Cham
Weder Jude, Christ noch Moslem

Plädoyers

Am Folgetag tragen Anklage und Verteidigung ihre Abschlussplädoyers vor.

Anklage:

Hitler hat eine Diktatur errichtet. Er hat Völkermord begangen und Europa mit Krieg überzogen. Er hat unendliches Leid über Menschen gebracht. Dafür ist er ohne Abstrich zu verurteilen.

Die Verteidigung versucht, Hitlers Verbrechen gegen Taten aufzurechnen, die vor mehr als 3000 Jahren begangen wurden. Dass sie dabei ausgerechnet die israelitische Geschichte herausgreift, zeugt von einem beispiellosen Zynismus. Das ist keinesfalls zu akzeptieren, da die Juden die exemplarischen Opfer des Nationalsozialismus gewesen sind.

Selbst wenn die Heilsgeschichte tatsächlich mit Völkermord beginnt, darf man das Rechtsempfinden im Europa des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mit dem eines Beduinenvolks vor 3200 Jahren vergleichen. Auch die Zustände im davidisch-salomonischen Reich und das moralische Empfinden eines Nehemia interessieren bestenfalls ein Geschichtskolleg. Bei der Bewertung Hitlers lenkt derlei bloß ab.

Zugegeben: Es ist fragwürdig, dass der Glaube die Schuld an den Morden Moses' Gott zuschreibt. Es ist aber noch fragwürdiger, wenn die Verteidigung die Schuld Hitlers nun ihrerseits Adam und Eva anhängt. Völlig unannehmbar ist, dass sie dabei die religiösen Gefühle zweier Glaubensgemeinschaften aufs Gröbste verletzt.

Der Versuch, Hitler als Opfer historischer Verkettungen, kultureller Zustände und des sozialen Umfelds darzustellen sowie aus ihm einen psychisch Kranken zu machen, der nicht anders konnte, als zu tun, was er tat, dient nicht dem Recht. Er relativiert vielmehr sämtliches Rechtsempfinden. Verfährt man so, ist niemand mehr für das verantwortlich, was er tut. Man schafft der Willkür freie Bahn.

Selbst wenn Hitler seelisch krank gewesen ist, mindert das seine Schuld in keiner Weise. Die Energie, mit der er sich bis an die Spitze eines Staates kämpfte und die Tatsache, dass die halbe Welt ihre Kraft vereinen musste, um ihn aufzuhalten, beweist, wie klar er denken konnte. Mit einem derart klaren Verstand war er in der Lage, das Unrecht seiner Taten einzusehen.

Überflüssig ist auch die Mühe, mit der die Verteidigung belegt, dass man den christlichen Glauben nicht aus dem Alten Testament ableiten kann. Wenn Paulus fünf öfters mal gerade sein ließ, so ist das ein lässlicher Fehler. Schließlich hat er im Gegensatz zu Hitler nicht bloß Mord und Totschlag propagiert, sondern Liebe und Barmherzigkeit. Das gilt, obwohl er persönlich in Sachen christlicher Tugend gewiss weniger Lorbeeren errungen hat, als er selbst meinte. Und es gilt, obwohl dem Glauben die Barmherzigkeit, die er auf seine Fahnen schrieb, nur allzu oft misslang.

Wir sehen im übrigen keinen Sinn darin, auf die abwegige Beweisführung der Verteidigung näher einzugehen. Unsere Beweismittel sind so erdrückend, dass es die Unverrückbarkeit unserer Position bloß untergrübe, wenn wir uns näher mit den Argumenten der Verteidigung befassten. Wir beantragen daher, Hitler und seinen Helfershelfern die alleinige historische Verantwortung für die Gräueltaten des Nationalsozialismus zuzuschreiben.

Verteidigung:

Die Verbrechen Hitlers sind bewiesen und zu Recht verurteilt. Seine Schuld ist gewaltig. Sie stellt fast alles in den Schatten, was je ein Einzelner zu verantworten hat. Man muss ihn als einen der größten Verbrecher verurteilen.

Während die Anklage aber meint, seine Schuld sei zu eindeutig, als dass sich die Frage nach einer Mitschuld anderer stellt, beweisen wir das Gegenteil. Mit den "anderen" sind nicht seine Mittäter gemeint. Deren Schuld steht außer Zweifel. Mit den "anderen" sind Menschen gemeint, die nur durch die Verkettung geschichtlicher Prozesse mit Hitler in Verbindung stehen.

Die Anklage wirft uns vor, wir rechneten Hitlers Verbrechen mit anderen auf. Das tun wir nicht. Der Völkermord an den Kanaanitern hat mit dem an den Juden mehr zu tun, als dass hier wie da gemordet wurde. Er steht vielmehr am Anfang einer Ereigniskette, die bis in jenes Umfeld reicht, das Hitler prägte...und aus dem heraus die Bahnstrecke nach Auschwitz führt. Mehr noch: Dass diese Ereigniskette durch die Geschichte zieht, liegt am Machtanspruch derer, die den Völkermord an Kanaan verübten und derer, die sich unbelehrbar auf die Täter von damals beriefen. Der Zusammenhang ist daher kausal. Es war die ausdrückliche Absicht Moses' und seiner geistigen Erben, sowohl die eigene Zeit, als auch jede Zukunft umfassend zu bestimmen. Genau dieser Anspruch hat sich durch die Struktur des Glaubens in die Zukunft fortgepflanzt. Sein Einfluss ist bei der Beschreibung der Umstände, die ins Dritte Reich entgleisten, nicht wegzudenken.

