Cham
Weder Jude, Christ noch Moslem

Zeuge Z.

Es gibt verschiedene Übersetzungen der Bibel. Der Prozess hat sich fast ausschließlich auf eine beschränkt. Es handelt sich um:


DIE HEILIGE SCHRIFT
FAMILIENBIBEL
ALTES UND NEUES TESTAMENT

Sie ist im Verlag des Borromäusvereins Bonn erschienen. Die Ausgabe erfolgte mit kirchlicher Druckerlaubnis vom 22. Juli 1966. Sie ist mit einem Kommentar versehen, der der Lehrmeinung der katholischen Kirche von 1966 entspricht. Das Geleitwort vom 10. August 1966 hat der Erzbischof von Köln, dessen Vertrauter ich war, verfasst. Dort steht zu lesen:

Die Heilige Schrift ist sowohl Gottes Wort wie Menschen Wort. Sie enthält die Offenbarung im strengen Sinne, die Gott im Laufe der Jahrtausende...uns Menschen...mitzuteilen beschlossen hat, und erzählt die Heilstatsachen...Sie erzählt aber auch eine Fülle von Dingen, die mit den Geheimnissen Gottes nur in losem Zusammenhang stehen...Alles das geschieht unter Eingebung des Heiligen Geistes. Dabei ist aber der Geist Gottes weit entfernt davon, die heiligen Schriftsteller in ihrer Eigenart zu vergewaltigen. Er beläßt sie vielmehr in ihrer persönlichen Eigenheit...Gerade das gibt der Heiligen Schrift...die warmen Herztöne der Darstellung und den Stempel der absoluten Wahrhaftigkeit. Da aber all das Jahrtausende lang zurückliegt, bedarf der Leser einer Anleitung durch kundige Hand und der Führung durch das Lehramt der Kirche, das ihn vor Mißverständnissen bewahrt. Daher die reichen Anmerkungen, die dieser Ausgabe beigegeben sind.

Im Abkommen der Vereinten Nationen vom 9.12.1948 wurde Völkermord zum Verbrechen erklärt. Als Völkermord hat die UNO Maßnahmen definiert, die darauf abzielen, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe zu zerstören; und zwar durch:

Die Bibel beschreibt den Kampf Israels gegen Arad:

4 Moses 21, 1-2:
Da legte Israel dem Herrn ein Gelübde...ab: "Wenn du dieses Volk in meine Gewalt gibst, so vollstrecke ich an ihren Städten den Bann." Der Herr erhörte das Rufen Israels...und man vollstreckte an ihnen...den Bann. Die Ortschaft nannte man deshalb Chorma (Bann).

Der Kommentar benennt die rechtgläubige Einschätzung des Vorgangs:

Das hebräische Wort für Bann (cherem)...meint...die völlige Vernichtung von Völkern und Städten...Der Brauch des Bannes darf nicht im negativen Sinn mißverstanden werden. Israel "weihte" die Beute dem heiligen Gott, dem Herrn alles Geschaffenen (die durch den Bann Getöteten fallen nicht aus der Wirklichkeit Gottes heraus). Im weiteren Sinn bedeutet CHEREM das Verbotene schlechthin (daher auch Harem = Frauengemächer).

Die Vernichtung des Königreichs Arad war Auftakt zur Eroberung Kanaans. Israel hat dabei Städte und Volksgruppen durch den Bann ausgelöscht. Wie im Falle Arads handelte es sich jeweils um Völkermord im Sinn der Vereinten Nationen. Die Auslöschung der Volksgruppen erfolgte systematisch. Fast alle Methoden, die die UNO ächtet, haben die Israeliten angewandt.

5 Moses 2, 34:
Wir...vollstreckten überall...den Bann. Niemand ließen wir übrig zum Entweichen.

2 Könige 3, 18-19: B "...alle nützlichen Bäume sollt ihr fällen, alle Wasserquellen verstopfen und alles gute Ackerland mit Steinen verderben!"

4 Moses 31, 17-18:
Aber alle Mädchen, die noch mit keinem Manne verkehrt haben, laßt für euch am Leben!

Seit der Glaube die öffentliche Meinung nicht mehr kontrolliert, steht er vor einem Problem. Er muss Fragen beantworten, die Jahrhunderte lang niemand zu stellen wagte und zwar so, dass er damit nicht die eigene Existenz bedroht. Wie preist man die Barmherzigkeit eines Gottes, der Opfer ans Messer liefert, weil die Täter Totschlag geloben? Für den Judaismus waren solche Fragen kein Problem. Er schrieb Jahwe keineswegs allgemeine Menschenliebe zu, sondern Parteilichkeit für Israel. Daher musste ein Judaist seinen Verstand kaum verdrehen, wenn er vom Völkermord an den Kanaanitern las. Es reichte, wenn sein Denken nationalistisch blieb.

Anders ist es beim Christentum. Da es die mosaische Verheißung auf nichtjüdische Parteigänger übertrug, musste es Dinge erklären, die es nicht erklären kann. Daher war für die Kirche das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, noch zentraler als für den judaistischen Ursprung. Dank der Vormacht des Glaubens bis in die Neuzeit hinein, war der Geist so weit gelähmt, dass man den Völkermord, mit dem die Heilsgeschichte beginnt, als gerechten Zorn eines liebenden Gottes ausgeben konnte. In letzter Zeit hat sich die Lage geändert. Zwar liest kaum noch jemand die Bibel, so dass Moses bis heute in der populären Phantasie als Held eines frommen Glaubens gilt, der aber, der gläubiger ist als ein bloß Getaufter, und daher doch die Bibel liest, bedarf...einer Anleitung durch kundige Hand und der Führung durch das Lehramt der Kirche, um ihn vor dem Missverständnis zu bewahren, dass es sich bei Mord um Mord handeln könnte. Die Anleitung tut Not, da man seit Hitlers Exzessen Völkermord generell skeptisch betrachtet und Europa die Gleichgültigkeit aufgegeben hat, mit der es bis tief ins 19. Jahrhundert Sklaverei und christliche Massaker bibelfest hinnahm.

