Cham
Weder Jude, Christ noch Moslem

Biographischer Bezug

Ich kam 1957 zur Welt. Es war die Zeit des kalten Krieges. Ich habe aber nicht nur den kalten Krieg der Machtblöcke erlebt, sondern auch einen kalten Krieg in meinem Elternhaus. Kindheit hieß für mich hauptsächlich frieren.

Meine Mutter war die älteste Tochter eines Bergmanns und einer Hausfrau. Mein Opa Wilhelm ist vor meiner Geburt gestorben. Es heißt, er sei ein liebenswerter Mann gewesen. Um seine beiden Töchter in den dreißiger und vierziger Jahren aufs Gymnasium zu schicken und schließlich zur Univer­sität, habe er Doppelschichten untertage gearbeitet.

Meine Oma Regina war eine strenggläubige Katholikin. Sie soll eine lausige Hausfrau gewesen sein, weil ihr die Mutter- und die Hausfrauenrolle als Gräuel erschienen. Eigentlich habe sie weder heiraten noch Kinder haben wollen. Eigentlich habe sie Lehrerin werden wollen, was zu Kaisers Zeiten für Töchter aus armen Häusern aber nicht zur Debatte stand. Statt ihre Mutterrolle anzunehmen, sei sie die treibende Kraft gewesen, die ihren Mann zu Doppelschichten antrieb und ihre Töchter zur höheren Bildung.

Meine Mutter hat im Krieg Medizin studiert. Dabei lernte sie einen Protes­tanten kennen. Eigentlich war eine Verbindung aus konfessionellen Gründen tabu. Für Regina war die Ehe ihrer Tochter mit einem Protestanten unvorstellbar.

Meine Mutter hatte auf der Ursulinenschule Abitur gemacht. Als Bergmanns­tochter sei sie dort von oben herab behandelt worden. Einmal habe sie gesehen, wie eine Nonne einer Putzfrau, die den Boden schrubbte, absichtlich auf die Hand trat. Auf dem Weg nach Hause habe sie geschworen, niemals einen Katholiken zu heiraten.

Mein Vater stammte aus Siebenbürgen. Nach dem Abitur am evangelischen Honterus-Gymnasium in Kronstadt habe er eigentlich Journalist werden wollen. Im Praktikum bei einer Zeitung habe er einen begeisterten Artikel über La Jana eingereicht. Der zuständige Redakteur sei ein strammer Nazi gewesen. Er habe scharf kritisiert, dass mein Vater eine dunkelhaarige Schauspielerin mehr lobt als eine, die arisch aussieht. Er habe ihm angekündigt, ihm eine Karriere als Journalist mit allen Mitteln zu erschweren. Alles sah damals so aus, als ob die Nazis auf unabsehbare Zeit die deutsche Welt beherrschten. Da er als Journalist niemals hätte schreiben dürfen, was er wirklich dachte, gab mein Vater den Journalismus auf und wurde Arzt.

Meine Mutter war nicht die erste Liebe meines Vaters. Noch bevor der Nationalsozialismus auch Siebenbürgen infiltrierte, hatte er eine Jüdin geliebt. Sie habe sich von ihm zurückgezogen, weil eine Beziehung zwischen einer Jüdin und einem Christen von keiner Seite her geduldet wurde.

Die Liebe meiner Eltern soll anfangs voller Zärtlichkeit gewesen sein. Es hieß, nach dem Krieg sei mein Vater so dürr wie ein Gespenst gewesen, weil er einen Großteil seiner Essensmarken an meine Mutter schickte. Auch wenn die Liebe leidenschaftlich anfängt, steht sie aber oft unter keinem guten Stern. Regina leistete mit jeder Faser ihres Glaubens Widerstand. Die Liebe einer Katholikin zu einem Protestanten durfte nicht sein. Sie warf meine Mutter aus dem Haus. Meine Mutter heiratet meinen Vater trotz alledem.

Zuerst kam meine Schwester auf die Welt; dann ich. An die Jahre bis 1960 habe ich keine Erinnerung. Das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter muss zum Zerreißen angespannt gewesen sein. 1960 verschärfte sich die Lage. Die Eltern meines Vaters kamen aus Siebenbürgen frei.