Hätte Moses ein Gottesbild verkündet, das neben sich andere duldet, wäre er für Auschwitz kaum mehr verantwortlich als Konfuzius oder Buddha. Da er sich aber gewaltsam das Recht nahm, das Leben seines Volkes, und mit ihm das Schicksal der Welt, bis in alle Zukunft zu bestimmen, trägt er Schuld; denn wer sich Macht nimmt, macht sich auch an jenen Folgen seiner Machtergreifung schuldig, die er nicht geplant hat. Und je mehr ein Machtanspruch verwirklicht wird, desto größer ist die Schuld an dem, was kommt.

Der Rückgriff auf die israelitische Geschichte ist daher kein Zynismus. Er ist notwendig, wenn man das Unheil des Nationalsozialismus tiefgreifender verstehen will, als es aus dem alleinigen Blickwinkel seiner Opfer möglich ist. Er ist notwendig, weil der christliche Glaube aus der judaistischen Mythologie heraus von Juden entworfen wurde. Er ist notwendig, weil es den Nationalsozialismus ohne die Vorgabe biblischer Bilder nicht gegeben hätte.

Es stimmt: Wir holen Argumente von weit her. Wir ziehen das Rechtsempfinden antiker Beduinen heran, um Ereignisse der Neuzeit damit zu vergleichen. Jedoch aus gutem Grund: Weil die Ideologien, die Europa bestimmten, genau dieses Rechtsempfinden bis über Hitler hinaus bestätigen und...Hitlers Rechtsgefühl dem erstaunlich glich.

Beim Versuch, den Nationalsozialismus als historisches Resultat zu verstehen, wäre tatsächlich belanglos, was die Beduinen damals dachten, würde die Leitmoral der Neuzeit als Erbin ihrer Werte nicht heute noch das Rechtsgefühl von anno dazumal für gottgefällig halten. Mit Hitlers Rechtsgefühl wird nicht bloß verglichen, was Moses dachte. Verglichen wird die Botschaft, die dessen Glaube heute noch verbreitet. Und was sagt der mosaische Glaube? Er sagt, dass Völkermord gerecht sein kann.

Die biblischen Bekenntnisse haben der Gewalt Moses' niemals abgeschworen. Auch Jesu vermeintliche Friedfertigkeit endet, sobald er mit der Macht zum Gemetzel wiederkehrt. Derweil haben seine Stellvertreter beliebig Gewalt verübt.

Mit wie viel Macht der Glaube Menschen blendet, sieht man am Argument der Anklage. Sie meint, dass dem Glauben die Barmherzigkeit, die er auf seine Fahnen schrieb, misslang. Schön gefärbt! Dem Glauben ist die Barmherzigkeit nicht bloß misslungen. Millionenfach hat er vorsätzlich gemordet. Es geht daher nicht um die Frage, was auf der Fahne steht. Es geht um die Frage, in welchem Holz die Fahnenstange wurzelt und ob einer Wurzel verleugneter Schuld tatsächlich Tugend entspringt. Genauso falsch ist die Meinung der Anklage, was die "Verletzung religiöser Gefühle" betrifft. Bei der Suche nach Gerechtigkeit wird zu klären sein, was schwerer wiegt: "religiöse Gefühle" zu verletzen oder Totschlag hinter dem Deckmantel einer Predigt der Barmherzigkeit zu rechtfertigen. Es entbehrt jeder vertretbaren Moral, dass man in Anbetracht eines auf Erden erschlagenen Volkes nicht nüchtern nach Tätern und irdischen Motiven fragt, sondern sich mit der Behauptung begnügt, der Täter sitze im Himmel und fröne per Totschlag dem Heil der Welt. Ein religiöses Gefühl, das zu verletzen ist, ist im übrigen lasterhaft; weil es den Mangel an Treue bereits in sich trägt. Von außen verletzt wird nicht die Treue zu Gott. Treue steht aus eigener Kraft. Verletzt wird bloß die Eitelkeit, die von der Meinung anderer abhängig ist.

Ereignisketten gibt es viele. Sie vermischen, verweben und kreuzen sich. Hundert führen von Ramses, hundert von Sokrates und hundert von Moses zu Hitler. Tausend andere führen von jeder Person der Antike zu jedem Ereignis der Gegenwart. Keine Gegenwart kann alleine auf ein Ereignis der Geschichte zurückgeführt werden. Die Bedeutung einzelner Ereignisse für spätere Entwicklungen ist jedoch verschieden. Dass Napoleon bei Waterloo verlor, war folgenreicher als der Schluckauf, an dem ein Bauer in Szechuan zur gleichen Zeit gelitten hat. Ein Ereignis ragt an Tragweite für die Entwicklung Europas über andere hinaus: die "Offenbarung Gottes", die Moses erfahren haben will. Verstand und Redlichkeit erkennen die "Offenbarung" als Fiktion. Sie hat nie stattgefunden. Was tatsächlich stattfand, war die Ermordung ganzer Völker. Das wesentliche Ereignis ist aber weder die "Offenbarung" noch der Völkermord des mosaischen Regimes. Blutbäder gab es auch anderswo. Gemordet wurde auch von Israels Feinden. Trotzdem kommt diesen Morden nicht die gleiche Bedeutung zu wie den Massakern in Kanaan.