Wenn der Christ den Brauch des Bannes im negativen Sinne missversteht, bekommt sein Selbstbild einen Kolbenfresser. Um zu leugnen, dass die Erschlagenen Opfer eines Totschlags wurden, erklärten wir ihn zu einem Akt der Weihe. Israel "weihte" die Beute dem heiligen Gott. Die Weihe ist ein zeremonieller Akt, durch den das Geweihte dem Feld seiner profanen Bezüge entnommen und dem Dienst an Gott gewidmet wird. Eigentlich heißt weihen "heilig machen" und hängt mit lateinisch victima = "das Opfer" zusammen. Nach christlicher Lehre dient der Mord an passenden Völkern dazu, die Opfer aus dem Feld ihrer profanen Lebendigkeit ins Jenseits eines Gottes befördert, der sie wegen ihrer "Schlechtigkeit" verabscheut. In der Vorstellung der Israeliten gab es noch gar kein Jenseits, wohin man befördert werden könnte. Wer tot war, war einfach weg. Anders als ein Priester, der sein Leben nach der Weihe Gott widmet, hatten die Kanaaniter also nichts mehr, womit sie nach ihrem Tod noch hätten dienen können. Wir müssen daher annehmen, dass die Getöteten Gott durch ihr Sterben dazu dienten, dem Gottesvolk Ruhm durch die Berufung zu verleihen. Insofern ist das Erschlagenwerden der finale Gottesdienst jener, die zu mehr Gottgefälligkeit nicht taugen.

Überhaupt war das Schicksal der Getöteten nicht schlimm, da sie trotz Vernichtung nicht vernichtet sind. Denn die durch den Bann Getöteten fallen nicht aus der Wirklichkeit Gottes heraus. Mit der Wirklichkeit Gottes ist sicher eine höhere Form von Realität gemeint als die, in der das Leben vor der Liquidierung stattfand. Wenn sich das Umgebrachtwerden nur auf die bedeutungsarme Wirklichkeit des Diesseits bezieht, kann die Schuld der Täter ebenfalls nur unbedeutend sein; falls in Anbetracht des göttlichen Vernichtungsbefehls Schuld überhaupt anfällt. Laut Bibel waren die Kanaaniter Gott verhasst. Da derartige Menschen gemäß christlicher Lehre im Jenseits in den Feuersee geworfen werden, gehört die Hölle zur Wirklichkeit Gottes, in die hineinzufallen über das Herausfallen aus der irdischen Wirklichkeit hinwegtröstet.

Die Kirche hat bisher keine Stellungnahme dazu abgegeben, ob die in Auschwitz Getöteten aus der Wirklichkeit Gottes herausgefallen sind. Die meisten Opfer waren Juden. Weil es sich selbst als Bewahrer des wahren Judentums verstand, sprach das junge Christentum Juden, die sich der christlichen Sicht verweigern, ihr Judentum ab und bezeichnete sie als Synagoge des Satans.

Offenbarung 2, 9:
Ich weiß um...das Lästern von seiten derer, die sich Juden nennen und es nicht sind, sondern Synagoge des Satans.

Von der Synagoge des Satans werden jene Lügner herbeigebracht, die sich Juden nennen, ohne es wirklich zu sein (Offenbarung 3, 9). Sobald Jesus die Apokalypse vollstreckt, werden ihm diese "Lügner" huldigend zu Füßen fallen, was aber nichts mehr nützt, weil allen Lügnern das selbe Schicksal wie denen blüht, die nicht im Buch des Lebens eingeschrieben sind.

Offenbarung 20, 10-15:
...sie werden gepeinigt werden Tag und Nacht in alle Ewigkeit...wenn sich einer nicht eingeschrieben fand im Buch des Lebens, wurde er in den Feuersee geworfen.

Offenbarung 21, 8:
...den Götzendienern und allen Lügnern wird ihr Anteil sein im See, der von Feuer und Schwefel brennt...

Da man in Auschwitz Feuer ausgiebig gebrauchte, ist davon auszugehen, dass vor einer Stellungnahme der Glaubenskongregation, in welchem Teil der Wirklichkeit Gottes die ermordeten Juden zu finden sind, Beratungen stattfinden, um die Lehrsätze des Christentums und das, was ihm die "göttliche" Vision unmittelbar in die Feder diktierte, mit der Opportunität politischer Stellungnahmen abzugleichen.

"Cherem" heißt "das Verbotene". Vordergründig wird damit der Umstand benannt, dass es dem einzelnen Israeliten verboten war, jenseits staatlicher Kontrolle Beute zu machen. Hintergründig schwingt im Begriff Fundamentaleres mit: Bei gesunden Menschen unterliegt der Impuls, Artgenossen zu töten, einer seelischen Sperre. Instinktiv wird Mord als verboten empfunden. Wenn er geschieht, ruft er nach Sühne. Da es nicht nur um einen militärischen Sieg über die Kanaaniter, sondern um deren systematische Vernichtung ging, mussten auch Kinder und Säuglinge getötet werden. Erwachsene haben Kindern gegenüber erst recht Schutzimpulse. Von daher empfanden die Israeliten die Ausrottungspolitik ihrer Führung als Bruch eines fundamentalen Tabus. Indem sie den Bann vollstreckten, taten sie das Verbotene.

Für den Sieg über die Ammoniter verspricht Jephte, ein Familienmitglied zu opfern. Er tut, wie versprochen und verbrennt seine Tochter. Im Kommentar unserer Bibel heißt es:

...wir sollten den Glauben, der uns hier bezeugt wird, nicht gering achten. Jahwe...hat Anspruch auf alles. Das anerkennt Jephte, das anerkennt seine Tochter.

Die Stelle zeigt die Verknüpfung aggressiver Expansivität mit dem Anspruch der Mächtigen, über das Leben derer zu verfügen, die ihrer Fürsorge am innigsten anvertraut sind. Wenn Jephte anerkennt, dass ihn sein Kriegsgott total besitzt, hat er das Recht, ebenso total über sein Kind zu verfügen. Die Unsitte vieler Väter, über das Leben ihrer Kinder zu bestimmen, hat der biblische Kult zur Pflicht erklärt. Sein Anspruch pflanzt sich von Isaak über Jephtes Tochter bis zu Jesus fort:

Johannes 15, 1-2:
...mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg...

