Wege geht (z.B. 5 Moses 21, 18). Deshalb gilt Abrahams Bereitschaft, das eigene Kind zu opfern, als der entscheidende Test auf Tauglichkeit im Dienste Jahwes. Er ist tauglich, weil er dem Kriegsgott selbst seinen einzigen Sohn nicht vorenthalten hat. Zum Holocaust im Dritten Reich führen von da aus grundsätzliche Motive: Erstens der biblische Auftrag an die Väter, das Denken ihrer Söhne zu bestimmen.

Johannes 15, 2:
...mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg...

Zweitens die Verknüpfung des eigenen Heils mit der Vernichtung anderer. Drittens die Maßlosigkeit, die dem Wort "Ganzopfer = Holocaust" entspringt. Die Heilserwartung des Juden- und des Christentums, dass zum eigenen Heil ein Messias zu erhoffen ist, der "alles Böse" beseitigt, hat den Impuls zur "Endlösung der Judenfrage" mit der Wucht einer uralten Vorstellung gespeist. Erst sollte Isaak vollständig verbrannt werden, dann die Kanaaniter vollständig vernichtet, als nächstes alle Frevler, die dem Heilsvolk im Wege standen und zuletzt das ganze Judentum...Kommen wir zu Lot! Was geschah bei Sodom?

1 Moses 19, 1-28:
Die beiden Engel kamen...in sein (Lots) Haus...da umringten Männer der Stadt...das Haus...und sprachen...: "Wo sind denn die Männer, die heute Nacht zu dir gekommen sind? Führe sie heraus zu uns, wir wollen sie erkennen!" Lot...sagte: "Meine Brüder, handelt doch nicht so verwerflich! Seht ich habe zwei Töchter, die noch keinen Mann kennen; ich will sie zu euch herausbringen. Tut mit ihnen, wie es euch gutdünkt; nur diesen Männern tut nichts... Sie aber sprachen: "Hinweg da!"...Sie drangen ungestüm auf Lot ein und waren nahe daran, die Tür aufzubrechen...Dann schlugen sie (die "Engel") die Leute vor dem Tor des Hauses mit Blindheit...Die Männer (=die Engel) sprachen zu Lot: "Hast du noch jemand hier...? Bringe sie fort von diesem Ort! Denn wir wollen diesen Ort vernichten..." Lot...redete zu seinen Schwiegersöhnen, die seine Töchter heiraten sollten: "Auf!, Verlaßt diesen Ort!...Da ließ der Herr auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer...regnen und vernichtete...alle Einwohner und was auf dem Erdboden wuchs. Lots Frau sah hinter sich und erstarrte zur Salzsäule...Rauch stieg aus dem Erdboden wie der Rauch eines Schmelzofens.

Abrahams Sippe wollte Sodom überfallen. Vor dem Angriff schickte er Verbindungsmänner in die Stadt. Sie sollten seinen Neffen Lot zum Verlassen der Stadt und zum Verrat an den Sodomitern bewegen. Die Sache wurde ruchbar. Die Sodomiter verlangten Aufklärung. Wen nahm Lot bei sich auf? Lot war in den Angriffsplan Abrahams eingeweiht. Er unterstützte ihn. Wäre ihm die Geheimhaltung der Identität der "Engel" nicht kriegsentscheidend erschienen, hätte er kaum versucht, das angeblich so lüsterne Sodom durch das Angebot zu bestechen, seine jungfräulichen Töchter an den Mob zu überliefern. Selbst wenn Sodom lüstern war, war es von seiner Lüsternheit aber nicht so geblendet, um nicht zu ahnen, dass es um weitreichende Dinge geht, wenn ein Vater seine Töchter der Vergewaltigung preisgeben will. Nach kurzem Tumult schlugen die Engel die Leute vor dem Tor mit Blindheit. Übersetzt heißt das: Es gelang, das Misstrauen der Sodomiter zu zerstreuen. Mit Blindheit geschlagen wurden damals nicht nur die Sodomiter, die ihre Leichtgläubigkeit mit dem Leben bezahlten. Geblendet wurden ebenso hundert Generationen naiver Bibelleser. Wenn die Verbindungsleute Abrahams Überirdische gewesen sind, fähig, nicht nur durch geschickte Rede zu verwirren, sondern Augen faktisch mit Blindheit zu schlagen, warum taten sie es dann nicht auf Anhieb? Warum sollte die Auslieferung der Töchter an den geilen Mob in Kauf genommen werden? Wieso war Geheimhaltung überhaupt nötig? Bei einem allmächtigen Gott, wie die Bibel ihn vorstellt. Schleicht sich eine Allmacht an, um die Abwehr ihrer Opfer auszutricksen? Selbst die Bibel vertuscht die Wahrheit hier nicht konsequent: Die "Engel" aus Vers 1 sind in Vers 10 bereits "Männer".

Dass sich Lots Frau beim Blick auf die brennende Stadt in eine Salzsäule verwandelte, ist eine neue Warnung an alle: Nicht hinsehen! Nicht wahrnehmen, was wirklich vorgeht, wenn unter dem Deckmantel angeblicher Religiosität gemordet wird. Lots Inzest mit seinen Töchtern, der im Anschluss an die Erstarrung seiner Frau stattfand, lehrt die selbe Regel.

1 Moses 19, 30-37:
Lot...ließ sich mit seinen beiden Töchtern im Gebirge nieder...Da sprach die Ältere zu der Jüngeren: "Unser Vater ist alt, ein Mann ist nicht da, der mit uns verkehren könnte, wie es in aller Welt Brauch ist. Komm, wir wollen unseren Vater mit Wein berauschen und uns dann zu ihm legen, damit wir von ihm Nachkommen erhalten!"...Daraufhin legte sich die Ältere zu ihm; er aber spürte nichts, weder wie sie sich hinlegte, noch wie sie aufstand...Die Jüngere erhob sich und legte sich zu ihm; er aber spürte nichts...So empfingen beide Töchter Lots von ihrem Vater...Die Ältere gebar...Moab...die Jüngere gebar...Ben-Ammi...

Wir könnten Lot einen Filmriss zugestehen. Warum erfahren wir aber nichts darüber, wie der "ahnungslose" Vater Rechenschaft von seinen Töchtern fordert, als deren Bäuche immer dicker werden? Obwohl kein Mann da ist, der sie hätte schwängern können. Außer ihm selbst! Der Lehrstoff heißt auch hier: Zeige niemals mit dem Finger auf die Taten der Väter. Schiebe alle Schuld und alle Schande anderen zu! Denn:

5 Moses 23, 1:
Niemand darf...die Bettdecke seines Vaters aufdecken.

...egal, was darunter zu sehen ist.

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