Das ist so, weil der Völkermord in Kanaan aus der Vielzahl der Gemetzel der Antike kategorisch herausragt. Er ragt heraus, weil er als Endlösung geplant war, nicht nur in Kauf genommen bis der Widerstand eines rivalisierenden Volkes brach, sondern mit dem erklärten Ziel, das besiegte Volk vollständig auszulöschen. Es ist so, weil Israel diese Endlösung durch ein geschlossenes Denksystem rechtfertigt hat. Es ist so, weil Israel das Denksystem, in das es seinen Kriegsplan wob, als religiöses Bekenntnis formulierte und es diesem Bekenntnis aus seiner Logik heraus gelungen ist, Macht über einen erheblichen Teil der Menschheit zu gewinnen. Dabei haben sich Israel und das Christentum dazu verurteilt, den exemplarischen Völkermord der Antike als göttlichen Auftrag zu verherrlichen.

Das eigentliche Ereignis ist daher die Verflechtung von Heilserwartung und Vernichtungsabsicht zur theologischen Grundlage ganzer Kontinente. Von dort aus startet die besondere Ereigniskette, die den Völkermord an den Juden im Dritten Reich mehr als alle anderen mit einer speziellen geschichtlichen Tatsache verbindet.

Die Mitverantwortung des Judaismus für diese Ereigniskette setzt sich darin fort, dass seine Parteigänger alles verleugneten, was die Hinfälligkeit der mosaischen Verheißung beweist. Dazu gehört die Fadenscheinigkeit der mythologischen Umstände beim Auszug aus Ägypten. Dazu gehören die Ereignisse auf dem Sinai, die nur den Schluss zulassen, dass ein Eingreifen Gottes fehlte. Dazu gehört das Bild vom Absoluten als eines Parteigängers irdischer Belange. Dazu gehört, dass weder das gelobte Land dauerhaft in Besitz genommen werden konnte, noch dass die versprochene Glückseligkeit jemals eintraf.

Nach Babylon hat Nehemia das Judentum als Sekte neu begründet. Um die Disziplin auf Dauer zu bewahren, reichte es nicht, die Schuld am Scheitern auf sogenannte "Frevler" abzuwälzen. Die Sektenführung brauchte ein neues Versprechen, das sie schließlich verkünden ließ: dass ein neuer König aus dem Hause David kommt, der Israel endgültig zur Herrschaft erhebt. Der kommende Messias wird sämtliche Gegner in einem Sturm der Gewalt vernichten.

Jesus von Nazareth war Judaist. Der Erfolg des römischen Imperialismus stellte die jüdische Hoffnung in Frage. Viele sehnten die Ankunft des Retters herbei. Jesus stellte sich bedingungslos den Zielen des Glaubens zur Verfügung. So nahm er im Eifer für die Sache an, er selbst sei jener Messias, den die Texte versprachen.

Gott tut jedoch nicht, was selbsternannte Götterboten wünschen. Auch der blanke Eifer eines großen Mannes, der sein ganzes Leben dafür einsetzt, macht ihn nicht zum Hebel irdischer Parteien. Jesu Glaube ging daher in die Irre. Seine Anhänger hatten bis zuletzt geglaubt, dass ihre Nähe zum vermeintlichen Messias sie aus der Alltäglichkeit des Daseins in eine ungeheure Höhe reißt. Als die Hoffnung trog, kam das Gerücht auf, Jesus sei auferstanden und in den Himmel gefahren. Ein Teil der Anhänger ließ sich von einer neuen Verheißung verführen. Sie verhieß, dass Jesus in Kürze wiederkehrt, um die wahrhaft Getreuen zum ersehnten Triumph zu führen. Dabei würde der andersdenkende Rest der Menschheit samt den Abtrünnigen der eigenen Partei in einer Orgie der Gewalt untergehen.

Auch mit der neuen Verheißung traf die messianische Sekte innerhalb des Judentums auf wenig Widerhall. Schließlich siegten jene Kräfte, die unter Führung Paulus' die Zukunft des Glaubens in der Ausbreitung ins Umfeld sahen. Jesus hatte den Endsieg angekündigt. Er hatte gefordert, dass bis dahin kein Jota vom Gesetz zu ändern ist. Als sich seine Prophezeiung als falsch erwies, bezweifelten die Modernisierer den Sinn des Gesetzes. Alles, was der Heidenmission im Wege stand, fiel der neuen Strategie zum Opfer. Trotz des Verzichts auf alte Zöpfe empfand sich die neue Variante als eigentliche Fortsetzung der Tradition. Den orthodoxen Juden sprach sie das Judentum zur Strafe für die Gesetzestreue sogar ab. Da man die Heiden zum Beitritt umwerben musste und die fremdenfeindliche Aggression des Jahwekults zu verleugnen war, betonte man die eigene Friedfertigkeit. Als sich die Orthodoxen gegen Rom erhoben, erklärten die Messianer "Friedfertigkeit" sogar zu ihrem Markenzeichen. Sie betonten ihre Treue zur römischen Staatsgewalt. Und erst als das zu betonen war, entschied man sich für den neuen Namen. Man nannte sich nicht mehr "jüdisch", sondern "christlich". Man diente keinem Herrn der Heerscharen mehr, sondern dessen Botschafter der vermeintlichen Feindesliebe. Man gab den orthodoxen Juden ihr jüngst noch als Ehrentitel beschlagnahmtes "Judentum" zum Kainsmal der Arglist gewandelt zurück. So gelang es der neuen Sekte, sich von der aufsässigen Orthodoxie zu unterscheiden und sie konnte sich, von Zeiten der Verfolgung durch boshafte Kaiser abgesehen, im römischen Reich solange ausbreiten, bis sie von innen heraus die Macht übernahm.