Von dort fordert der Glaube ungebrochen weiter bis in die Köpfe der christlichen Gegenwart; denn die Ideologie pflegt den Befehl, der sie automatisch verbreitet. Daher preist auch die Familienbibel den Glaubensgehorsam, der einen Vater dazu bringt, sein Kind zu töten, mit dem Hinweis, dass der Christengott Anspruch darauf hat. Im Begleittext zu Samuel schreibt der Kommentar:

...Davids, des großen Königs menschliches Versagen, ja sein verbrecherisches Handeln, wird von den Samuelbüchern nicht vertuscht. Sie schildern ihn nicht ohne Sympathie, so wie er ist. Und mit diesem Sünder, Ehebrecher und Mörder hat Gott seine Geschichte gemacht. Das ist die wesentliche Botschaft des Buches: Gott nimmt die Menschen, wie sie sind, mit all ihren Mängeln und Schwächen, wenn sie sich nur ihrer Aufgabe bewußt sind, wenn sie wissen, daß sie Werkzeuge sind und sich willig dem unterwerfen, der ihren Plan vorgezeichnet hat. Weil David so den ihm zugewiesenen Platz ausfüllte, ist sein Verhalten Modell für alle späteren Könige. Sie werden geprüft, ob sie tun, was Jahwe gefällt - wie ihr Ahnherr David.

Früher hätte es solche Kommentare nicht gegeben. Heutige Bibelleser stehen aber unter Verdacht, kritischer als jene aus der Blütezeit des Glaubens zu sein. Wer in der Bibel über David liest, liest über Gewalt als selbstverständlichen Ausdruck des Glaubens.

Psalm 60, 14:
Mit Gott entfalten wir Kraft. Er ist es, der unsere Feinde zertritt.

Psalm 143, 12:
...vernichte meine Feinde! Laß alle umkommen...

Psalm 144, 1:
Gepriesen sei der Herr...der meine Hände den Kampf gelehrt, meine Fäuste den Krieg!

Eigentlich müsste das Christentum als deklarierte Liebesreligion David ächten. Zwei Gründe hindern es daran: sein Selbstbehauptungswille und die Doppelbödigkeit seiner Moral. Es kann den Mörder David nicht ächten, weil Jesus sich als dessen Nachfolger sah...

Matthäus 1, 1:
Buch der Abstammung Jesu Christi, des Sohnes Davids...

Und es will ihn nicht ächten, weil Davids Anspruch, die Grenzen der Erde zu besitzen und die Völker mit eisernem Stabe zu leiten, das Wesen des Glaubens mehr zum Ausdruck bringt, als alle Liebesgebote, die er auf seine Fahnen schrieb.

Psalm 46, 9:
...schaut die Werke des Herrn, der Entsetzen verbreitet auf Erden.

Daher ergreift die Kirche die Flucht nach vorn. Lieber als einen Zweifel an ihrem Anspruch zu dulden, betont sie auch 25 Jahre nach Auschwitz, dass Gott seine Geschichte mit Mördern macht; sobald sich der Mörder bloß willig unterwirft und den ihm zugewiesenen Platz - doch wohl als Mörder - ausfüllt? Lieber als ihr Lippenbekenntnis zur Liebe mit Inhalt zu füllen, nennt sie das Verhalten eines Sünders, Ehebrechers und Mörders Modell für alle späteren Könige. Was ein Kontinent zu erwarten hat, wenn seine Leitreligion Mörder als Vorbild preist, sieht man an Adolf Hitler. Auch er hat sich als Werkzeug des biblischen Gottes gesehen. Auch er war überzeugt, dass dieser Gott seinen Plan vorgezeichnet hat. Auch für ihn war Davids Verhalten Modell.

Ein geborener Räuber ist genetisch so festgelegt, dass er Raub als biologische Erfüllung seines Wesen vollzieht. Logisch? Der Kommentar (zu 2 Samuel 1, 13-16) bezeichnet die Amalekiter als geborene Räuber. Die Glaubenskongregation wird sich zwar hüten, einem lebenden Volk eine angeborene Neigung zur Kriminalität zu unterstellen, aber auch wenn der Glaube hier gegenüber ausgestorbenen Völkern rassistisch urteilt, bezeugen die Urteile, die er nach dreitausendjähriger Pflege seiner geistigen Tradition über den Unterschied von "gut" und "böse" zustande bringt, dass weder sein Rechtsempfinden über den Gesinnungshorizont Moses' hinausgewachsen ist noch dass das Christentum seine Grundsatzthese - Jesus habe die Verheißung verallgemeinert - tatsächlich glaubt.

Es ist ein Verbrechen, wenn man den Gürtel einer Jungfrau zur Schändung löst und man mag verstehen, dass der Durst nach Rache besonders brennt, wenn der Schänder fremdstämmig ist.

Judit 9, 2-4:
"Herr, Gott meines Ahnen Simeon, du gabst diesem ein Schwert in die Hand zur Rache an den Fremdstämmigen, die den Gürtel einer Jungfrau zur Schändung lösten...Dafür gabst du ihre Fürsten der Ermordung preis und ihr betrogenes Lager...dem Blutbad...Ihre Frauen gabst du zur Beute, ihre Töchter in die Gefangenschaft und all ihre Habe zur Plünderung an deine geliebten Söhne. Diese waren ja von Eifer für dich beseelt...Gott...erhöre auch mich, die Witwe!..."

Judit stellt den Sachverhalt jedoch falsch dar: Tatsächlich waren es nicht die Fremdstämmigen, die den Gürtel zur Schändung lösten, sondern bloß einer: Sichem. Er war in das hebräische Mädchen so verliebt, dass er sich für sie samt seinem Volk beschneiden ließ und den Hebräern Land, Gleichberechtigung und die Verschmelzung der Völker anbot.

1 Moses 34, 2-3:
...Sichem, der Sohn des Chiwwiters Chamor, des Landesfürsten...vergewaltigte sie [Dina, die Tochter Leas]. Sein Herz aber hing an Dina...Er liebte das Mädchen und redete ihm zu Herzen...

Chamor warb bei Jakob um Dinas Hand für seinen Sohn: "Verschwägert euch mit uns!...Wohnt bei uns! Das Land steht zu eurer Verfügung." Die Hebräer stimmten unter der Bedingung zu, dass...ihr so werdet wie wir, und daß alles Männliche bei euch beschnitten wird. Die Chiwwiter akzeptierten. Als sie nach der Beschneidung wundkrank lagen, brachten die Hebräer alle Männer um. Frauen und Kinder nahmen sie als Beute.

