Thema:
Unterscheidung zwischen Monotheismus und Monopoltheologie

Religion ist die Suche des Wahren in jeder Form.

Judaismus, Christentum und Islam ringen nicht um ein Verständnis Gottes. Sie streiten darüber, welche Partei für sich in Anspruch nehmen darf, von Gott zur Herrschaft beauftragt zu sein. Alle drei stehen der Entwicklung einer friedlichen Weltgemeinschaft im Wege.

Glaube und Gesundheit
Dogmatische Religiosität und ihre Folgen

Theologie

  1. Zufall, Schöpfer und Geschöpf
  2. Monotheismus und Monopoltheologie
    1. 2.1. Integrativ / spaltend
    2. 2.2. Mystisch / dogmatisch
    3. 2.3. Individuell / parteibildend
    4. 2.4. Föderal / zentralistisch
    5. 2.5. Pluralistisch / totalitär
    6. 2.6. Wahrnehmend / beurteilend
    7. 2.7. Spirituell / okkultistisch
    8. 2.8. Wertschätzend / expansiv
  3. Religion, Politik und Personenkult

1. Zufall, Schöpfer und Geschöpf

Das Interesse am Sinn des Lebens ist ein logisches Ergebnis der persönlichen Individualität. Sobald ich erkenne, dass ich als besonderes Ich im Kosmos stehe, frage ich nach meinem Platz und der Ausrichtung des Lebens, die meinem Wesen entspricht.

Vier Theorien über die Beziehung des Einzelnen zur Wirklichkeit haben die Menschheit beschäftigt. Jeder Theorie entspringt eine folgerichtige Konsequenz für den Umgang mit Ethik und Moral.

Die meisten Kulturen der Geschichte gingen von der Existenz eines göttlich bestimmten Jenseits aus, auf das das Leben des Einzelnen hinausläuft und dessen Existenz in der Folge auch gesellschaftliche Strukturen nachhaltig bestimmte.

Im westlichen Kulturkreis haben sich Glaubensbilder durchgesetzt, für die die Behauptung eines einzigen Gottes zentraler Bestandteil der jeweiligen Bekenntnisse war: Judaismus, Christentum und Islam.

2. Monotheismus und Monopoltheologie

Judaismus, Christentum und Islam behaupten von sich, monotheistisch zu sein. Wenn es tatsächlich so wäre, gäbe es zwischen ihnen jedoch keine Rivalität. Vielmehr behauptet jede dieser Weltanschauungen, im Alleinbesitz der Wahrheit und deshalb beauftragt zu sein, alle übrigen Wege religiösen Ausdrucks aus der Welt zu schaffen. Daher sind die genannten Religionen nicht monotheistisch. Sie sind monopoltheologisch. Hinter jeder Form von Monopoltheologie steht als treibende Kraft das innerweltliche Parteiinteresse seiner Vertreter. Eine Gegenüberstellung beleuchtet den Unterschied.

Gegenüberstellung

Monotheismus Monopoltheologie
integrativ spaltend
mystisch dogmatisch
individuell parteibildend
föderal zentralistisch
pluralistisch totalitär
wahrnehmend beurteilend
spirituell okkultistisch
wertschätzend expansiv

Eine nähere Betrachtung der Gegensatzpaare macht den Unterschied deutlich:

2.1. Integrativ / spaltend

Spaltung ist ein wesentliches Kriterium der Monopoltheologien. Monopoltheologien propagieren einen entrückten Gott, der dem Diesseits aus einem kategorisch abgetrennten Bereich des Kosmos gegenübersteht. Dieser Gott hat die Welt als ein Produkt geschaffen, mit dem er wesenhaft nichts gemein hat.

Monopoltheologien spalten die Welt entlang einer grundsätzlichen Trennlinie: der zwischen heilig und profan. Daraus ergibt sich eine Entwertung innerweltlicher Strukturen, die Verachtung und Respektlosigkeit vor der Schöpfung nach sich zieht.

Monotheismus begreift den Kosmos als kohärente Einheit, deren Teile unverlierbar miteinander in Beziehung stehen. "Gott" wird als grundlegende Kraft begriffen, deren Existenz die Einbeziehung aller Teile garantiert und jedem Teil im Ganzen einen eindeutigen Wert zuordnet. Da Monotheismus alle Teile sinnvoll aufeinander bezogen sieht, misst er allem einen absoluten Wert bei, dessen Verneinung Gott widerspricht.

Im monotheistischen Bild fällt die Welt nicht in Himmel und Hölle auseinander. Für den Monotheismus gibt es keinen Unwert, der vernichtet werden müsste. Sein Gott garantiert jeder Existenz den Platz, der ihrem positiven Wert tatsächlich zukommt.