Trotz aller Betonung der Unterschiede hat das Christentum die mosaische Verknüpfung des eigenen Heils mit der Vernichtung Andersdenkender beibehalten. Genau das beschreibt die Offenbarung des Johannes. So stimmt es zwar, dass Millionen das Gebot der Nächstenliebe, das den Totschlag am anderen mitdenkt, treuherzig zum Guten hin gedeutet haben, die innere Logik eines Credos, das eigene Schuld prinzipiell verleugnet, hat jedoch die Völker beherrscht. Einfalt kommt nur selten an die Macht. Je mehr etwas aber verleugnet wird, desto mehr bestimmt es den Lauf der Dinge.

Das Neue Testament führt den Leser in die Irre. Es rechtfertigt seine Lehre mit gefälschten Argumenten. Die Anklage bezeichnet es als bedeutungslos, entsprechende Textfälschungen aufzudecken. Die Anklage irrt. Sie irrt, weil die Fälschungsaktivität an einer Stelle ansetzt, wo sie wesentliche Weichen in jener Kaskade historischer Ereignisse stellt, in deren Folge der Weg ins Dritte Reich führt. Die Analyse der Textfälschungen weist nach, dass die christliche Argumentation unhaltbar ist. Dass der Nachweis an Hand der Bibel erfolgt, beweist zur gleichen Zeit, dass die Unhaltbarkeit der christlichen Position immer schon erkennbar war. Das ist von großer Bedeutung. Warum? Weil der Glaube mit seinem Betrugsdelikt den Dreh- und Angelpunkt aller Moral mit Falschheit besetzte. Was ist der Dreh- und Angelpunkt aller Moral? Es ist das Verhältnis des Denkens zur Wahrheit und damit das Verhältnis des Menschen zu Gott. Ein Denken, das sich um die kleine Wahrheit nicht kümmert, weil es meint, die große zu verwalten, geht moralisch in die Irre.

Der Glaube hat Europa zur Heuchelei erzogen. Das Verwerfliche an der biblischen Lehre ist daher nicht, dass sie gegen wissenschaftliche Erkenntnisse verstößt. Das Verwerfliche ist, dass sie als Zeugnis ihrer Sünde wider die Wahrheit Vorbild dafür ist, wie man sich durch Gewalt und Lüge Macht verschafft. Der Christianismus hat als Erbe des Judaismus moralische Verfehlungen zur gottgefälligen Ruhmestat verklärt. Das hat zu einer Verformung der Kultur geführt, ähnlich wie die Verleugnung biographischer Wahrheiten Störungen der psychischen Gesundheit einzelner Menschen verursacht. Analog zur mangelnden Selbsterkenntnis des kranken Menschen erkennt auch die kranke Kultur den Zusammenhang zwischen Pathologie und verleugneter Wahrheit nicht. Die eigene Pathologie ist ihr nicht als krankhaft bewusst.

Das Neue Testament hat die Logik missachtet: Zum ersten, indem es den Wert der Vernunft im Vergleich zum Glauben verneint. Zum zweiten, indem es sich einer vergewaltigten Logik bedient, um die Glaubensinhalte durch vorgetäuschte Akte der Vernunft zu belegen. Es mag sein, dass man Gott nicht durch den Verstand allein versteht, gegen den Verstand geht es jedoch gewiss nicht besser. Das antirationale Argument der Lehre, dass man Wahrheit erkennt, indem man auf überprüfbare Logik verzichtet, entlarvt sich von selbst. Wären die Verkünder der Lehre dem Glauben, den sie predigten, selbst gefolgt, hätten sie auf eine Herleitung ihrer Thesen aus dem Alten Testament verzichtet. Es versteht sich von selbst: Wer argumentiert, glaubt, dass seine Argumente nachvollziehbar sind. Für nachvollziehbar hält man Argumente aber nur, wenn man voraussetzt, dass die Denkmuster dessen, der überzeugen will und dessen, der zu überzeugen ist, durch Mittel des Verstandes übertragbar sind. Übertragbar sind die Muster aber nur, wenn logische Regeln gelten. Wenn die Autoren der Bibel also meinen, dass man ihren Glauben durch Akte des Verstandes beweisen kann, können sie nicht glauben, dass der selbe Glaube über den Verstand erhaben ist; es sei denn, nicht nur ihre Argumente waren falsch, sondern ihr Argumentieren Selbstbetrug.