Wir wollen das Rechtsempfinden einer Beduinensippe von vor 3200 Jahren nicht mit Rechtsbrüchen im zwanzigsten Jahrhundert verrechnen. Kein Gericht auf Erden wird einen Sinn darin sehen, die Täter von damals nachträglich anzuklagen. Darum geht es nicht. Im christlichen Kommentar zur oben zitierten Episode heißt es jedoch: Gott ist der Anwalt der Witwen, Waisen und Rechtlosen. Diese Aussage ist es, die interessiert. Sie stammt von 1966. Sie bezieht sich auf Judit, die als Witwe Gott um Hilfe bittet. Judits Gebet ist bemerkenswert: Sie beklagt zu Recht die Schändung einer hebräischen Frau, was auch durch die Verliebtheit Sichems nicht entschuldigt werden kann. Sie fasst es aber als Privileg der geliebten Söhne Jahwes auf, selbst Frauen zu erbeuten und, wer den Krieg kennt, wird kaum daran zweifeln, sie ihrerseits zu schänden.

Die Kirche preist im Hinblick auf Judits Gebet einen Gott als Anwalt der Witwen, Waisen und Rechtlosen, der deren Männer und Väter ermorden ließ. Offensichtlich teilt sie Judits Rechtsauffassung. Einen Wert, der dem Menschenleben unverrückbar beiliegt, kennt sie nicht. Schuld an der Schändung Dinas traf Sichem allein. Wenn Gott dafür alle chiwwittischen Männer liquidieren lässt, geht die Lehre davon aus, dass es für eine rechtmäßige "Bestrafung" keiner Schuld bedarf. Die Zugehörigkeit zur "falschen" Gruppe genügt. Gemäß Definition der Vereinten Nationen waren die Kriegshandlungen der Hebräer Völkermord. Indem die christliche Lehre ihren Gott nach seiner Verwicklung in Kriegsverbrechen als "Anwalt der Bedrängten" preist, ignoriert sie das Lebensrecht der Ermordeten. Sie stimmt Völkermord zu, sobald es sich um Gegner oder Konkurrenten handelt.

Die Wertschätzung des Lebens ist im christlichen Glauben nur ein Konstrukt. Sie wird als Gehorsamsakt simuliert, obwohl die Bibel den Sinn der simulierten Wertschätzung nicht erklären kann. Deshalb bleibt die Empörung der Kongregation über die Schändung der Jungfrau ebenso wie die Empörung Judits Fassade. Wenn Vergewaltigung nur als verwerflich gilt, wenn sie eine Jungfrau der eigenen Partei trifft, nicht aber, wenn die geliebten Söhne Jahwes parteifremde Frauen schänden, wird Vergewaltigung an sich nicht als moralisches Problem erkannt. Das Zerbrechliche, hier symbolisch das Hymen der Jungfrau und deren mädchenhaftes Gefühl, zählt in Wirklichkeit nichts. Was zählt, ist der Anspruch der biblischen Partei. Ihr Griff nach der Macht benutzt die Empörung über das Unrecht des Gegners als Schminke.

Der Bibelglaube missachtet Zerbrechliches grundsätzlich. Jesus wird zwar Kinderliebe nachgesagt, auch das ist aber eine Täuschung. Gemäß den Evangelisten hat er die Metapher des "Kindes" beim Predigen benutzt und sich diverser Kinder zur Erläuterung seines Weltbilds bedient.

Matthäus 18, 2-3:
Da rief er ein Kind herbei, stellte es mitten unter sie und sprach:..."Wenn ihr...nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.

Markus 9, 36:
Und er nahm ein Kind, stellte es mitten unter sie, schloß es in seine Arme und sprach zu ihnen: "Wer eines von solchen Kindern aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat."

Markus 10, 13-16:
Und sie brachten Kinder zu ihm."...Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen." Und er schloß sie in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.

Lukas 9, 47:
Jesus...nahm ein Kind, stellte es neben sich und sprach zu ihnen...

Für das, was ein Kind will, sagt, fühlt oder denkt, zeigt er kein Interesse. Kinder sind Objekte, an denen Jesus durch die Geste des Segnens zum Ausdruck bringt, dass sein Gott "Kindlichkeit" belohnt. Der Segen, den er Kindern erteilt, hindert seine Phantasie aber keineswegs, Schwangeren und Stillenden den Tag der Rache anzudrohen und wie man weiß, empfahl er, Kinder um seines Namens willen zu verlassen, damit man andernorts Hundertfältiges empfängt (Matthäus 19, 29). Ja, wer sich von seinen Kindern nicht lossagt, der kann nicht sein Jünger sein (Lukas 14, 26). Jesus sieht nicht das Kind. Er preist "Kindlichkeit" als Eigenschaft, die er Erwachsenen empfiehlt, weil sie angeblich der Schlüssel zum Himmelreich ist.

Matthäus 18, 4:
"...Wer sich also klein macht, wie dieses Kind, der ist der größte im Himmelreich".

Jesus war von der Sehnsucht nach der Liebe des Vaters dermaßen beherrscht, dass er vom Wert des Kindes gar nichts wusste. Die Kindlichkeit, die er pries, war schiere Fügsamkeit; Fügsamkeit unter den Befehl des allmächtigen Vaters. Vater...nicht mein Wille geschehe, sondern der deine! Die Bedeutung des Umgangs mit Kindern hat er nicht erkannt. Weil er mit einer Zukunft, die die Menschheit im eigenen Ringen zu meistern hätte, nicht rechnete, interessierte er sich für kein Beziehungsmodell, dass sich auch nur im Ansatz an der Realität zu erproben hätte. Für ihn war es abgemacht, dass sein Martyrium das Ende der Geschichte und eine von oben verfügte Ordnung bringt, über die kein Mensch vernünftig nachzudenken braucht.

Lukas 24, 44:
"Alles muß erfüllt werden, was im Gesetz des Moses, in den Propheten und Psalmen geschrieben steht über mich."

Nur wenn er in allem gehorcht, kann der Sohn zur Rechten seines Vaters sitzen; und nie wächst er über den Vater hinaus. Die messianische Revolution des Judaismus hat die archaische Familienstruktur des Alten Testaments nicht aufgehoben, sondern durch ein extremes Exempel bestätigt. Wie vom Judaismus vorgegeben, bleibt auch im Christentum "wohlmeinende" Väterlichkeit an Ergebenheit und Diensteifer des Kindes, letztlich an die Bereitschaft gebunden, auf sich selbst zu verzichten:

Maleachi 3, 17:
...wie jemand seinen Sohn gütig behandelt, der ihm ergeben dient.