Meine Großmutter Elfriede war die Tochter eines evangelisch-lutherischen Pfarrers. Mein Großvater Johann war zunächst Bauer gewesen. Dann wurde er Dentist. Elfriede habe ihm das Jawort gegeben, weil es keine anderen Bewerber gab. Die Ehe mit einem Bauern sei nicht das gewesen, was eine Pfarrerstochter erwarten konnte. Meine Großeltern waren miteinander unglücklich. Als Johann 1969 starb, saß meine Mutter an seinem Sterbebett. Elfriede schlief im Nebenzimmer. Er bat darum, sie nicht zu wecken, bevor er tot ist.

Die Ankunft der Großeltern hat dem Glück meiner Eltern den Todesstoß versetzt. Meine Mutter habe gedacht, ein so selbstloser Mensch wie mein Vater müsse gütige Eltern haben. Die Wirklichkeit sei ein Schock gewesen. Der Dünkel meiner Großmutter habe sie mit voller Wucht getroffen. Für die lutherische Pfarrerstochter habe die Ehe ihres Sohnes mit einer katholischen Berg­mannstochter als Verirrung gegolten. Elfriede hatte ihre Gefühle im Griff. Außer ihrer Impulsivität hatte meine Mutter ihr nichts entgegenzusetzen. Elfriede übernahm im Haus das Regiment.

Als mein Vater vier Jahre als gewesen sei, habe er seiner Mutter wider­sprochen. Sie habe ihm einen Ranzen gepackt und ihn fortgeschickt, damit er sein Glück in der Welt auf eigene Faust versuche. Als er nach ein paar Metern weinend zurückkam, habe sie ihn unter der Bedingung wieder­aufgenommen, dass er in Zukunft folgsam ist. Mein Vater hat auch später seinen Eltern niemals widersprochen. Während Regina die katholische Oma war, war Elfriede im Hause die Großmutter.

Bis zu meinem vierten Lebensjahr waren Reginas Besuche geduldet. Sie kam, um die falsch getauften Kinder zum rechten Glauben zu bekehren. Einmal teilte sie mir mit, dass mir die Hölle sicher sei, solange ich evangelisch war. In der Folge bekam sie Hausverbot. Meine Mutter stürzte das Verbot in einen neuen Zwiespalt, den sie niemals lösen konnte. Als Katholikin war sie von einer protestantischen Schwiegermutter entmachtet worden und musste gleichzeitig zustimmen, dass ihrer eigenen Mutter der Zutritt verwehrt war.

Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem meine ganze Familie friedlich zusammen war. Bestenfalls saß man beisammen, ohne dass man zusammen­gehörte. Zwischen meinen Eltern kam es täglich zum Streit. Abends saßen wir Kinder hinter der Wohnzimmertür und hörten, wie unsere Eltern verbittert ihre Liebe zerfleischten. Von meinem Zimmer aus hörte ich Nacht für Nacht, wie sich meine Schwester nebenan in den Schlaf weinte. Ich selbst hatte panische Angst sobald das Licht ausging. Ich fürchtete, dass im Dunkeln böse Geister in mein Zimmer kämen oder Elefanten, die mich zerquetschen. Ich versteckte mich reglos so tief unter der Bettdecke, bis ich keine Luft mehr bekam.

Mit sechs wurde ich eingeschult. Quer durch das Gebäude verlief eine Mauer. Rechts wurden die katholischen Kinder unterrichtet, links die evangelischen. In den Pausen kamen alle auf dem Schulhof zusammen. Als ich sieben war, wurde ich von einem Katholiken knockout geschlagen. Ich wachte im Lehrerzimmer auf. Frau Farrenkopf beugte sich über mich und war erleichtert, als ich wieder zu Bewusstsein kam.

Die Mauer zwischen katholischen und evangelischen Kindern konnte ich mir dadurch erklären, dass man gute von bösen Menschen trennen musste. Daher war für mich klar, dass Katholiken böse sein müssen. Mir die Frage zu stellen, warum meine Mutter trotzdem katholisch war, machte keinen Sinn. Ich hätte keine Antwort gefunden.

Als Kind hatte ich vor allem Angst: vor der Nacht in meinem Bett, vor Lehrern, die mir ins Gesicht schlugen, vor meinem Großvater, der sich als Dentist um die kariösen Zähne seiner Enkel kümmerte und vor Kindern, denen man auf der Straße besser nicht begegnen sollte. Noch heute wird eine Anekdote aus dieser Zeit erzählt, die meine Ängstlichkeit beleuchten soll. Als in einem Film mit Vico Torriani eine Tortenschlacht begann, sei ich entsetzt aus dem Kino gelaufen.