Die Glaubwürdigkeit moralischer Regeln hat der Unvernunft niemals bedurft. Weder Liebe, noch Brüderlichkeit, noch die Nachsicht mit Feinden sind vernunftwidrige Ideen, zu deren Ruhm der Verstand einer missratenen Schöpfung erst gegen den Strich gebürstet werden müsste. Der Anspruch der Bibel, exklusiv die Wahrheit zu verkünden und der Unsinn, der diesen Anspruch glaubhaft machen soll, hat die verkündete Moral jedoch entkräftet. Über Jahrhunderte hat der Glaube Unvernunft in der Vorstellung der Völker aufgewertet. Die Lehre hat ein Heer Gehorsamer dazu erzogen, Denkinhalten zu folgen, die der Vernunft widersprachen. Das hat die Bereitschaft gebahnt, auch solchen Unsinn zu glauben, der nicht unmittelbar vom Klerus verbreitet wird.

Jedes Gottesbild ist bloß Konzept. Man formt es, je nachdem, was man bezwecken will. Also gilt es, zum Ursprung des Bildes zu gehen, um zu erkennen, welche Folgen es hat. Das christliche Weltbild transportiert Vorstellungen, die mit seelischer Gesundheit unvereinbar sind. Ebenso wenig kann es einer humanen Gesellschaft als Zielpunkt dienen. Die Vorstellung einer Ordnung, in der "Gerechte" glückselig zusehen wie ihre "missratenen" Kinder, Freunde und Eltern gequält werden, eines Jenseits, aus dem wie aus dem Schlot eines Krematoriums Rauch aufsteigt, kann man als krankhaft bezeichnen. Der Rauch über Auschwitz roch so wie der Rauch über den Scheiterhaufen der Christenheit und über den niedergebrannten Städten Kanaans. Nicht anders wird es riechen, wenn im Himmel der Chor der Glückseligen beim Anblick ihrer brennenden Brüder ruft:

Offenbarung 19, 3:
"Alleluja! Ihr Rauch steigt auf in alle Ewigkeit."

Kindesmisshandlung galt im 19. Jahrhundert als selbstverständlich. Sie war jedoch nicht deshalb eine Seuche, weil es einer barmherzigen Religion misslungen wäre, die Menschheit zu läutern. Sie war eine Seuche, weil das Christentum Gewalt gepredigt hat. Die Bibel macht Aussagen über den Umgang mit Kindern. Den Grundsatz formuliert die Thora. Dort werden Eltern aufgefordert, ihre Kinder umzubringen, falls die sie zum Abfall von Jahwe verführen. Da jedes Kind per se zum Abfall von einem Gott verführt, der Kindermord befiehlt, ruft jeder Bibelglaube dazu auf, dem eigenen Kind zu schaden. Das biblische Konzept aller Erziehung ist aus diesem Geist entstanden. Schwere körperliche Kindesmisshandlung, die immer auch in Tateinheit mit seelischer Misshandlung steht, galt nach Aussage jener Tradition, die Adolf Hitlers Umfeld prägte, als gottgefällig. Wirksame Autoritäten, die dem hätten entgegentreten können, gab es nicht. Der Glaube hatte das Erste Gebot vollstreckt und alles zum Schweigen gebracht, was ihm widersprach.

Die Anklage behauptet, Hitlers Erfolg beim Griff nach Macht belege, dass er in der Lage war, das Unrecht seiner Taten einzusehen. Wieso? Muss ein einzelner Psychopath etwas können, was einer ganzen Kultur misslingt? Auch die jüdisch-christliche Kultur hat Macht und schafft es trotzdem nicht, das Unrecht jener Morde einzusehen, die ihre Existenz begründen. Hitlers Effektivität bei der Machtergreifung beweist weder psychische Gesundheit noch vollständige Schuldfähigkeit. Sie war Ausdruck seiner seelischer Verkrüppelung. Hitler beschloss nicht, aggressiv zu sein. Er war von Wut besessen. Das hat ihn für Recht und Unrecht blind gemacht. Und wenn er doch etwas vom seinem Unrecht sah, dann lehrte ihn die Weltgeschichte: Saul hat seine Tausend erschlagen, David aber seine Zehntausend. Der Glaube erschlug Millionen. Hitler auch. Wann ruft man zu Recht "Hosianna"?

Maßgeblich verursacht wurde Hitlers Abartigkeit durch familiäre Strukturen. Er wuchs in einer Atmosphäre auf, in der die Grundmuster des biblischen Weltbilds beispielhaft zerstörerisch ineinander wirkten. Zu erkennen ist das alttestamentarische Rollenverständnis des Vaters und die grenzenlose Fügsamkeit der Mutter. Es geht aber nicht nur um die Schuldfähigkeit Hitlers. Es geht auch um die Frage, wie eine Welt entstand, die einem Hitler folgte. Gewiss: Auschwitz hätte es ohne ihn nicht gegeben. Andererseits hätte es ohne politische und psychologische Vorgaben auch "Hitler" nicht gegeben; jedenfalls nicht den, den die Geschichte kennt. Bedingung für seinen Aufstieg und das Muster der Wahnideen, die ihn vorwärtstrieben, war, dass er ähnliche Denkmuster mit Millionen teilte. Diese Denkmuster wurden durch Mythen gebahnt, die das Weltbild ganzer Völker gleichgeschaltet hatten.