Das biblische Familienmodell setzt die Gruppenstruktur der prähistorischen Zeit fort. Es ist das soziale Muster einer biologisch geprägten Kampfgemeinschaft in der Steppe. Was in der Steppe zählt, ist Zusammenhalt im Überlebenskampf und der Egoismus aggressiver Gene. Der selbstbewusste Geist des Einzelnen und die Wesensgleichheit gerade dieses Geistes mit dem Urgrund aller Existenz ist da noch kaum entdeckt. Deshalb herrscht über der vorgeschichtlichen Horde ein Pascha, der ein Vorrecht auf die Paarung hat und die Jüngeren beugt, bis einer ihn stürzen kann. Weil der Willkür nichts so gründlich in die Quere kommt, wie das Denken eines selbstbewussten Menschen, der "gut" und "böse" unterscheiden kann, erklärt die Bibel Gott zum Anspruch auf Gehorsam und die Erkenntnis, nackt zu sein, zur ersten Sünde wider seine Ordnung. "Nackt" heißt "ausgeliefert". Solange etwas nackt ist, unterliegt es der Kontrolle dessen, der das Nackte überblickt. An nichts hatte der Pascha einer biologischen Horde größeres Interesse als an der Kontrolle der sexuellen Impulse unter seinem Regiment; denn aus dieser Dominanz heraus pflanzte er die eigenen Gene in die Zukunft fort. Da er bestimmte, wer sich mit wem paaren durfte und wessen Erbgut damit den Tod überstand, war er im Horizont der Horde Herr über das "ewige" Leben.

Das erklärt, warum es Eva war, die Adam zur Scham vor der Nacktheit verführte und nicht umgekehrt. Und man versteht, warum es überhaupt Verführung war. Als Adam begehrlich zu Eva sah, gab die ihm zu verstehen, dass er keine Chance hatte, je bei ihr zu landen, solange seine Zeugungskraft und damit sein Zugang zum "ewigen" Leben, nicht der Willkür des Pascha entzogen war.

1 Moses 3, 22:
Nun geht es darum, daß er nicht noch seine Hand ausstrecke, sich am Baum des Lebens vergreife...und ewig lebe.

Der Griff zum Baum des Lebens, den der Pascha Adam verwehrte, war der Griff nach dem Recht, sich fortzupflanzen. Es ging um den Anspruch, den eigenen Stammbaum zu gründen, in dem sein Erbgut dann auf ewig lebt. In der archaischen Horde war es der Pascha, der Eva für sich in Beschlag nahm und Adam vom Baum des Lebens fernhielt. Deshalb dreht sich die "Ursünde" um das eigenmächtige Verdecken des Geschlechtsorgans, um seine Privatisierung sozusagen und das erste Ritual des Glaubens liegt in der Beschneidung. Die Beschneidung macht klar, dass sich der mächtige Vater sehr wohl ungehinderten Zugang zum Potential des Sohnes verschafft und dessen Selbständigkeit damit beschränkt. Die Bibel hat erkannt, dass der selbstbewusste Geist das Willkürrecht des Pascha in Frage stellt, sobald er ihm durch ein Feigenblatt die Kontrolle über sich verwehrt. Sie hat befürchtet, dass der Mensch sich seiner selbst bewusst wird und die alte Ordnung aus der Steppe damit fällt. Adam und Eva wurden aus keinem Paradies vertrieben. Sie verloren aber den Schutz der Horde, weil sie für die Liebe etwas wagten. Wahrscheinlich sind sie durchgebrannt.

Die "Ursünde" ist nicht das, was die Bibel predigt. Im Gegenteil! Für Füchse und Wölfe mag es angehen, dass sich der Einzelne, gesteuert vom biologischen Instinkt, schamlos einem Rudelführer beugt. Für den Instinkt der Wölfe zählt nicht das einzelne Tier. Für den Instinkt der Wölfe zählt die Wolfsnation. Sobald aber der Geist in einem Tier soweit erwacht, dass er sich selbst erkennt, wird die Unterwerfung unter den fremden Willen zu einer Schande; denn das Wesen des Geistes ist die Befreiung seiner selbst. Nicht für das Nacktsein selbst hat Adam sich daher zu schämen. Zu schämen hat er sich, weil sein Nacktsein dem Pascha zu überwachen erlaubt, ob er Eva gegenüber Gelüste hat.

Scham zeigt an, dass man gedemütigt wird. Da sich die wesentliche Rivalität in der Urhorde um das Recht zur Fortpflanzung dreht, bezog sich das Gefühl demütigender Unterlegenheit direkt auf das betreffende Organ; weil es bei der Frau gegen ihren Willen genommen wurde und beim Mann gegen seinen Willen lahm gelegt. Sexualität hat mit Spiritualität zu tun, weil das Recht auf Fortpflanzung, aufs "ewige Leben" im biologischen Sinne, die Stelle ist, an der der Geist die Despotie der Steppe durchbrach. Unterwirf dich und mach untertan! Das ist die Ordnung der Steppe. Sei! Das ist die Ordnung des Geistes. Geist ist Geist, weil sein Urteil über "gut" und "böse" die Ordnung der Steppe durchbricht. Die Vergötterung des Gehorsams wollte diesen Durchbruch verhindern. Sie hat alle Augen auf eine Macht gerichtet, die von oben befiehlt. Sie hat Adams Blick von sich selbst entfernt, damit er das Gute nicht in sich findet.

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Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist seine Fähigkeit, die Herrschaft der Naturgesetze durch individuelle Reflektion zu überschreiten. Diese Freiheit hat dem Menschen Angst gemacht und deshalb war er allzu schnell bereit, sie durch einen Glauben wieder abzustreifen, der ihn unter das Diktat "göttlicher" Gesetze stellt. Indem er sich dem Offenbarungsglauben unterwarf, hat der Mensch versucht, die Freiheit zu verweigern.

Im Vorwort zum Buch der Psalmen steht:

...In keinem der Bücher des Alten Testaments begegnen sich Israel und die Völkerkirche, das auf den Stamm des Bundesvolkes aufgepfropfte Reis, begegnen sich das Alte und das Neue in der Gleichheit der einen Sprache wie hier.