Als mein Großvater gestorben war, zog meine Großmutter nach München. Der Krieg im Haus ließ nach, ohne dass jemals Frieden eintrat. Mein Frieren fand neue Ausdrucksformen. Während sich die Patienten meiner Mutter von je her wunderten, wie ich so dünn bekleidet in der Kälte spielen konnte, fror ich jetzt absichtlich auch nachts. Wenn möglich sorgte ich im Bett dafür, nur so leicht zugedeckt zu sein, dass ich niemals warm bekam. Das war das kleinere Übel. Lieber leibhaftig frieren als starr vor Angst unter der Decke zu liegen.

Als ich fünfzehn war, bat ich meine Eltern, das Haus verlassen zu dürfen. Ich wollte in ein Internat. Meine Eltern waren nicht nur liebenswerte, sondern auch großzügige Menschen. Sie finanzierten mir den Aufenthalt. Die näch­sten fünfzehn Jahren war ich fast durchgehend unglücklich. Meine Sehn­sucht nach Nähe fand nicht den Mut, sich auf eine Beziehung unbefangen einzulassen. Ich war einsam und zerrissen; ohne zu verstehen, wie es dazu gekommen war.

Mit gut vierzig fielen mir Bücher aus dem Nachlass meines Vaters in die Hand. Sie handelten von Religionen. In der Folge las ich die Bibel.

Ich war mit achtzehn aus der Kirche ausgetreten, ohne genau zu wissen warum. Die Kirche sprach, aber sie sagte mir nichts. Mein Wissen über den Glauben stammte aus dem Schulunterricht. Über den Glauben glaubte ich, was vermutlich viele glauben. Ich glaubte, was er selbst über sich glaubt. Ich glaubte, die Botschaft der Bibel sei so heilig und gut, dass der Mensch sie in seiner Verderbtheit leider nicht umsetzen kann. Von dem, was ich in der Bibel tatsächlich las, war ich völlig überrascht. Man hatte mir gesagt, die Bibel enthalte die einzig wahre Botschaft der Liebe. Es mag sein, dass in der Bibel viel von der Liebe gesprochen wird, zugleich ist sie eine Rechtfertigung unglaublicher Gewalt. Spätestens als ich bei Matthäus angelangt war...

Matthäus 10, 32-37:
Denket nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen... sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, einen Menschen zu entzweien mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter und des Menschen Feinde werden seine Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert...

... sah ich meine Kindheit in einem neuen Licht. Was ich erlebt hatte, war nicht Folge eines Versagens grundsätzlich verderbter Menschen, denen es misslang eine hehre Botschaft umzusetzen. Es war Folge einer Theologie, die Feindschaft zwischen Menschen säht, Schuldgefühle induziert und jedem seinen Wert abspricht, der ihr nicht zustimmt. Es war Folge einer Theologie, die einen so tiefsitzenden Zweifel am Wert meines Wesen in mir verankert hatte, dass ich Jahrzehnte brauchte, um mich davon zu befreien. Deshalb schrieb ich Cham. Cham war eine Etappe auf dem Weg zu mir selbst.

Keineswegs alles, was ich erlebt habe, laste ich dem Glauben an. Dafür ist die Welt zu groß. Sie birgt weitere Gefahren, und ein großer Teil dessen, was ich erlitten habe, war Folge meiner eigenen Schwachheiten und Irrtümer. Trotzdem bin ich überzeugt, dass der biblische Glaube in meinem Leben viel Schaden angerichtet hat; indem er sich ungefragt der Menschen bemäch­tigte, die mich hätten lieben können und indem er ihre Fähigkeit zu lieben schwer beeinträchtigt hat.

Als ich Cham schrieb, wollte ich damit möglichst viele von meiner Sichtweise überzeugen. Ich dachte, dass mit jemandem, der sie nicht teilt, etwas nicht in Ordnung wäre. Heute freue ich mich, wenn jemand mein Urteil über die abrahamitische Theologie teilt. Zugleich ist mir aber klargeworden, dass jeder, der es nicht tut, völlig in Ordnung ist; selbst der, der sich über mich empören mag. Die Wirklichkeit ist so komplex und so tief ineinander verzahnt, dass keine Sichtweise sie umfassend beschreiben kann. Die Bestimmung des einen ist es, sie so zu sehen, die Bestimmung anderer anders.