Alle wesentlichen Muster der nationalsozialistischen Ideologie finden ihre Entsprechung im biblischen Mythos vom auserwählten Volk, das im göttlichen Auftrag Land erobert und fremde Völker zur Strafe für deren Unwert vernichtet. Das Christentum hat in gemeinsamer Verantwortung mit seinem judaistischen Ursprung die Voraussetzung dafür geschaffen, dass Hitlers paranoide Ideenwelt in den Köpfen seiner Zeitgenossen einen Resonanzboden fand, dessen tiefste Ebene in den Synagogen lag. Als sich der Antisemitismus vor den Synagogen aus seinem Affektgewirr die Rechtfertigung für Kristallnacht und Krematorium zusammenbraute, las man drinnen brav die Thora. Dort steht, dass fremde Kultstätten zu vernichten sind. Dort steht, dass das auserwählte Volk fremdes Land erobern soll. Dort steht, dass Gott als Preis für den Sieg den Mord an ganzen Völkern fordert. Im Wahn des Dritten Reichs hieß das Heilsvolk "Deutschland".

Hitlers Kindheit und die seiner Anhänger war nicht nur in eine Kultur gebettet, die dem mosaischen Gottesbild entsprach. Auch die Politik der Staaten Europas spiegelte den Mythos wider. Seit man Schiffe und Kanonen baute, gab es keinen christlichen Staat von Macht, der sich nicht wie einst Israel dazu berufen fühlte, bei der Eroberung fremder Länder beiläufig "gottlose" Kulturen zu vernichten. Kolonialismus, Imperialismus, Nationalismus und biblische Mission bildeten eine abendländische Einheit politischer Motive. Sie sind als Wiederholungen der Eroberung Kanaans zu erkennen. Dabei fasste das biblische Credo die Vernichtung außerbiblischer Kulturen, die Sklavenwirtschaft, den Nationalismus, die feudale Befehlshierarchie und die Gewalttätigkeit davon bestimmter Familienstrukturen zu einem kulturellen Komplex zusammen. Parallel dazu hat die Verknüpfung von Macht und Gottesrecht die Moral in den Augen von Millionen so entwertet, dass sie hinter der Maske geheuchelter Loyalität in der Moral bloß einen verlogenen Kasper erkannten, vor dessen maskierter Brutalität man solange kuschte, bis einer kam, der noch brutaler war und der den tausend Jahre alten Untertanengeist vor lauter Rachsucht an die Hebel der Macht versetzte.

Das Verwerfliche am Rassismus ist nicht, dass er biologische Unterschiede unterstellt. Verwerflich ist, dass er Unterschiede zur Entwertung missbraucht. Die Wahl der angeblich bedeutsamen Merkmale ist zweitrangig. Ausdrücklich biologische Unterschiede kennt der Judaismus nicht, da zur Zeit seiner Entstehung der biologische Rassebegriff unbekannt war. Der Begriff vom "auserwählten Volk" steht jedoch so auffällig im Zusammenhang mit einem kanaanitischen Volk, das als vernichtenswert gilt, dass der Judaismus als quasi-rassistisch angesehen werden muss. Das Wesentliche des Rassismus trifft auf den Judaismus zu: die willkürliche Abstufung des Wertes verschiedener Gemeinschaften mit der Absicht, die "wertlose" zu vernichten. Das theologische Argument, das der Judaismus zur Rechtfertigung des Völkermords an Kanaan missbraucht - dass die Nachkommen Chams von Gott zur Vernichtung vorgesehen waren - ist ebenso unstatthaft, wie die Verunglimpfung bestimmter Rassen durch die Behauptung einer angeblich biologischen Minderwertigkeit.

Die Beurteilung von Völkermord kann keine Mode des Zeitgeistes sein, so dass man den einen Mord verdammt und über den anderen noch in tausend Jahren "Hosianna" ruft. Überhaupt: Die Berufung auf Gott reicht niemals aus, um Völkermord zu billigen. Im Gegenteil: Wer sich auf Gott beruft, um eigene Morde zu rechtfertigen, trägt entscheidend dazu bei, das moralische Empfinden jener Kultur zu zerrütten, die er durch seinen Anspruch prägt.

Das Gewissen ist eine Versammlung des Wissens. Das Wissen versammelt sich, um gemeinsam zu entscheiden. Das Parlament des versammelten Wissens kann nur soweit gewissenhaft entscheiden, wie es vom Druck äußerer Einflüsse unbehelligt bleibt. Der Übergriff des jeweils Stärkeren in die Intimität des individuellen Gottbezugs ist eine Sünde wider den Geist, die über alle Kulturen hinweg verbreitet ist. Das mosaische Gottesbild sieht allen Wert der Welt jedoch in einen entrückten Gott versammelt, der Einzelnen das Recht verleiht, über andere zu bestimmen. Es hat den Übergriff zur Pflicht erklärt. Während das Gewissen unparteiisch ist, hat der Offenbarungsglaube totale Parteilichkeit gepredigt. Er kommt mit aller Wucht von außen. Er hat durch seine Mission die Versammlung des Wissens gestört. Er hat das Gewissen durch Gehorsam ersetzt und der Gewissenlosigkeit Vorschub geleistet.