In den Psalmen lesen wir von zerschlagenen Völkern (Psalm 2), Feinden, denen die Wangen zerschlagen und Frevlern, denen die Zähne zerbrochen werden (Psalm 3), Todeswaffen, die auf Unbekehrte ausgerichtet sind (Psalm 7), vertilgten Völkern (Psalm 9), Plagen, mit denen der Leib von Frevlern, deren Kindern und Enkelkindern gefüllt werden soll (Psalm 17), unterworfenen Völkern, zerriebenen und wie Gassenkot zertretenen Gegnern (Psalm 18), vernichteten Ruchlosen, ausgetilgten Kindern und restlos vertilgten Gottlosen (Psalm 37), vom Entsetzen, das der Herrn verbreitet (Psalm 46), von zur Strafe vertilgten Völkern (Psalm 59), zertretenen Feinden (Psalm 60), Füßen, die in Blut baden und Feinden, die von Hunden zerrissen werden (Psalm 68), täglich vernichteten Frevlern (Psalm 101), leider nicht-ausgerotteten Völkern, unstatthafter Völkervermischung (Psalm 106), Leichenhaufen und zerschmetterten Häuptern (Psalm 110), Babylonierkindern, die an Felsen zu zerschmettern sind (Psalm 137), äußerstem Hass (Psalm 139) und von der Hoffnung, dass alle umkommen (Psalm 143). Ähnlich klingt es woanders:

Psalm 44, 3-6:
Volksstämme hast du verdrängt...Völker hast du zerschlagen...Durch dich stoßen wir unsere Gegner nieder, in deinem Namen zertreten wir unsere Widersacher.

Psalm 58, 4-11:
Abtrünnig sind die Frevler vom Mutterschoße an, von Geburt an gehen Lügenredner in die Irre...Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Rachen...Sie sollen vergehen wie verrinnendes Wasser...Sie mögen der Schnecke gleichen, die kriechend zerfließt, der Fehlgeburt eines Weibes, die niemals die Sonne schaut!...Der Gerechte wird sich freuen, wenn er Rache sieht, seine Füße im Blute des Frevlers baden kann.

Psalm 136, 10:
Er schlug Ägyptens Erstgeburt; denn ewig währt seine Huld!

Psalm 140, 11:
Er lasse Kohlen auf sie regnen, stürze sie ins Feuer, in Gruben, daß sie sich nicht mehr erheben!

Im dogmatischen Zentrum der Kirchen ist das die Gleichheit der einen Sprache in der sich das Alte und das Neue begegnen. Heutige Pastoren passen beim Gottesdienst jedoch auf, dass sie die Naivität der Kirchgänger nicht durch Textstellen verunsichern, die, übertragen in moderne Prosa, aus dem STÜRMER stammen könnten. Die Kirche weiß um das Problem, das dem Glauben droht, sobald seine Autorität nicht mehr so unantastbar ist, dass sie kritische Fragen im Keim erstickt. Daher heißt es im selben Vorwort:

Das verstehende Nach- und Mitsprechen der heiligen Lieder Israels ist für den Christen - den Menschen von heute schlechthin - nicht leicht. Doch der Weg zum Herzen der betenden Kirche führt durch die fremde Welt der Psalmen.

Der Weg zum Herzen der betenden Kirche führt durch Lieder, die Völkermord als gottgefällig preisen. Der Glaube macht das zwar, er wird es aber niemals zugeben, denn organisierter Völkermord ist das umfassendste Verbrechen, zu dem Menschen fähig sind und der Bibelglaube als intellektuelles Konstrukt entspringt ja gerade dem Bemühen, die kriminelle Dimension solcher Verbrechen zu leugnen. Das Verleugnete wirkt als Botschaft an die Zukunft aber fort. Wenn die mächtigste moralische Instanz einer Kultur Massenmord als Etappenziel auf dem Heilsweg ansieht, setzt das selbstverständlich die Hemmschwelle der Gläubigen herab, Massenmord als historische Episode billigend in Kauf zu nehmen.

Machen wir die Gegenprobe! Gesetzt den Fall, Moses hätte nicht den Plan verfolgt, "gottlose" Völker auszurotten, sondern gottsuchende zu verschmelzen. Gesetzt den Fall, Israel hätte in Kanaan nicht konkret den Bann vollstreckt, sondern rituell den Akt vollzogen: Läse sich das Alte Testament dann nicht anders? Hätte ein Testament, das die Lust an der Liebe zum Fremden besingt, der Menschheit kein anderes Vermächtnis hinterlassen? Und läge die Hemmschwelle der Gläubigen im Umgang mit Sexualität in der Folge nicht woanders? Natürlich ist das so. Sonst könnte der Glaube Orgien besingen, ohne zu fürchten, dass er damit die Sitten verdirbt. Tut er aber nicht. Also wird auch die Hemmschwelle der Gläubigen im Umgang mit Gewalt vom mosaischen Vorbild beeinflusst.

Sieben Textzeilen weiter im selben Vorwort lesen wir, dass der Tempel...Asylort für alle Verfolgten ist. In Wirklichkeit war das Betreten des Tempels für Nichtjuden bei Todesstrafe verboten. Um den Tempel herum standen Warnschilder. Man hat sie bei Grabungen entdeckt. Wenn die Kirche erklärt, dass der Tempel Asylort für alle Verfolgten war, entspricht das erneut der Logik des Glaubens. Da der biblische Kult ein Existenzrecht von "Ungläubigen" gar nicht kennt, sind manche "Verfolgte" gar nicht verfolgt. Es sind mit Gottes Auftrag Auszurottende. Und da Jahwe "Verfolgten" im Gegensatz zu "Auszurottenden" niemals etwas antun würde, kann es zwischen den Ausrottungsparolen für alle "Gerechten" tröstlich heißen...

Psalm 145, 9:
Gut ist der Herr gegen alle, sein Erbarmen waltet über allen seinen Geschöpfen.

...ohne, dass dies gegen die immanente Logik des Glaubens verstößt; denn das Schuldgefühl der Gerechten entzündet sich nicht am Totschlag, sondern an gottloser Friedfertigkeit.

4 Moses 32, 22-23:
...wenn ihr erst dann heimkehren wollt, wenn das Land vor dem Herrn unterworfen ist, dann seid ihr von eurer Pflicht gegenüber dem Herrn und Israel befreit...Handelt ihr aber nicht so, dann seid ihr sündhaft vor dem Herrn.

Im Psalm 109 erfleht David den Tod eines Widersacher samt seiner Kinder.