2.2. Mystisch / dogmatisch

Monopoltheologien berufen sich auf göttliche Aufträge. Dabei beinhaltet der Auftrag stets politische Ziele. Die beauftragte Person soll die Gesetze des entrückten Gottes an das Volk vermitteln. Die angebliche Göttlichkeit der Gesetze rechtfertigt dabei missionarische Gewalt. Monopoltheologien sind pseudoreligiös. Die vermeintliche Göttlichkeit des Auftrags festigt die Machtansprüche von Personen, die sich zu Stellvertretern Gottes auf Erden erklären.

Der angeblich göttliche Ursprung des offenbarten Weltbilds führt regelhaft zu einem dogmatischen Anspruch der Lehrsätze und damit zu intellektueller Erstarrung.

Da Monotheismus keinen entrückten Gott propagiert, sondern einen Gott dessen Entrückung eine gleichwertige Immanenz in der Schöpfung entspricht, ist Monotheismus mystisch. Er fordert keine Zustimmung zu allgemeingültigen Lehrsätzen, sondern ermutigt das unmittelbare Interesse des Einzelnen an der Einheit der Welt.

Monotheismus kennt keine göttlichen Aufträge und keine Offenbarung absoluter Gewissheit. Für ihn hat jeder das Recht, sich aus seinem Wissensstand heraus über das Wesen der göttlich durchsetzten Wirklichkeit zu äußern. Eine kategorische Unterscheidung zwischen Priestern und Laien kennt er nicht.

2.3. Individuell / parteibildend

Dem primär politischen Charakter der Monopoltheologien entspricht ihre Neigung, Parteien zu bilden. Die Anhänger monopoltheologischer Propheten schließen sich in Sekten zusammen, die sich gezielt von der übrigen Gemeinschaft abgrenzen und sich dafür göttlichen Lohn versprechen.

Dem mystischen Ansatz des Monotheismus ist die Sektenbildung fremd. Für einen organisatorischen Zusammenschluss, zum Beispiel in einem Kloster, verspricht der Monotheismus keinen göttlichen Lohn. Der Zusammenschluss erfolgt aus praktischen Gründen, nämlich dann, wenn die religiöse Praxis in einer Gemeinschaft besser auszuüben ist. Während sich das Individuum in einer Sekte unterzuordnen hat, bleibt seine Einordnung in eine monotheistische Gemeinschaft individuell.

2.4. Föderal / zentralistisch

Monopoltheologien ernennen religiöse Oberhäupter. Sie bilden Kirchen und Zentralräte. Sie definieren geographische Zentren, auf die hin die "einzig richtige" religiöse Bereitschaft angeblich ausgerichtet ist. Darin manifestiert sich die hierarchische Struktur ihres Sektencharakters.

Der Monotheismus kennt nur ein Zentrum: die Einheit der göttlich verbrieften Wirklichkeit. Daher ist Monotheismus föderal. Seine Kirche steht in jedem Hier-und-Jetzt, in dem sich ein Einzelner um eine Erkenntnis bemüht, die dem Einssein dient.

2.5. Pluralistisch / totalitär

Da Monopoltheologien sich im Besitz einer offenbarten und daher endgültigen Wahrheit wähnen, ist ihnen kulturelle Vielfalt wesensfremd. Sie respektieren sie nur soweit, wie ein radikaler Versuch, die Vielfalt zu beseitigen, ihrer Ausbreitung im Wege steht.

Monopoltheologien vereinheitlichen meist ganz Länder. Ihr Anspruch, gesellschaftliche Strukturen umfassend zu bestimmen, wird lediglich durch säkulare Kräfte oder konkurrierende Ideologien aufgehalten. Die Alleinherrschaft einer Monopoltheologie führt regelhaft in ein totalitäres Regime.

Dem Monotheismus entspringt kein Impuls, gesellschaftliche Strukturen gleichzuschalten. Er sieht in kultureller Vielfalt eine Bereicherung an Möglichkeiten, die seiner Suche nach Erkenntnis entgegenkommt.

2.6. Wahrnehmend / beurteilend

Monopoltheologie sucht nicht nach Wahrheit. Sie glaubt, sie zu wissen. Daher begegnet sie der Wirklichkeit nur mit wenig Neugier und Interesse. Sie sieht ihre Aufgabe vielmehr darin, die Realität gemäß ihrer Dogmen zu beurteilen. Sie neigt daher zur Idealisierung, zur Entwertung und Verdammung. Wer das Weltbild der Monopoltheologien bestätigt, wird "heilig gesprochen", wer ihrem Anspruch widerspricht, wird in "Gottes Namen" verflucht.