Gewalt ist die Versammlung beherrschender Kräfte. Gewalt ist mehr als nur brachialer Angriff. Gewalt heißt jede Macht, die dem, an dem sie angreift, keine Chance lassen will, sich gegen das zu wehren, was über ihn bestimmt. Gewalt ist alles, was ohne zu fragen gezielt einen anderen beherrscht. Was ist Missbrauch? Missbrauch ist die Unterordnung des einen unter die Zwecke des anderen. Im biblischen Kult um Gehorsam und Landerwerb dient die Erziehung des Kindes kollektiven Zwecken. Nur wenn die Eltern ihren Auftrag erfüllen und das Kind unter die gleichen Gesetze zwingen, denen sie selbst unterworfen sind, steht ihnen das Himmelreich als transzendentes Kanaan der Zukunft zu.

Unter dem Druck eines Glaubens an das Recht der Willkür versteifte sich Hitler in ein paranoides Streben nach Eigengesetzlichkeit, das sich von der ebenso verhassten wie ersehnten Außenwelt jedoch nie in eine echte Selbstbestimmung lösen konnte. Er war nicht in der Lage, sich in einzuordnen, weil er nach einer Erziehung, die sich in exemplarischer Fatalität an der Gehorsamsideologie orientierte, Einordnung stets als Unterordnung unter den Schlagstock einer angemaßten Autorität empfand. Hitler konnte nur dann zu einer Gemeinschaft gehören, wenn sie seinem Hass erlaubte, sich auf etwas auszurichten, denn in seinem Hass kannte er nur eine Welt: die, in der er sich gegen einen Feind zu wehren hatte.

Eine Konvention der biblisch geprägten Kultur heißt: Gewalt zwischen Mitgliedern der Gesinnungsgemeinschaft hat zu unterbleiben. Du sollst nicht töten! Eine andere Konvention heißt jedoch, dass Gewalt im Auftrag der Führung, die sich zum Vollstrecker der Gottesmacht erklärt, nicht zu kritisieren ist: ...es töte ein jeder selbst den Bruder, Freund und Nächsten! Die Konvention des skrupellosen Machtgebrauchs im Interesse der Partei ist so stabil, dass man in der jüdisch-christlichen Kultur kaum je eine Verwunderung darüber hört, dass das "offenbarte Gottesrecht" zwar Nächstenliebe predigt, dass selbst der Verkünder dieses Rechts aber nicht mit der Wimper zuckte, wenn zum Machterhalt der Massenmord am Nächsten opportun erschien.

Europa ist bis heute von dieser Konvention durchdrungen. Auch zwanzig Jahre nach Auschwitz predigt der Bibelglaube sie als immanente Botschaft. Um wie viel tiefer war sie dann zwanzig Jahre vor Auschwitz verankert, als Hitler seine Variante des Mythos vom Herrenvolk entwarf? Hitlers Rechtsempfinden ging mit der biblischen Konvention des grenzenlosen Gewaltprivilegs der Obrigkeit konform. Als Irgendwer war er niemals kriminell. Weder hat er persönlich eine Bank beraubt noch zum eigenen Profit einen Raubmord begangen. Alles, was er an Morden beging, beging er im Glauben an seine historischen Sendung. Beim Mord im vermeintlichen Auftrag der Vorsehung war er genauso von seinem Recht überzeugt wie einst Moses, als der Midian liquidieren ließ. Ihr Anspruch auf Alleinherrschaft ist das Grundelement der biblischen Tradition, durch deren Dynamik sie zur bestimmenden Kraft wurde, die Adolf Hitlers Weltbild prägte. So trägt diese Tradition die entscheidende Mitverantwortung an dreierlei: Erstens daran, dass Hitlers seelische Entwicklung schwer pathologisch war. Zweitens am besonderen Muster kollektiver Mythen, an dem sich sein Rechtsempfinden in Ermangelung eines eigenen Gewissens konventionell orientierte. Und drittens daran, dass sein Hass in der biblisch geprägten Kultur jenen Resonanzboden fand, der ihn für die Welt erst gefährlich machte.

Wie kommt es, dass der Antisemitismus solche Macht bekam? Liegt es an einer tatsächlichen Bosheit der Juden? Nein, daran liegt es nicht! Eine besondere Verwerflichkeit von Juden generell ist nicht feststellbar. Minderwertiger als andere sind sie keineswegs.