Psalm 109, 3-15:
Mit Worten voll Haß umringen sie mich und bekämpfen mich ohne Grund. Für meine Liebe klagen sie mich an, ich aber bete für sie. Sie vergelten mir Gutes mit Bösem und meine Liebe mit Haß. Stelle gegen einen solchen einen Boshaften auf, ein Ankläger stehe zu seiner Rechten!...selbst sein Flehgebet [des Angeklagten] gelte als Verfehlung!...Seine Kinder sollen zu Waisen werden...Keiner sei...der sich seiner Waisen erbarmt! Seine Nachkommenschaft verfalle der Vernichtung...vernichte ihr Andenken aus dem Lande.

Laut Kommentar ist...

Der Fluch ist...letzte, dringlichste Bitte...Die Fluchpsalmen gehören als Rechtsmittel in den Prozeß des "Armen", in den Bereich des Gottesrechts; man kann sie nicht - wie das bisweilen geschieht - als Gegensatz zum Liebesgebot verstehen.

David ist überzeugt, dass sein Fluch gegen den Feind mit Liebe vereinbar ist und er auch dann für jemanden betet, wenn er dessen Tod erfleht. Der christliche Kommentar greift das Thema auf und meldet, dass man die dringlichste Bitte um die Vernichtung anderer nicht als Gegensatz zum Liebesgebot verstehen kann. Stimmt! Weil die Kirche das Liebesgebot nämlich so wie beschrieben als taktisches Manöver auffasst. Das Weltbild der biblischen Lehre ist so tief vom Dogma der Offenbarung gespalten, dass sie den Hass, den sie der Welt entgegenbringt, nur in den Gesichtern ihrer Feinde erkennt. Um die Verleugnung weiter zu vertiefen, deutet der Kommentar den Fluch als Rechtsmittel der Armen. Als David seine Flüche von sich ließ, war er König oder befehligte eigene Truppen. Gleichgültig was ein Parteigänger der Bibel auch tut, er bleibt immer unschuldig verfolgt, ein "armer" Kerl sozusagen, den man bedauern muss, weil die Bosheit der Welt ihn dazu zwingt, in Erfüllung des Liebesgebots der Konkurrenz um Milch und Honig die Pest an den Hals zu wünschen. Auch in der Bibel gibt es Spuren einer Liebe, die ihren Namen verdient.

Weisheit 7, 22-23:
Denn es wohnt ihr (der Weisheit) ein Geist inne: denkend, heilig, einzigartig, vielfältig, fein, beweglich, durchdringend, unbefleckt, klar, unverletzlich, das Gute liebend, scharf, unhemmbar, wohltätig, menschenfreundlich, sicher, fest, arglos, alles vermögend, alles beobachtend und alle Geister durchdringend, die denkenden, reinen und feinsten.

Weisheit 11, 24-26:
Denn du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von dem, was du erschaffen; denn hättest du etwas gehaßt, dann hättest du es nicht erschaffen...Ja, alles schonst du, weil es dein eigen ist.

Solange der Glaube unter die Offenbarungslüge keinen Schlußstrich zieht, verliert die echte Liebe im Sumpf des Hasses aber ihren Wert. Was nützt es der Liebe, wenn sie gehorsam Nero preist? Auch wenn die Hoffnung auf Neros Güte lauter ist, macht sich die Liebe zum Komplizen seiner Bosheit, wenn sie die Bosheit nicht beim Namen nennt. Selbst die Judaisten der Antike hatten Zweifel an der Gerechtigkeit des Völkermords.

Weisheit 12, 3-13:
...die einstigen Bewohner deines heiligen Landes...wolltest du durch die Hand unserer Väter vertilgen...mit jenen...bist du schonend verfahren und sandtest als Vorläufer deines Heeres Wespen, damit diese sie allmählich ausrotteten, obgleich du mächtig gewesen wärest...die Gottlosen...durch ein gestrenges Wort auf einmal zu vernichten...gabst du Raum für die Buße, obwohl du wußtest, daß ihre Abstammung schlecht und ihre Bosheit angeboren war und ihre Gesinnung ewig sich nicht wandeln würde. Denn ein von Anfang an verfluchter Stamm waren sie...Denn keinen Gott gibt es außer dir...so daß du beweisen müßtest, daß du nicht ungerecht gerichtet hast.

Vom Zweifel des Autors an der Gerechtigkeit sehen wir den Versuch, den Zweifel zu zerstreuen. Nachdem er den Ermordeten alle Schlechtigkeit zugeschrieben hat, die sein Credo hergibt, geht er davon aus, dass selbst die Allmacht unter Schuldgefühlen litt, weshalb sie den Opfern Raum für Buße gab. Obwohl es sowieso nichts nützen konnte! Abschließend stellt er fest, dass der Mord an den Kanaanitern nur gerecht sein kann, da die Macht Jahwes unanfechtbar ist und somit nicht bewiesen werden muss, dass er nicht ungerecht gerichtet hat. Der aktuelle Kommentar belegt, wie sich das Weltbild des Glaubens von der judaistischen Antike bis zur christlichen Gegenwart entwickelt hat.

Die ehemaligen Bewohner Kanaans waren Gott ein Greuel, daher sollten sie vernichtet werden, damit das "Heilige Land" eine würdige Bevölkerung erhalte. Doch auch die Kanaanäer waren Menschen (hier zeigt sich der Einfluß des von der griechischen Philosophie kommenden Humanitätsgedankens), deshalb wurden nur einige von ihnen getötet...Trotz ihres üblen Stammvaters und der deshalb geringen Aussicht auf Erfolg gab Gott den Kanaanäern Raum zur Buße. Und das tat er, obwohl er niemand Rechenschaft schuldig ist. Gottes Allmacht ist das Fundament seiner Gerechtigkeit. Darum herrscht er nicht wie ein Tyrann, sondern mit weiser Schonung. Nur offene Auflehnung wird bestraft.