Der Monotheismus geht nicht davon aus, dass Wahrheit durch persönlich beauftragte Agenten Gottes offenbart wird. Für sie drücken sich Wahrheit, Wesen und Wille Gottes unmittelbar in jener Wirklichkeit aus, in die das Leben eingebettet ist. Die religiöse Praxis des Monotheismus besteht daher im Erkennen. Während die Monopoltheologien den Besitz der Wahrheit für sich reklamieren und folglich belehrend sind, bleibt der Monotheismus neugierig, fragend, lernbereit. In seinen Augen wird Wahrheit nicht offenbart, sondern gefunden.

2.7. Spirituell / okkultistisch

Okkultismus ist der Glaube an übersinnliche Kräfte, mit denen der Laie nur durch Medien in Verbindung treten kann. Dem Medium wird eine Fähigkeit zugeschrieben, die der Laie nicht hat. Der unmittelbare Zugang zur höheren Macht, mit der das Medium im Bunde steht, bleibt für den Laien versperrt.

Monopoltheologische Kulte sind okkultistisch. Als Medien, über die der Mensch mit Gott kommunizieren kann, benennen sie Propheten und Priester sowie die Mitgliedschaft in Sekten und Glaubensparteien. Das Heil erfährt, wer sich zur Mitgliedschaft bekennt und seine Unterwerfung durch sektenspezifische Rituale signalisiert.

Der Monotheismus kennt keine Medien, durch die der Mensch Gott zu begegnen versucht. Sein Mittel zur Suche nach religiöser Wahrheit liegt jeweils im Einzelnen selbst. Es ist dessen Bewusstsein, das sich aller Mittel der Wahrnehmung bedient, um die Suche nach Einheit auszurichten. Spiritualität ist ein Lebenskonzept, das danach strebt, den eigenen Geist unmittelbar mit dem Urgrund des Daseins zu verbinden.

2.8. Wertschätzend / expansiv

Monopoltheologien sind unfähig wertzuschätzen, was ihnen selbst nicht untergeordnet ist. Fremden Kulturen treten sie mit Verachtung entgegen. Sie fühlen sich beauftragt, jeden kulturellen Ausdruck zu beseitigen, der ihren Vorgaben nicht entspricht. Daher verhalten sich Monopoltheologien missionarisch und expansiv. Sie wollen im vorgeblich göttlichen Auftrag das "gelobte Land" erobern und danach die ganze Welt.

Dreh- und Angelpunkt ihres programmatischen Hungers nach Eroberung ist ihr weltverachtendes Gottesbild. Die Annahme eines entrückten Gottes, der von oben auf den Menschen schaut, als habe er sonst nichts mit ihm zu schaffen, führt zu einer ideologischen Spaltung der Welt in zwei Teile: heilig-göttlich-wertvoll-mächtig / weltlich-menschlich-bedeutungslos-gemacht.

Der Verachtung fremder Kultur liegt eine Menschenverachtung zu Grunde, die das Mitglied monopoltheologischer Gemeinschaften genauso trifft wie alle anderen. Wertgeschätzt wird nicht der Mensch an sich, sondern dessen Gehorsam vor dem Machtanspruch des Kults.

Monotheismus geht von einem Gott aus, der keine gespaltene Welt regiert, sondern seine Vielfalt in einer heiligen Welt zum Ausdruck bringt. Monotheismus ist wertschätzend. Er glaubt, dass göttliches Wirken in jeder Form zu finden ist. Ein missionarischer Eifer, der bloß belehren will, aber nichts lernt, ist ihm fremd.

3. Religion, Politik und Personenkult

Monopoltheologie ist ein Missbrauch der monotheistischen Idee zu politischen Zwecken. Monopoltheologien befassen sich mehr mit der politischen Organisation der von ihnen beherrschten Völker als mit dem Bezug des einzelnen Menschen zu Gott.

Während echte Religion von einer spirituellen, mystischen, unmittelbaren Hinwendung des jeweils Einzelnen zum Urgrund seiner Existenz spricht, ersetzen politische "Religionen" Gott durch menschliche Vertreter. Der Einzelne wendet sich nicht an Gott, sondern an den Priester, den Mullah, den Rabbi, der ihm sagt, was nach Meinung anderer Menschen - der Propheten - "gottgefällig" ist.

Monopoltheologien sind Personenkulte. Ihr Schwerpunkt liegt nicht im Glauben an den einen Gott, sondern im Glauben an Moses, Paulus oder Mohammed.

Spiritualität ist ein mächtiger Impuls. Trotz der Dominanz der Monopoltheologien war sie im Lauf der Geschichte nicht auszurotten. Um zu überleben musste sie sich in das Gewand der herrschenden Ideologien kleiden. Deshalb spricht man von einer jüdischen, einer christlichen und einer islamischen Mystik. Tatsächlich ist Mystik weder jüdisch, christlich noch islamisch. Lehrsätze und Dogmen sind für echte Religiosität eher hinderlich.