Liegt es daran, dass das Christentum 2000 Jahre lang antijüdische Affekte gefördert hat? Schon eher. Im antijüdischen Affekt, der das Neue Testament durchzieht, drückt sich aber nicht nur der politische Opportunismus der Gründerzeit aus, sondern bereits das Unbehagen des Christentums gegenüber der eigenen Falschheit. Allerdings kann es sich am eigenen Widersinn nur soweit stören, wie es ihn beharrlich leugnet. Dazu verschiebt es die Schuld auf jene Quelle, aus der es zweierlei schöpft: die vermeintliche Rechtfertigung seiner Existenz und das Vorbild des Selbstbetrugs, mit dessen Hilfe es sich schuf und als dessen Folge es an sich leidet. So formuliert zwar schon die christliche Lehre den Hass auf ihre eigene Quelle, alles Antijüdische und Antisemitische, mit dem sie die Gläubigen impfte, erklärt aber nicht das Ausmaß, in dem Christen bereit waren, einer Ideologie zu folgen, deren Wesenskern und eigentliche Triebfeder Antisemitismus war. Hitler ist nicht an die Macht gekommen und hat die Juden gehasst. Er kam an die Macht, weil er sie hasste. Er kam an die Macht, weil erst das Abstempeln eines Feindes zum bedingungslosen Feind den Hass von jeder Hemmung durch ein Schuldgefühl befreit.

Die Wucht des Antisemitismus entsprang nicht mittelbar der Impfung Europas durch antisemitische Ideen. Sie war Ausdruck des verleugneten Hasses von Christen auf die eigene Tradition. Die Juden, die "Väter" der christlichen Tradition, zogen diesen Hass so zwangsläufig auf sich, wie leibliche Väter den ihrer missratenen Söhne, wenn den Söhnen der Mut fehlt, sich aus den Irrtümern der Väter zu befreien und sie den Vätern statt dessen alle Schuld am eigenen Versagen auch dann noch in die Schuhe schieben, wenn sie längst die Zeit dazu hatten, die Verirrung aus eigener Kraft zu überwinden. So blieb auch der Ahnenpass ein missratener Versuch, sich aus der Tradition der Offenbarung loszusagen, so missraten, dass er das gleiche wie der Judaismus tat. Nur noch viel grotesker! Als er mit dem Ahnenpass beweisen wollte, dass die einen anders als die anderen sind. Bei der Befreiung aus der Schuld der Väter genügt es also keineswegs, bloß verbal dem Bibelglauben abzuschwören. Das tat auch so mancher Nationalsozialist und trotzdem hat der Nationalsozialismus das biblischen Weltbild mit neu verteilten Rollen inszeniert. Das biblische Weltbild hat so tief in die Denkmuster eingewoben, dass die Kultur, die die Bibel ja meist nur noch vom Hörensagen kennt, auch heute noch viel gehorsamer den Auftrag zur Unterwerfung der Welt vollstreckt, als die Illusion des selbstbestimmten Geistes das jemals glauben mag. Ein großer Teil von dem, was heute noch die Welt bedroht, bezieht seine Kraft aus der Verklärung des Völkermords an Kanaan.

Hitler hat seinen Vater gehasst. Warum? Weil der Vater versuchte, über den Sohn zu bestimmen. Das hat beide unüberbrückbar getrennt. Der Hass gegen das Fremde entspringt der Angst, durch Fremdes bestimmt zu sein. Für Hitler war sein Vater die Urgestalt des Fremden, unter dessen Knute man sich duckt. Oder über das man eben siegt! Dem entsprechend folgte sein Plan, Künstler zu werden, dem Wunsch, dass keine Vorschrift über ihn zu herrschen hat. Sein Vater hat diesen Wunsch nicht anerkannt. Er hat statt dessen eine Vaterschaft vollstreckt, wie sie die jüdisch-christliche Kultur gefördert hat, eine Vaterschaft, die ihre Aufgabe darin sieht, dem Sohn mit der Rute vorzuschreiben, wie er leben soll. Hätten Hitlers Zeitgenossen die Gewalt seines Vaters nicht im Grundsatz bejaht, und hätten sie durch die Illusion, dem Ideal der Barmherzigkeit zu folgen, nicht das Wort beleidigt, hätte sich Hitlers Hass im kleinen Horizont erschöpft. Was sein Hass jedoch im Rücken seines Vaters als drohenden Schatten eines riesigen Feindes erkannte, war der Ursprung einer Gesinnung, die die Willkür allmächtiger Väter ebenso verherrlicht, wie die Pflicht "guter" Söhne, sich von der Willkür ans Kreuz nageln zu lassen.

Nachdem Hitler in Wien Juden sah, war sein leiblicher Vater nur noch die Kimme, über die sein Hass die vermeintlich Schuldigen an seinem Unglück aufs Korn nahm. Sein Hass wählte die Juden, weil der judaistische Vater der christlichen Kultur bei der Verherrlichung väterlicher Gewalt den Anfang machte. Selbstverständlich trugen die Juden, die er umbrachte, keine Schuld, die ihre Vernichtung auch nur im Ansatz rechtfertigt. Hass macht jedoch blind. Daher hat Hitler nicht erkannt, dass der Schatten nicht aus Menschen bestand, sondern aus einer Krankheit des Geistes, dessen Opfer die Juden genauso wie die Christen sind. Hitlers Antisemitismus war der verirrte Hass eines Krüppels gegen die Krankheit, die ihn verkrüppelt hat. So trägt er die Verantwortung am Mord an den Juden. Je ein Stück Verantwortung an Hitler tragen jedoch Millionen braver Söhne, die seit 3000 Jahren gehorsam den Mord der Väter an Kanaan zum Kommentar der göttlichen Liebe erklären. Die vermeintliche Tugend des braven Gehorsams von Millionen hat ihren verleugneten Hass der blanken Bosheit des einen überstellt.

Ende