Auch im christlichen Weltbild der Moderne steht der würdigen Bevölkerung eine gegenüber, die vernichtet werden soll. Immerhin stellt die Kirche heute fest, dass Kanaaniter Menschen waren. Dass die Glaubenskongregation eine solche Binsenweisheit erwähnt, belegt, dass der Zweifel an Jahwes Gerechtigkeit auch sie erreicht. Dazu liefert sie uns die Erklärung, woher ihr Zweifel stammt: Es handele sich einen Humanitätsgedanken der griechischen Philosophie. Immerhin ahnt die Kirche, dass Humanität nicht biblischen, sondern heidnischen Ursprungs ist. Die Ahnung reicht aber nicht weit. Kaum hat sie das Lebensrecht des Menschen als heidnisches Erbe unterschwellig anerkannt, fällt sie in Loyalität gegenüber Moses zurück. Um dessen Völkermord zu vertuschen, erklärt sie, nur einige Kanaaniter seien getötet worden. Das ist ein Verfahren, das anderweitig als "Auschwitzlüge" bekannt ist. Das Recht, die Kanaaniter zu vernichten, leitet sie denn auch prompt aus deren Blutsverwandtschaft mit einem üblen Stammvater ab. Auch die Absurdität der angeblich göttlichen Taten erkennt die Kirche im Grundsatz. Deshalb korrigiert sie die göttlich inspirierte Weisheit aus dem Alten Testament: Raum für Buße gab es nun nicht, obwohl Gott wusste, dass die Gesinnung der Vernichtungsaspiranten auf ewig sich nicht wandeln würde, sondern trotz...der geringen Aussicht auf Erfolg; offensichtlich ein weiteres Zugeständnis an die heidnische Philosophie, die Logik bereits Jahrtausende vor der Kongregation als notwendiges Werkzeug sinnvollen Denkens beschrieb. Als sei sie von ihren Argumenten selbst nicht überzeugt, betont schließlich auch die moderne Kirche, dass Gott niemandem Rechenschaft schuldig ist. Das weist auf eine versteckte Rebellion gegen den Bibelgott hin.

Der Hinweis, dass Gott niemandem Rechenschaft schuldet, findet sich nicht im Zusammenhang mit der Tatsache, dass er Äpfel auf Bäumen wachsen ließ. Auch da könnte man gehorsam betonen, dass Gott ein Recht dazu hat, wäre man selbst der Ansicht, dass an Bäume keine Äpfel, sondern Tomaten gehören. Wenn jemand im Zusammenhang mit einem Völkermord auf den Absolutismus der "göttlichen" Moral verweist, muss in seiner Seele der Zweifel an Jahwes Gerechtigkeit aufgetaucht sein. Durch eine Kaskade argumentativer Bocksprünge wird der Zweifel freilich sofort im Keim erstickt. Die Rebellion bleibt ein Geheimnis hinter der Maske betonter Loyalität. Diese Loyalität wird jedem angeraten, denn Gottes Allmacht, jener Faktor also, vor dem man kuschen muss, ist das Fundament seiner Gerechtigkeit. Um Klartext zu reden, heißt es dann zuletzt: Nur offene Auflehnung wird bestraft. Und warum? Weil nur offene Auflehnung politisch gefährlich ist. Die Kirche spricht aus dem verleugneten Bewusstsein heraus, dass es ihr um den religiösen Bezug zwischen Mensch und Gott nicht geht. Wenn nämlich nur offene Auflehnung bestraft wird, ist verdeckte erlaubt. Selbst der Papst braucht nicht an die Gerechtigkeit Jahwes zu glauben, wenn er sich der Herrschaft Jahwes nicht entgegenstellt.

Gericht ist die restlose Vernichtung all dessen, was sich Gott entgegenstellt. Von hier aus erhalten die rechtlichen und sittlichen Forderungen ihr Gewicht und ihr Richtmaß. Aus der Vollmacht des bedingungslos fordernden Gottes wendet sich Amos gegen politische Überheblichkeit.

So steht es im christlichen Kommentar zum Buch Amos. Wenn das Richtmaß der sittlichen und rechtlichen Forderungen sich vom Ziel einer restlosen Vernichtung all dessen ableitet, was sich dem Bibelgott entgegenstellt, muss auch die christliche Lehre die restlose Vernichtung fordern und solange die Kongregation bei ihrem Ruf nach Vernichtung nur heimlich zweifelt, braucht sie sich selbst vor dem Gericht nicht zu fürchten. Von daher beansprucht sie, was sie ihrem Propheten Amos zuschreibt: So wie Amos aus der Vollmacht eines bedingungslos fordernden Gottes zu handeln wähnt, so glaubt sich auch die Kirche als dessen irdische Repräsentanz, bevollmächtigt, wie Gott bedingungslos zu fordern. Dazu passend heißt es im Kommentar zum Johannesevangelium:

Ebenso wie Paulus und die erste Christengemeinde ist Johannes so sehr mit dem in seiner Kirche wirkenden Herrn vereint, daß er zwischen dem, was Jesus "damals" sagte und dem, was der erhöhte Herr in seiner Kirche spricht, nicht unterscheidet. Daher ist die Grenze zwischen den Worten, die Jesus auf Erden sprach, und den Worten des erhöhten Christus vielfach fließend. Nicht der tote Buchstabe, sondern der lebendige Geist der Botschaft Christi ist entscheidend.

Die Kirche weiß, dass Paulus und Johannes die eigene Meinung für ebenso göttlich hielten, wie das, was Jesus "damals" sagte. Darin hat sie Recht. Beide haben sich kaum um die Grundsätze Jesu gekümmert. Und sie betont, dass die Grenze zwischen den Worten, die Jesus auf Erden sprach, und den Worten des erhöhten Christus vielfach fließend ist. Wer verbreitet nun aber die Worte des erhöhten Christus? Wer ist der erhöhte Herr in seiner Kirche, der das Credo verlauten lässt? Die klerikale Obrigkeit, die dem Priester vorgibt, was er sagen darf. Wenn die erhöhten Herren seit Paulus zwischen dem, was ihr Gott "damals" sagte und dem, was sie selbst verkünden, nicht unterscheiden, dann unterscheiden sie auch nicht zwischen Gott und sich selbst. Da ist es nur konsequent, das überlieferte Wort Jesu als toten Buchstaben abzutun. Da Gott keine Auskunft gibt, ob sein Richtmaß tatsächlich die restlose Vernichtung all dessen ist, was sich ihm entgegenstellt, ist es faktisch die Lehre, die die Vernichtung von all dem fordert, was sich ihrer Macht nicht beugt. Der Anspruch auf die bedingungslose Vollmacht zur Vernichtung Andersdenkender geht von den Funktionären des Bibelglaubens aus. Sie propagieren "gerechten" Völkermord bis heute.



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